Leistungsschau

Archäologie in Deutschland: Eine Berliner Ausstellung zieht Bilanz

Wulf Rüskamp

Von Wulf Rüskamp

Di, 30. Oktober 2018 um 21:21 Uhr

Ausstellungen

Die Archäologie in Deutschland hat zwei aufregende Jahrzehnte hinter sich.

Um nur wenige Stichwörter zu nennen: Himmelsscheibe von Nebra, Löwenmensch und andere Figuren aus der Schwäbischen Alb, der bronzezeitliche Goldfund im norddeutschen Gessel, der Statuenfund von Berlin, der für die NS-Zeit steht. Das allein rechtfertigt den Titel "Bewegte Zeiten" für die Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau, in der vieles von diesen Sensation machenden Entdeckungen zu sehen ist.

Zugleich aber werfen die ja auch zahlenmäßig verstärkten Grabungen ein vielfältiges Licht auf die Vor- und Frühgeschichte Mitteleuropas, das die Historiker veranlasst, viele herkömmliche Aussagen zu revidieren und die Geschichte zumindest teilweise neu zu schreiben – also auch da "Bewegte Zeiten". Dazu zählt selbstverständlich die Einsicht, dass in diesen frühen Jahren weit mehr Austausch und Bewegung war als angenommen: Mit Hilfe der Genetik kennt man nun die großen Migrationsbewegungen der Jungsteinzeit, in denen die großen kulturellen Schritte – Ackerbau und Viehzucht, aber auch Metallbearbeitung – nach Mitteleuropa gelangten.

Selbst eine starr erscheinende Grenze wie der Limes war eher Basislager als Endstation für römische Truppen, die weiter nach Osten vorstießen. Vor zehn Jahren beispielsweise wurden am Westrand des Harzes erste Spuren einer blutigen Schlacht entdeckt, die sich um das Jahr 235 Römer und Germanen geliefert haben.

Sie haben also viel Aufregendes über unsere Vorgeschichte zu erzählen, die in den Landesdenkmalämtern und Landesmuseen organisierten Archäologen der Bundesländer, und sie können dem staunenden Publikum dazu faszinierende Funde aus allen Epochen präsentieren. Schon vor 20 Jahren hatten sie ein erstes Mal Zwischenbilanz gezogen – mit großem Erfolg. Das wiederholen jetzt der Verband der Landesarchäologen und das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte. Es handelt sich also auch um eine Art Leistungsschau der deutschen Archäologie, mit einer Sammlung Objekten, die sonst auf viele Museen verstreut sind. Manche Erstentdeckung verdankt sich Hobbyforschern und leider auch Raubgräbern. Vor allem aber sind es Bauvorhaben, die eine Ausgrabung anstoßen. Bestes Beispiel ist der Bau der Kölner U-Bahn, bei dem unter der Altstadt das einstige römische Hafenbecken freigelegt worden ist. Zutage kamen die schweren Eichenbalken der Kaimauer, Fragmente eines römischen Handelsschiffes – aber auch jede Menge Müll, den die römischen Kölner hier entsorgt hatten. All das nimmt breiten Raum im Hauptsaal des Gropius-Baus ein, und es ist einfach großartig, wie hier der "Müll" aus Keramik- und Glasscherben, Knochen und Muscheln zu neuen Haufen zusammengekehrt worden ist – freilich mit aller Sorgfalt, denn jedes Teil trägt seine Depotnummer.

Es zeugt aber auch von der Fülle an Funden und der Intensität der archäologischen Arbeit, die damit weit in den antiken Alltag einzudringen vermag. In ähnlicher Weise kann jeder Grabungsort die Geschichte, deren Relikte er enthält, mit der Geschichte seines Findens und Freilegens verbinden.

Wo Geschichten erzählt

werden können,

wird Geschichte lebendig

Leider haben die Kuratoren der Überzeugungskraft der mehr als 1000 Ausstellungsobjekte nicht allein getraut. Vielmehr haben sie ihre Präsentation mit vier thematischen Oberkapiteln überzogen, die aktuelle Bezüge vorgaukeln: Mobilität – leben wir nicht auch in bewegten Zeiten? –, Warenaustausch, Konflikt, Innovation. Selbstverständlich lassen sich derlei Allgemeinbegriffe auf 40 000 Jahre oder die gesamte Menschheitsgeschichte anwenden. Aber zugleich nehmen sie den Objekten ihre spezifische Geschichtlichkeit.

Entsprechend finden in einer Vitrine Fundstücke des Neolithikums, der Römerzeit oder des Spätmittelalters zu einer Nachbarschaft, die wenig mehr erhellt als die Aussage, dass es Handel mit Schmuck oder wichtigen Grundstoffen zu allen Zeiten gegeben hat oder dass nationale Grenzen ein Konstrukt neuerer Zeit sind – was Archäologen immer schon wussten. Ohne seine spezifische historische Einordnung bleibt selbst ein 300 000 Jahre alter Speer aus dem niedersächsischen Schöningen nur ein unauffälliges Holzstück – und nicht die archäologische Sensation, die Rückschlüsse auf die frühe Besiedlung Nordeuropas erlaubt.

Es beweist daher die Stärke der in Berlin ausgestellten Objekte, wenn sie sich dennoch gegen die drohende Kunterbuntheit behaupten können – gerade dann, wenn sie Ensembles bilden. Dazu zählen die zarten Glaskolben einer Wittenberger Alchemistenküche ebenso wie die Flöte und die Venusfigur aus den Albhöhlen (alles unter der Überschrift "Innovation"), ebenso die aus den oberschwäbischen Mooren geborgenen ersten Wagenräder, die Häuser aus der Zeit der Stadtgründung Lübecks oder die Skulpturen, die von den Nationalsozialisten als "entartet" in einer Wohnung eingelagert und durch Weltkriegsbomben beschädigt worden sind. Es gilt eben: Wo Geschichten erzählt werden können, wird Geschichte lebendig. Deshalb erführe man über viele Ausstellungsobjekte gerne mehr – was hier dem sehr gut gemachten Katalog überlassen wird. Etwa der Hintergrund zur großen Schlacht am Fluss Tollense Mecklenburg-Vorpommern, an der vor 3000 Jahren rund 5000 Menschen teilgenommen haben; gefunden hat man bisher auf einem Viertel der Fläche 130 Leichen – Zeugnisse eines Gewaltausbruches in einer Dimension, die man in dieser als dünn besiedelt eingeschätzten Region bisher kaum für möglich hielt. Was damals ausgefochten wurde an diesem Flussübergang, wissen die Archäologen nicht – noch nicht.

Die Frage, was jeweils dahinter steckt, treibt die Menschen erst recht beim Anblick der bronzezeitlichen Himmelsscheibe von Nebra um, die allerdings vom 5. November an nur mehr in Kopie zu sehen ist. Sie wird im Gropius-Bau als Höhepunkt der Ausstellung leicht überinszeniert – und überspielt deshalb im Publikumsinteresse die drei goldenen Hüte im gleichen Raum. Dennoch dürften sie, könnte man sie nur richtig lesen und deuten, ebenso viel über das astronomische und kalendarische Wissen verraten wie die Himmelsscheibe. Und darin liegt auch ein Zauber dieser Ausstellung: Weil die archäologischen Funde noch so frisch sind, werden sie oft umlagert von Fragen nach ihrer Bedeutung.

Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland. Gropius-Bau, Berlin. Bis 6. Januar,

Mi bis Mo 10–19 Uhr.