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21. Juni 2012

Der unmäßig geweitete Blick

Von Dürer zum Montblanc: "Panoramen. Vermessene Welten", Ausstellung im Kunstmuseum Basel.

Drei Kantone liegen uns zu Füßen. Bern, Luzern und Unterwalden. Direkt unten liegt der Brienzersee. Oben vom Rothorn streift der Blick in die Ferne, selbst noch bis zum Schwarzwald. Der Belchen steht hell gegen den hellen Himmelsstreif; viel Luft ist zwischen uns und ihm. Vorn aber zeichnen sich klar das Haslital und die Höhen gegen den Grimselpass. Rechts, unter den Eisheiligen des Berner Oberlands, meint man Interlaken zu fassen und ein Stück noch vom Thunersee und die schöne Pyramide des Niesen. Als Leporello, in einer langen Vitrine im Basler Kunstmuseum, liegt das Panorama ausgefaltet da.

Die Ausstellung des Kupferstichkabinetts handelt von zweierlei. Vom schweifenden Blick und vom Anspruch, der Welt auf wissenschaftlichem Fundament zu begegnen. "Panoramen – Vermessene Welten". Das 19. Jahrhundert ist eigentlich die große Zeit der Rundumsichten – als Spektakel in eigens dafür errichteten Rundbauten, oder eben in dieser handlichen, der geografischen Unterweisung dienenden Papierform. In den Kabinetten im Kunstmuseum ist dem nun ein Hintergrund gezeichnet, ein langer geschichtlicher Vorlauf.

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Seelenlandschaft mit Gitterraster

Der Titel von Hans Hug Klubers Aquarell ist eine längere Aufzählung: So viel auf einmal soll zu sehen sein, im Blick von oben auf ein Stück Land. Auch bei Augustin Hirschvogel, einem andern Mann des 16. Jahrhunderts: Er zeigt eine Bekehrung Pauli, aber zuerst und vor allem eine weite, von einem Fluss durchzogene Landschaft. Der Künstler Hirschvogel, wie wir hören, wandte sich der Kartographie zu. Für Karte und Landschaftsbild finden sich Übergangsformen. Albrecht Dürers in Holz geschnittene Darstellung der Belagerung einer Festung ist so eine. Planzeichnung einer Schlachtordnung und anschauliches Schlachtenbild. Dass, was man vor Augen hat, um es recht zu durchdringen, erst gründlich vermessen sein will, gibt Dürer zu verstehen. Seine Schriften liegen aus . Aber da ist auch sein "Melencolia"-Stich mit seinem dunklen Zweifel. Und ein Holzschnitt im 1494 gedruckten "Narrenschiff" des Baslers Sebastian Brant persifliert schon auch die Vermessenheit, den ganzen Erdkreis zu vermessen.

Der Romantiker Caspar David Friedrich will den Nachweis liefern, dass nicht zuletzt das Empfinden ein Organ der Erkenntnis ist. So begründet er den Natureindruck im konstruktiven Denken. Ein Konstruktivist im Namen des Schöpfers, so zeigt ihn ein Blatt aus dem Großen Rügener Skizzenbuch von 1801, in dem die "Seelenlandschaft" mit Gitterraster als "vermessene Welt" erscheint.

Ein Streifen sanft hügeligen Landes, in dem man das nahe Meer mit seiner Dünung ahnt. Ein präzis erfasstes Stück Natur, das aber ins nicht Fassbare weist. Marquard Wochers Panorama von Thun, das älteste noch erhaltene große Rundbild (hier im Entwurf zu sehen), ist dem entgegen eine gemütlich geschlossene Welt. In einer mittleren Entfernung die Musterberge Niesen und Stockhorn – vorn die Kulissen friedlich biedermeierlichen Lebens, durch die die Aare rauscht, Thuns warm rote Ziegeldächer und die Zähringerburg.

Wohl etwa 20 Panoramen hat der Basler Samuel Birmann (1793–1847) gezeichnet und aquarelliert. Papierstreifen von bis zu fünf Meter Länge, die weder der Orientierung vor Ort noch dem öffentlichen Schauzweck dienten. Bildzwitter, in denen sich Positivismus und Romantik paaren. Oben auf der Rigi überm Vierwaldstättersee stand der junge Birmann und fasst, was er sah, sodann in ein nicht enden wollendes Bild. Den selben Rundumblick finden wir in der Ausstellung auch in der Gestalt einer Zirkel-Aussicht, vom Zeitgenossen Ludwig Pfyffer von Wyher. Birmann ist leichter zu durchschauen als der: Unten liegt der Zugersee vor uns , links der Vierwaldstättersee, Küsnacht schon eher in der Ferne, dann wandert das Auge gegen Luzern . . . "So etwas Schönes von Natur hab ich noch nie gesehen", sagte der Rigi-erfahrene Johann Gottfried Herder und fühlte sich , so hoch oben, "von allen Banden gelöst" . Birmann baut in seine Aussicht auch Menschengruppen ein, die sich je unterschiedlich zur Landschaft verhalten. Da sind Touristen beim Picknick. Romantische Geister, den Rückenfiguren Caspar David Friedrichs verwandt. Und Wanderer, die im Ausblick die Übersicht suchen, ein entfaltetes Panorama-Leporello in der Hand.

Birmanns Blick auf den Montblanc vom Brévent aus zeigt das Panorama, das 1803 schon der Geologe Hans Conrad Escher von der Linth zeichnete. Escher arbeitete in der Ansicht des Gebirgsstocks die Gesteinsschichtung, die Tektonik heraus. Doch wissenschaftlicher Erkenntnisdrang und emphatisches Weltempfinden widersprechen sich durchaus nicht in "geognostischer" Perspektive. Am Montblanc sah sich der empfindsame Geograph Carl Ritter in der "Werkstätte der Natur", versetzt in eine "feierliche Stille an einem der ersten Schöpfungstage der Erde": dem "Finger des Allmächtigen nah". So hat die Geographie neben dem physikalischen auch einen theologischen Grund. Und das Summen-Bild – das um den fassbaren Zusammenhang bemühte Panorama – streift das Unfassliche, wird zur metaphorischen Allansicht.

Aber ein Anlass, zur panoramatischen Sicht auszuholen, war – wie wir sehen – zum Beispiel auch die Inbetriebnahme einer Eisenbahnstrecke wie der von Zürich nach Baden. Darin ist schon 1847 das kategorische en passant des mobilen Zeitalters vorgeprägt.
– Kunstmuseum Basel. Bis 7. Oktober, Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr.

Autor: Volker Bauermeister