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05. Februar 2010

Der das Profil schärfen soll

Das Sinfonieorchester Basel hat nach drei Jahren Vakanz einen neuen Chefdirigenten – den Amerikaner Dennis Russell Davies

  1. Das neue Gesicht an der Spitze: Dennis Russell Davies Foto: sob

Bravorufe sind im Musiksaal des Basler Stadtcasinos zwar keine zu hören, aber der Applaus des Publikums nach der vielschichtigen, am Ende etwas zu phonstarken Interpretation von Hans Rotts erster Symphonie durch das Sinfonieorchester Basel ist lange und stürmisch. Es war der erste Auftritt von Dennis Russell Davies in seiner Funktion als neuer Chefdirigent des SOB bei der Konzertreihe der Allgemeinen Musikgesellschaft Basel (AMG). Am Ende verbeugt sich der 65-jährige Amerikaner in alle Richtungen. Sein Konterfei ziert bereits seit Beginn der Saison die Plakate und Broschüren des Basler Sinfonieorchesters. Der 115-köpfige Klangkörper hat wieder ein Gesicht.

Nach dem Weggang von Marko Letonja, der von 2003–2006 als Musikdirektor an der Spitze des SOB stand, war das Ensemble drei Jahre lang ohne Chefdirigent. Eine schwierige Situation für ein Orchester, das in der speziellen Melange des Basler Musiklebens ohnehin schon mehreren Herren dienen muss. Das SOB spielt in drei Abonnements verschiedener Veranstalter (AMG, Volkssinfoniekonzerte, Coop) rund 30 Konzerte pro Saison in Basel und zirka zehn auswärts sowie regelmäßig bei Musiktheaterproduktionen im Theater der Stadt. Mitsprachemöglichkeit bezüglich Programm- oder Dirigentenwahl gibt es kaum. Seit zwei Jahren kümmert sich die Konzertgesellschaft um die künstlerischen Belange des mit rund 12,5 Millionen Franken jährlich subventionierten Orchesters. Bislang hat das Orchester nicht einmal eine eigene Konzertreihe und ist auch im kulturellen Bewusstsein der Basler verhältnismäßig wenig präsent. Mit dem neuen Chef soll nun das Profil geschärft werden. Auch Logo und Orchestermagazin wurden neu entworfen – Aufbruchsstimmung.

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Für Dennis Russell Davies ist es nicht nur negativ, dass das Sinfonieorchester Basel drei Jahre ohne Chef auskommen musste: "Da haben die Musiker ihre Probleme eben selbst gelöst. Das Arbeitsklima hier ist ausgesprochen gut", bemerkt der Amerikaner in ausgezeichnetem Deutsch. Das Orchester kennt er schon lange – und schätzt dessen Qualität. In Basel hat er einen Fünf-Jahres-Vertrag als Chefdirigent unterzeichnet, das Theater bleibt davon erst einmal unberührt. Das würde dem Vielbeschäftigten, der noch bis 2014 in Linz als Leiter des Bruckner-Orchesters und Opernchef am Landestheater engagiert ist, am Mozarteum Salzburg eine Dirigier- und Kompositionsklasse leitet und als Pianist auftritt, doch zu stressig werden. Die Leitung einzelner Opernproduktionen in Basel ist aber durchaus möglich. Seine Vorliebe für zeitgenössische Musik kann man bei den anstehenden Programmen der Saison in Basel kaum erkennen. Die zweite Symphonie seines engen Freundes Philip Glass, von dem er viele Werke uraufgeführt hat, ist darunter (3. März), am 18. April ist Davies als Pianist in Glass’ "Tirol Concerto" zu erleben. Ansonsten stehen Haydn, Beethoven, Rachmaninow, Dvorák, Prokofjew, Holst, Sibelius und Gershwin auf dem Spielplan. Zunächst möchte er sich das Vertrauen des Publikums erarbeiten, um es dann auch mit ungewöhnlichen Programmen zu überraschen: "Ich schätze Komponisten als lebende Figuren. Insgesamt müssen unsere Konzerte eine gute Balance haben. Dafür braucht man Fingerspitzengefühl."

Man traut es dem unkompliziert wirkenden Mann mit der ruhigen Ausstrahlung zu, dass er in den vielen Gesprächen, die in Basel zwischen den verschiedenen Parteien notwendig sein werden, die Profilierung des Orchesters vorantreiben kann, ohne dabei jemanden zu verprellen. Was das Musikalische angeht, gibt es durchaus noch Luft nach oben. Besonders in der ersten Konzerthälfte mit Brahms’ Violinkonzert ist im Orchester eine gewisse Verunsicherung zu spüren. Gleich der erste Horneinsatz geht daneben, ein einfacher Akkordwechsel bei den Bratschen ist nicht zusammen. Es liegt aber vor allem am fast durchweg gepressten, mit zu viel Bogendruck versehenen Violinton von Thomas Zehetmair, dass dieser Brahms nicht so richtig zum Klingen kommt. Davies dirigiert mit klarer Zeichengebung und überrascht mit manchem interpretatorischem Detail. Nach der Pause ändert sich das Bild. Bei der Sinfonie von Hans Rott, einem Jugendfreund Gustav Mahlers, klingt das Orchester wie ausgewechselt. Die superben Trompetensoli verbinden sich mit der vitalen Horngruppe und dem expressiv aufgeladenen Streicherklang zu einer packenden Musik, die besonders im Scherzo die sinfonischen Welten Mahlers vorwegzunehmen scheint. Eine Entdeckung! Und ein insgesamt geglückter Einstand von Dennis Russell Davies in Basel.

Weitere Informationen unter http://www.sinfonieorchesterbasel.ch

Autor: Georg Rudiger