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17. November 2009

Ein Fleck in großer Höhe

Die ungewöhnlichen Fotos des Japaners Masao Yamamoto in der Freiburger Galerie Baumgarten.

So was haben wir noch nicht gesehen. Nicht nur hier bei Albert Baumgarten nicht. Fotos, an die Wand geheftet, ohne Rahmen, belichtete Zettel, teils miniaturhaft klein, manche ein wenig fleckig – an den Rändern sind sie grob beschnitten. Sie sehen gar nicht aus wie ausgestellt. Eher wie da hingeweht. Fotos, die weit auseinander liegen, vom Motiv her gesehen. Wenn der Fotograf sie hier vereint, dann weitet er den Blick.

Eins, es ist das einzig farbige in der Gruppe, in dieser Ausstellung überhaupt, zeigt ein Tintenblau und darin eine Wolke. "Ich liebe es, den Wandel in der Natur zu beobachten", sagt Masao Yamamoto. Und kommt dann auf Wolken zu sprechen. Dinge sieht der Japaner wie Wolken an und Wolken immer wieder. Es ist ein fernöstlicher Blick auf eine "fließende Welt". Ein Blick, der im scheinbar Vagen Bildkraft findet. Dabei läuft das Geschäft des Fotografen, wie wir es kennen, doch in die Gegenrichtung. Zeigen. Festhalten. Den Fluss für den Moment zum Stillstand bringen. Dieser hier taucht ein.

Seine Haltung beschreibt er mit einem Paradox. "Aktive Passivität", sagt er. Ich stelle mir darunter eine Art Wachheit, gelassene Aufmerksamkeit vor. Für alles, Zufälle, Kleinigkeiten. Oft ist dann auf einem Foto nur ein Minimum von etwas drauf. Ein Vogel zum Beispiel. Der auch nur wieder ein Fleck sein könnte oder ein in der Höhe vorbei fliegendes Flugzeug. Unausgesprochen gewinnt dieses Etwas Gewicht. Nicht weniger als da auf dem größeren Zettelchen die dunkle Silhouette des Waldes, die sich im Wasser spiegelt, mit schwimmenden Heiligenscheinen davor, die wohl ein hüpfender Stein verursachte. Wir wissen es nicht. Oder wie das Bild des Vogels in der ausgestreckten Hand. Sie hält ihn nicht fest. So wie dieser Fotograf seine Motive nicht festhält.

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Der Nabel ist eine Wolke

Die Fotos, die nicht im lockeren Ensemble an die Wand geheftet sind, finden in flachen Schmetterlingskästen Platz. Powere Papiere, kleine Preziosen, die so ihren Raum haben. Sich da in ihr Dunkel hüllen, in Licht auflösen. Im Kleinen geht der Blick ins Weite. Vom Flugzeug aus auf Gebirge, Wolkenbänder, Küstenstreifen. Von unten steil nach oben. Einmal streift er eine schimmernde Vogelwolke . Weiträumig scheinen Beziehungen auf. Wo sie mal gesucht anmuten, verliert das Bild.

Doch das ist die Stärke des Fotografen immer wieder, dass er die Dinge sein lässt. Wie zufällig sind an einem Rand eines Fernblicks ein paar winterlich entlaubte Zweige stehen geblieben. Wunderbar zufällig bricht sich eine dunkle Wellenlinie im Meer, verkehrt sich in einem Augenblick in ein leuchtendes Schaumweiß. Der hellwache Lichtbildner fügt sein Licht in keinen Plan. Manchmal will es unmäßig scheinen. Undurchdringlich wie die Dunkelheit. Oder wie eine Rarität – wie das Glitzern der Perlenkette, die die nackte Frau im Dunkeln in der Hand hält. Oder es wird zum Rund des Mondes an der sanften dunklen Schulter des Fuji. Und jener Frauenakt wird nicht zum Objekt begieriger Blicke. Man sieht ihn ja kaum. Und dieser Berg ist doch nicht der, den man kennt. Und dieses Wäldchen? Das kleine Tor davor deutet auf einen Shinto-Schrein. Doch dann die Senke im Hellen wiederum: ein bezaubernder Nabel. Oder eher eine Wolke.

Alles hier ist in dieser Weise unverfügbar, unfixierbar. Selten, sagt Albert Baumgarten, habe er so viele Leute rätseln, ihre Köpfe zusammenstecken sehen wie vor diesen Bildern.
– Galerie Baumgarten, Kartäuserstr. 32, Freiburg. Bis 19. Dez., Di bis Fr 15–19, Mi, Do auch 10–12 Uhr, Sa 11–15 Uhr.

Autor: Volker Bauermeister