Die Lust am Vermitteln

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mi, 30. Dezember 2015

Klassik

Zum Tod des Musikhistorikers Hannsdieter Wohlfarth.

Es war 1997, im Frühjahr. Da diskutierte Hannsdieter Wohlfarth auf Einladung der Badischen Zeitung mit Schülerinnen der Freiburger Staudinger-Gesamtschule seinen und deren Kulturbegriff. Vorausgegangen war ein Scharmützel über "Kultur" und "Jugendkultur". Im Zuge der Debatte hatte der Freiburger Musikhistoriker deutlich gemacht, dass er es für gefährlich halte, zu sagen "Kultur ist alles, was wir machen", denn "da könnte man auch Dinge abdecken, die nun wirklich nicht von Kultiviertheit zeugen".

Hannsdieter Wohlfarth war das, was man einen klassischen Bildungsbürger im besten Sinne nennt. Vermutlich hätte er auch mit Joseph Beuys über dessen These vom erweiterten Kunstbegriff gestritten. "Für mich", so wurde er zitiert, "ist der Reigen der Schönen Künste ein unteilbares Ganzes." Das mag nach den Erfahrungen der Nazi-Barbarei für viele nicht mehr nachvollziehbar gewesen sein – aus der Perspektive des 1933 in Bückeburg Geborenen, war es nur konsequent. Die behütete Kindheit bei den Großeltern, die Begegnung mit der großen Weltliteratur und der klassischen Musik hätten ihm, so erzählte er, ungemein geholfen, die Schrecken, die Un-Kultur dieser Zeit zu ertragen und zu überwinden. Und so wurde der Jurist, Philosoph, Historiker und Musikwissenschaftler, der über Johann Christian Friedrich Bach promovierte, zu einem Unzeitgemäßen, der gleichwohl mustergültig in der großen Tradition des europäischen Humanismus stand.

Wer ihn erlebt hat, wird dies bezeugen. Seine fachkundigen Vorträge, die Kammermusikabende, die der Pianist Wohlfarth zusammen mit seinem Sohn, dem Bratscher Sebastian Wohlfarth, veranstaltete, seine Liebe zur aktiven Schauspielerei und last but not least seine Vorlesungen an der Freiburger Musikhochschule, wo er bis 1998 drei Jahrzehnte Musikgeschichte lehrte – all das zeichnete die Persönlichkeit dieses Wissenschaftlers und Künstlers aus. Wie nur wenige hatte Wohlfarth eine außergewöhnliche Freude und Lust am Vermitteln – seine Pädagogik war eine, die aus dem Herzen kam. Weshalb die Vorträge und Schriften des brillanten Rhetorikers nie von sprachlicher Arroganz und Abstraktion geprägt waren. Sondern durch Anschaulichkeit.

Wohlfarths besondere Liebe galt den Bad Krozinger Schlosskonzerten. "Es war u.a. sein Verdienst, nach Gründung der Stiftung Historische Tasteninstrumente Neumeyer-Junghanns-Tracey, eine Kooperation zwischen Stiftung und Universität einzugehen", schreibt die Stiftung in einem Nachruf auf ihren Vorsitzenden: "Er war für uns nicht nur ein guter Freund, sondern vor allem ein hervorragender Berater, da er ein unglaubliches Wissen über die Sammlung hatte." Nach schwerer Krankheit ist er am Montag, wenige Tage vor seinem 83. Geburtstag, gestorben.