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03. Juli 2010
Den Islam in die Demokratie integrieren
Der vom Freiburger Verleger Andreas Hodeige gegründete Salam Verlag bringt ab Herbst Kinderbücher für Muslime heraus.
Ein schöner Name. Und ein programmatischer dazu. "Salam" heißt "Friede". Bücher, glaubt Ahmad Milad Karimi, können Frieden stiften. Der 31-jährige Islamwissenschaftler und Philosoph ist Geschäftsführer des vom Freiburger Verleger Andreas Hodeige vor einem Jahr gegründeten Verlags, der unter diesem Titel Kinderbücher für in Deutschland lebende Muslime herausgeben will. Die ersten fünf sollen im Herbst auf den Markt kommen, wahrscheinlich zur Frankfurter Buchmesse.
Kinderbücher: In der westeuropäischen säkularisierten Gesellschaft käme man nicht darauf, dass das Programm des Salam Verlags in erster Linie auf die Heranführung an den Islam zielt. Die religiöse Erziehung der hier lebenden Kinder sollte, meint Karimi, nicht den oft selber durch eine autoritäre Glaubensvermittlung geprägten Eltern überlassen bleiben, denen es auch schlicht an Hilfsmitteln fehle, um die elementaren Fragen ihres Nachwuchses zu beantworten: Wer war Mohammed? Was ist der Koran? Warum bete ich? Warum trinken Muslime keinen Alkohol? Was hierzulande selbstverständlich ist: ein großes Angebot an christlichen Kinderbüchern, fehlt für den Islam weitgehend. Eine Million Kinder muslimischen Glaubens wachsen, so Karimi, in Deutschland nahezu buchlos aus. Dem will der Salam Verlag abhelfen.
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Karimi liegt dabei naturgemäß nichts ferner als ein einseitiges Bild des Islam. Den Islam gibt es ja ohnehin nicht, sondern – wie im Christentum – eine Vielfalt an Strömungen: neben den Sunniten, die die Mehrheit in Deutschland stellen, sind hierzulande besonders die Schiiten und die Aleviten vertreten. Dem in Kabul geborenen weltläufigen Sohn aus großbürgerlicher Familie, der seit 1994 – nach der Flucht aus Afghanistan – in Deutschland lebt, in Darmstadt und Freiburg weitgefächert studiert hat und die Festschrift für den katholischen Religionswissenschaftler Bernhard Uhde zum 60. Geburtstag mit herausgegeben hat, geht es vor allem darum, den Islam mit den Werten der Demokratie zusammenzudenken. "Der Islam hat ein großes Herz", sagt Karimi. Es ist nach seiner Auffassung so groß, dass es nicht, wie die islamischen Fundamentalisten (hass)predigen, im Widerspruch zur westlichen Gesellschaft steht. Ein Hauptanliegen des Verlags besteht darin, gegen jede Art von Parallelgesellschaft anzugehen. Schon allein die sprachliche Verfasstheit der Bücher des Salam-Verlags trägt dazu bei: Sie sind in der Regel deutsch, aber auch bilingual.
Das gilt besonders für die Sprachbücher, in denen Karimi die zweite Säule des Verlags sieht. Dahinter steht der auf den ersten Blick überraschende Gedanke, dass Kinder zunächst ihre Muttersprache mit deren kulturellem Hintergrund kennen müssen, um sich fruchtbar an einen anderen Kulturkreis annähern zu können. Das heißt: Integration kann nur auf Augenhöhe gelingen, dann, wenn sich der Angehörige der "fremden" Kultur nicht wegen mangelnder Bildung als benachteiligt empfindet. Beabsichtigt ist, Sprachbücher für die zentralen islamischen Sprachen Arabisch, Türkisch, Persisch, Urdu und Indonesisch zu entwickeln: ein ambitioniertes Unterfangen.
Für Ahmad Milad Karimi, der im Begriff ist, seine Doktorarbeit über Hegels Philosophie zu Ende zu bringen, ist diese Form von vertieftem Sprachunterricht die Voraussetzung dafür, ein Gegengewicht zu den muslimischen Gemeinden und Verbänden in Deutschland zu bilden. Die Unabhängigkeit des Verlags von diesen Institutionen ist ihm sehr wichtig. Sein Verlagsprogramm liest sich wie eine Anleitung zum Selberdenken – ganz im Sinn einer Aufklärung, die, wie er zu zeigen sucht, ihre Wurzeln nicht nur im Westen hat. Auch wenn es um die Etablierung des Islamunterrichts an deutschen Schulen geht, möchte der Salam Verlag mitreden. Denn auch dieser kann in den Augen Karimis nur Teil eines umfassenden Miteinanders der Kulturen sein – eines interreligiösen Dialogs, dem sich der Salam Verlag als drittem Programmschwerpunkt eigens widmen will. Ein Grundverständnis für andere Religionen und für die politische Verfassung der westlichen Demokratie sollen die jungen Leser hier entwickeln können – und nicht nur sie: Diese Bücher werden auch deshalb zweisprachig sein, damit die häufig des Deutschen nicht mächtigen Eltern einen Zugang zu ihnen haben.
Der Salam Verlag, der von einem beeindruckenden wissenschaftlichen Beirat begleitet wird – mit dem Schriftsteller Rafik Schami, der Journalistin Sineb El Masrar, Herausgeberin der einzigen multikulturellen Frauenzeitschrift "Gazelle", dem islamischen Religionspädagogen Bülent Ucar und dem Menschenrechtler Alfred Zauner –, ist ein mutiges Pionierprojekt. Dass Milad Karimi keine Scheu vor großen Aufgaben hat, hat er schon auf anderen Feldern bewiesen: Er hat den Koran neu übersetzt und gibt die Freiburger Literaturzeitschrift "Kalliope" heraus: Dort tritt er auch als Dichter und Zeichner hervor. Ein Multitalent – "schreiben Sie ,Möchtegern’ davor", sagt Karimi. So bescheiden muss einer wie er nicht sein.
Autor: Bettina Schulte
