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25. Februar 2009

Der Zauber wirkt

Nächtliche Gespräche beim Pfandleiher: Das grandiose Debüt der irischen Autorin F. E. Higgins

Schlimmer kann es eigentlich nicht mehr kommen, denkt Ludlow, als es ihn mitten in der Nacht in ein abgelegenes Bergkaff verschlägt. Schließlich hat er in seinem kurzen Leben kaum etwas anderes als Schläge, Hunger und den Überlebenskampf auf den Straßen der Stadt kennengelernt. Doch dieses eine Mal scheint der Junge Glück zu haben: Joe Zabbidou, ein Pfandleiher von irgendwo, richtet sich gerade in einem leer stehenden Hutladen ein und nimmt Ludlow als Lehrling unter seine Fittiche. Dabei ist einiges seltsam an dem riesigen freundlichen Mann: Nicht nur, dass er wertlosen Plunder großzügig in Zahlung nimmt und trotzdem über unerschöpfliche Geldreserven verfügt, er bittet auch immer wieder offensichtlich sehr bedrückte Dorfbewohner zum mitternächtlichen Gespräch.

So beginnt für Ludlow wenig später seine eigentliche Arbeit: Nacht für Nacht schleichen sich Metzger, Totengräber und Quacksalber durch die Hintertür und erzählen dem Pfandleiher ihre dunkelsten Geheimnisse. Während der geduldig zuhört und die Beichtenden für ihre oft jahrzehntelang gehüteten Geständnisse fürstlich bezahlt, hat Ludlow jedes Wort in ein schwarzes Lederbuch zu schreiben. Nicht nur einmal stockt ihm da bei so viel Schicksal, Schuld und Angst die Feder.

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Doch der Zauber wirkt: Ganz gleich, wie groß die Verzweiflung der Menschen noch in der Nacht war, im Morgengrauen verlassen sie friedlich und erleichtert das Haus. Als dann im Dorf anonyme Erpresserbriefe auftauchen und Zabbidou dem gierigen Grundbesitzer Ratchet gefährlich in die Quere kommt, schlägt die Stimmung jedoch plötzlich um: Haben die Bewohner etwa dem Teufel ihre Seele verkauft?

Ein grandioses Debüt hat die unbekannte irische Autorin vorgelegt: Mit sicherer Hand webt F. E. Higgins die Erzählstränge zu immer komplizierteren Mustern, lockt ihre Leser in ein Labyrinth der Mutmaßungen und entwickelt von der ersten Seite an einen ungeheuren Erzählsog. Dabei braut sie um so wuchtige Themen wie Schuld und Vergebung eine spezielle Stimmung: gruselig, bildermächtig und knisternd vor Spannung. Dass ihr auch Charaktere und Dialoge gut gelingen, macht das Buch zum magischen Lesefutter für Krimi- und Fantasyfans. Auch das als szenische Lesung gestaltete Hörbuch ist vom Feinsten!
– F. E. Higgins: Das schwarze Buch der Geheimnisse. Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günther. Oetinger Verlag, Hamburg 2008, 288 Seiten, 16,90 Euro. Ab 12.
– Hörbuch mit Santiago Ziesmer, Felix Manteuffel, Andreas Fröhlich und anderen. Oetinger media, 2008, 316 Minuten, 4 CDs, 19,95 Euro. Ab 12
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Autor: Marion Klötzer