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26. Januar 2011

Deutsches Architekturmuseum

Paul Bonatz: Der Nabel Schwabens

Paul Bonatz, der Architekt des Stuttgarter Hauptbahnhofs, im Deutschen Architekturmuseum.

Wird hier Politik gemacht? Zumindest ist es Argumentationshilfe vom Feinsten und Wasser auf die Mühlen der Stuttgart-21-Bewegung, was sich da ins Deutsche Architekturmuseum (DAM) ergießt: Das Haus entdeckt Paul Bonatz, den eigenwilligen Baumeister des Stuttgarter Hauptbahnhofs, und zeigt die Ausstellung zum Bürgerprotest. Absehbar war das nicht. Dass sie läuft, "wo in Stuttgart der Teufel los ist, das ist Glück", sagt Wolfgang Voigt, Kurator von "Leben und Bauen zwischen Neckar und Bosporus".

Hundert Jahre, nachdem der Sohn eines preußischen Zollbeamten mit den Planungen für die schwäbische "Kathedrale des Verkehrs" begonnen hat, bekommt Bonatz ein Denkmal, das über die Fachwelt hinaus wirkt. Am Rande der akademischen Betrachtung werden Emotionen geschürt. Voigt ruft in Erinnerung, dass die Zahl der Demonstranten beim Abriss des Nordflügels "steil nach oben" ging. Solchem Engagement für ein historisches Bauwerk sei nichts vergleichbar in der "jüngeren Geschichte".

Die Sympathien dürften klar sein, und die Frankfurter wären blöd, würden sie die Gelegenheit nicht nutzen, um dort anzudocken, wo die bislang bloß Fachzirkeln bekannte Persönlichkeit greifbar wird für breite Kreise. Vertieft wird die inspirierende Darstellung von der ersten wissenschaftlichen Monografie. "Wer kannte vor einem Jahr den Namen von Paul Bonatz?", fragt sie als Erstes. "Die Bauten dieses großartigen Architekten", so der Bonatz-Kenner Jean Louis Cohen in seiner Eröffnungsansprache, "verdienen unsere Fürsorge". Alle werden nun Bonatz-Enthusiasten. Dabei kam seine Kritik an der kultisch verehrten Stuttgarter Weißenhofsiedlung, Synonym fürs Neue Bauen, bei Avantgardejüngern seinerzeit gar nicht gut an – obwohl es Bezüge gibt. Verweist der waagrechte Abschluss am Bonatz-Bahnhof nicht auf die "flach gedeckten Volumen der Moderne"? Unterdessen machte ihn sein Hang zur Monumentalität – spätestens nach 1945 – auch zur persona non grata, seine politische Haltung wird hinterfragt. Voigt: "Er war gewiss kein Anhänger des Nationalsozialismus." Aber zum Arrangement bereit.

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Derweil müssen seine Versuche west-östlicher Befruchtung hochaktuell wirken. Bonatz, geboren 1877 in Lothringen und 1956 in Stuttgart gestorben, prägten starke Orient-Eindrücke. Das DAM zeigt zauberhafte Reiseskizzen von der Sultan- Hassan-Moschee in Kairo aus dem Jahr 1913. Der "Nabel Schwabens", wie Bonatz das Stuttgarter Bahnhofsprojekt nannte, bezeugt islamische Einflüsse bis in die Konzeption der Schalterhallen. Formen aus der Sakralarchitektur finden Verwendung, nur nicht aus dem christlichen Kulturkreis. Der Schlagzeilen-Bahnhof vereint klassizistisches Pathos mit Grundformen der Moschee.

Bonatz’ Karriere beginnt mit Schulgebäuden. In der Ausstellung präsentiert die Sektion "Die frühen Erfolge bis zum Ersten Weltkrieg" Schulhäuser sowie die Tübinger Unibibliothek, zu prickeln beginnt es mit der Sektkellerei Henkell in Wiesbaden – einer der ersten Bauten der Moderne, der "als Markenzeichen Verwendung" findet.

Von Bonatz stammen darüber hinaus Bauwerke, die Kulturmenschen so vertraut sind, dass sie nach dem Urheber gar nicht mehr fragen: das Kunstmuseum Basel – mit Anklängen an die italienische Renaissance – zählt dazu und das erste Opernhaus der Türkei. Bonatz, 1943 mit einem Vertrag als Berater der Bauabteilung des türkischen Unterrichtsministeriums an neuen Ufern gelandet, arbeitet zehn Jahre im türkischen Exil, unter anderem ist er Jury-Vorsitzender beim Wettbewerb für das Atatürk-Mausoleum. Die früh erwogene Hängebrücke über den Bosporus kennt jeder, der einmal in Istanbul war. Kein Mensch ahnt, dass dem in den 1970er Jahren realisierten Verkehrs-Wahrzeichen Vorschläge von Bonatz zugrunde liegen . Bis 1954 lehrt er in Istanbul: ein Brückenbauer – auch hinsichtlich des deutsch-türkischen Verhältnisses.

Sein Hotelgebäude in Izmir irritiert bloß wegen der schlichteren Formensprache. Eindeutig zu erfassen ist Bonatz nicht. Zu Recht im Zentrum der Schau Stuttgarts bedrohter Kopfbahnhof, der die Bagdadbahn hätte empfangen sollen und nun mit Hymnen bedacht wird, die schon Grabgesang sein könnten – bleibt am Ende nur das Märklin-Modell für Modelleisenbahnen Spur 0, das es, auch zur Freude von Eisenbahnfreunden, in die Schau geschafft hat? Stuttgart-21-Kämpfer kommen, um noch an anderer Stelle zu staunen: Das Kunstmuseum Basel hätte nach Ansicht der Zwanziger-Jahre-Avantgarde gar nicht gebaut werden dürfen. Das Meisterwerk verdankt sich einer Volksabstimmung.
– Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt. Bis 20. März, Di bis So 11–18 Uhr, Mi bis 20 Uhr, So bis 19 Uhr.

Autor: Dorothee Baer-Bogenschütz