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12. August 2009
Als Berlin zweigeteilt wurde
Zwei Bücher mit dem Titel "Die Mauer": Die Historiker Edgar Wolfrum und Frederick Taylor über die Vor- und Nachgeschichte des 13. August 1961
Im November wird Deutschland den 20. Jahrestag des Mauerfalls feiern. Wäre es nach Erich Honecker gegangen, würde stattdessen ein anderes Jubiläum gefeiert: Übernächstes Jahr wäre der 50. Jahrestag des Mauerbaus fällig gewesen. Am 13. August 1961 begann das DDR-Regime unter der Regie Honeckers, des damaligen "Sicherheitssekretärs" des Zentralkomitees der SED, jenes monströse Bauwerk zu errichten, das die Trennung von Ost- und Westberlin, von Ost- und Westdeutschland, für knapp vier Jahrzehnte in Beton gießen sollte.
Als "Geschichte einer Teilung" hat der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum sein Buch über die Mauer im Untertitel bezeichnet. Seinen Titel – naheliegend "Die Mauer" – teilt es sich mit einem Buch des britischen Historikers Frederick Taylor, das vor drei Jahren veröffentlicht und jetzt ins Deutsche übersetzt wurde. Wer sich in Kürze über die wesentlichen Züge der Geschichte der Mauer informieren will, ist bei Wolfrum richtig, dessen Buch 192 Seiten hat. Seine Stärke ist die Analyse.
Wer die Geschichte der Mauer ausführlicher erzählt haben möchte, ist bei Taylor richtig. Sein 576-seitiges Buch hat im Deutschen den Untertitel "13. August 1961 bis 9. November 1989". Korrekt ist er nicht. Denn Taylor beginnt viel früher: mit den Anfängen Berlins im 13. Jahrhundert. Zum Thema kommt er erst ab Seite 50, als er die Biographie Walter Ulbrichts skizziert. So manche Passage in Taylors Buch ist überflüssig, aber das kann seine Stärke kaum schmälern: die lebendige Schilderung von Ereignissen und handelnden Personen.
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Wobei auch Taylor den großen politischen Linien folgt. Der Bau der Mauer ist nicht zu verstehen ohne den Zweiten Weltkrieg, die Besetzung Deutschlands durch die Siegermächte, die Konfrontation von amerikanisch-westlichem Kapitalismus und östlich-russischem Kommunismus an den Grenzen der Besatzungszonen. Während Kanzler Konrad Adenauer Westdeutschland an die USA band, stand Ostdeutschland in Person Ulbrichts, des Generalsekretärs der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, fest an der Seite der UdSSR.
In Deutschland wurde der Kalte Krieg zur heißen Konfrontation. Das erste Mal 1948, als die D-Mark auch in West-Berlin eingeführt werden sollte: Die Russen riegelten ein Jahr lang die Teil-Stadt ab, nur per Flugzeug konnte sie versorgt werden. 1952 nahm die DDR den Beitritt der BRD zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft zum Anlass, die Grenze zwischen beiden Teilen Deutschlands zu schließen: Auf 140 Kilometern Länge wurde eine fünf Kilometer breite Sperrzone errichtet, die niemand betreten durfte. Stacheldraht verhinderte den Grenzübertritt.
Nur in Berlin, der von den vier Besatzungsmächten gemeinsam regierten Stadt, war die Grenze noch offen. Man musste nur vom russischen Sektor in einen westlichen Sektor laufen. Die DDR-Bürger nutzten das zur massenhaften Abwanderung. Bis 1961, so beziffert es Taylor, kehrten rund drei Millionen Menschen der DDR den Rücken, rund ein Sechstel ihrer Bevölkerung.
Die DDR beschuldigte "Menschenhändler" und "Kopfjäger" aus dem Westen, ihre Arbeiter und Ingenieure abzuwerben. Doch es war das westliche Wirtschaftswunder. Ulbricht sah sich gezwungen, seinen Sozialismus mit Zwang zu retten. Er drang beim russischen Staatsführer Nikita Chruschtschow darauf, das "Schlupfloch Westberlin" verstopfen zu dürfen.
Taylor wie Wolfrum interpretieren eine berühmt-berüchtigte Äußerung Ulbrichts neu: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten", sagte er am 15. Juni 1961 vor Journalisten. Keine Freud’sche Fehlleistung sei das gewesen, mit der Ulbricht seine wahre Absicht verraten hätte, so schreibt Wolfrum, sondern kluge Strategie. Ulbricht habe die Fluchtbewegung angeheizt, damit der zögerliche, die Konfrontation mit den USA scheuende Chruschtschow dem Mauerbau zustimme. Die Rechnung ging auf: 30 000 Menschen gingen im Juli über die Grenze – und Chruschtschow gab sein Einverständnis.
Es schlug die Stunde Honeckers: Taylor zählt auf, wie viel Material der Sicherheitssekretär nach Berlin schaffen ließ (alleine 18 200 Betonpfosten und 450 Tonnen Stacheldraht), auf 400 Lkw, die Umwege fuhren, um ihr Ziel zu verschleiern. Rund 15 000 Soldaten und Polizisten gingen in der Nacht zum Sonntag, dem 13. August, an der Grenze um West- Berlin in Stellung, um ein Uhr begann die Schließung. Auf den Straßen wurden Stacheldraht und Betonschwellen verlegt, S- und U-Bahn-Linien wurden unterbrochen, Bahnhöfe gesperrt. Um sechs Uhr morgens war die Grenze dicht.
Und der Westen ließ es geschehen. Taylor schildert, wie Willy Brandt, Berlins Regierender Bürgermeister, US-Präsident John F. Kennedy um militärische Unterstützung anging, doch der wollte keinen Krieg riskieren. Genauso wenig wie Großbritannien und Frankreich. Im Gegenteil waren Washington, London und Paris froh, dass die Lage in Berlin nun gewaltsam stabilisiert war. "Was bei den einen einen tiefen Schock hervorrief, bewirkte bei den anderen große Erleichterung", schreibt Wolfrum. Erst zwei Jahre nach dem Mauerbau kam Kennedy nach Berlin. Und sprach angesichts der Grenze den berühmten Satz "Ich bin ein Berliner".
Fast schon genüsslich beschreibt Taylor die absurden Scharmützel, die sich Amerikaner und Russen in der Folgezeit lieferten, als die Ersteren sich plötzlich bei ihren Fahrten nach Ost-Berlin ausweisen sollten. Genauso weiß er aber auch einen ernsten Ton anzuschlagen, im 14. Kapitel, dem längsten seines Buches, das er den Flüchtlingen widmet, die die Mauer in den nächsten Jahrzehnten überwinden wollten, und den Fluchthelfern, die ihnen beistanden.
Er schildert Fälle wie den Ingo Krügers, eines 21-Jährigen, der im Dezember 1961 vom Osten zu seiner Verlobten in den Westen fliehen will, aber beim Durchtauchen der eisigen Spree erfriert. Oder den des 27-jährigen Lokführers Harry Deterling, der auch noch 1961 mit einem Zug die Grenzsperren durchbrach. Unter den Passagieren: seine Frau und vier Kinder. Fluchthilfe-Organisationen werden gewürdigt, wie die "Girrmann-Gruppe" um einen Angestellten des Studentenwerks der Freien Universität, die erst Kommilitonen, dann auch andere Menschen aus dem Osten schleust, in Geheimdienstmanier mit Hilfe gefälschter ausländischer Pässe, später durch eigens gegrabene Tunnel unter der Mauer.
Wie viele Fluchtversuche erfolgreich waren und wie viele Menschen an der Mauer zu Tode kamen, das lässt sich nicht mehr genau beziffern. Die Bundesanwaltschaft spricht von 86 Menschen, die bis November 1989 an der Berliner Mauer starben. Es wurden immer weniger, je grausamer die Grenzsperren wurden. Auf die Selbstschussanlagen, die sonst an der deutsch-deutschen Grenze Anfang der 70er Jahre installiert wurden, verzichtete die DDR in Berlin zwar. Doch ein Signalzaun, der bei Berührung Alarm auslöste, "Flächensperren" – Stahlplatten mit aufrecht stehenden Stahlspitzen –, Hundelaufanlagen und schließlich die 3,75 Meter hohen "Sperrelemente" waren so gut wie unüberwindbar.
– Edgar Wolfrum: Die Mauer. Geschichte einer Teilung. C. H. Beck, München 2009. 192 Seiten, 16,90 Euro.
– Frederick Taylor: Die Mauer. 13. August 1961 bis 9. November 1989. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. Siedler, München 2009. 576 Seiten, 29,95 Euro.
Autor: Thomas Steiner
