Die Verhüllungskünstler

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Sa, 28. Januar 2017

Ausstellungen

Die Kunsthalle Messmer in Riegel dokumentiert die Werke von Christo und Jeanne-Claude.

Seine Projekte sind gigantisch, aber vergänglich; wobei der Singular selbstredend unangemessen ist, hat Christo seine Großprojekte bis zu Jeanne-Claudes Tod 2009 doch stets gemeinsam mit ihr geplant und realisiert. Gigantisch und vergänglich: Die Verhüllung des Pont Neuf in Paris 1985 etwa benötigte zehn Jahre Vorbereitungszeit und verbrauchte (für Christo- und Jeanne-Claudsche Verhältnisse eher bescheidene) 40 000 Quadratmeter Polyamidgewebe; nach zwei Wochen, in denen rund drei Millionen Menschen das Kunstwerk gesehen hatten, wurde die Hülle wieder entfernt. Auch der Berliner Reichstag, der zehn Jahre später fünf Millionen Besucher anzog, war zwei Wochen lang verhüllt – mit 100 000 Quadratmeter Polypropylengewebe.

Ein Werk freilich, noch nicht realisiert, soll dauern: die für die Wüste von Abu Dabi geplante Mastaba aus 410 000 Ölfässern. Eine Mastaba ist ein altägyptisches Pharaonengrab, die Vorgängerin der Pyramide. Will sich Christo, der vielleicht bekannteste lebende Künstler, als Pharao der Gegenwartskunst endlich doch ein Denkmal setzen und verewigen? Keineswegs, dafür ist der gebürtige Bulgare einfach zu bescheiden: Die alle bisherigen Dimensionen sprengende, über 150 Meter hohe Objektinstallation soll vielmehr die Weite des Landes sichtbar machen.

An der Realisierung dieses Projekts will Christo festhalten – ein anderes hat er, wie jetzt bekannt wurde, gecancelt. Aus Protest gegen die sich abzeichnende Politik Donald Trumps will Christo auf die geplante Überspannung des Arkansas River in Colorado mit Stoffbahnen verzichten: ein Projekt, auf das er mehr als zwei Jahrzehnte lang hingearbeitet hatte und dessen Genehmigung so gut wie spruchreif ist. In Zeiten wie diesen, scheint es, wird Kunst wieder politisch – was sie bei Christo und Jeanne-Claude je schon war. Ihr erstes monumentales Projekt, die Blockierung einer Straße in Paris durch eine Mauer aus Ölfässern 1962, reagierte auf den Bau der Berliner Mauer im Jahr zuvor. Schon die Verhüllung von Alltagsgegenständen im Frühwerk war die kritische Antwort auf den Warenfetischismus der Pop Art.

Mit rund einhundert Exponaten aus allen Schaffensperioden beleuchtet in einer klug gewichtenden Schau jetzt die Kunsthalle Messmer in Riegel Christos und Jeanne-Claudes facettenreiches Œuvre. Für Jürgen A. Messmer, den Hausherrn, war die Ausstellung, er kann und will es nicht verbergen, eine Herzensangelegenheit. Messmer hat den verhüllten Reichstag und manches andere monumentale Werk der beiden gesehen; im vergangenen Jahr ist er begeistert über die "Floating Piers" am Lago d’Iseo flaniert. Über die Faszination durch die Kunst hinaus empfindet er als ehemaliger Unternehmer aufrichtige Bewunderung für die "unglaublichen" Logistik-Leistungen. In der Tat: Die superlativischen, von Mal zu Mal sich überbietenden Projekte Christos und Jeanne-Claudes waren in Planung und Ausführung oft perfekt und blieben – fast – immer unfallfrei.

"Entdecken durch Verhüllen" – so beschrieb ein Kunsthistoriker die Arbeit von Christo und Jeanne-Claude. Das Kunstmittel der Verhüllung hat Christo nicht erfunden. Bereits das Barock spielte mit dem Motiv in Trompe l’oeil-Manier. Magritte und Derain setzten die Tradition in der Moderne malerisch fort, Man Ray, Duchamp oder Dieter Roth sehr vereinzelt in Objekten. Christo und Jeanne-Claude aber sind singulär in der Ausdauer, dem Einfallsreichtum im Einsatz dieses Mittels.

Ein wesentliches Moment fast all ihrer Großprojekte war ihre Vergänglichkeit. Wie aber präsentiert man temporäre Kunst? Zu einer Reihe von verhüllten Objekten – ein Telefon, ein Bild, eine Ausgabe des Spiegel-Magazins (Duchamps Mona Lisa-Persiflage auf dem Titel) – treten in Riegel Entwurfszeichnungen, Pläne, Druckgraphiken, Collagen, Fotografien und Editionen. Durch den Verkauf von Objekten dieser Art hat das Künstlerpaar seine Projekte überwiegend finanziert. Kein Eintritt, keine Sponsorengelder.

Als Verpackungskünstler wird Christo gern bezeichnet; ein Wort, das er ungern hört. Verhüllungskünstler trifft es besser, ist aber lediglich eine einseitige Etikette. Denn zu allem waren Christo und Jeanne-Claude stets auch Bildhauer im Kolossalmaßstab, Installations- und Konzeptkünstler oder dadaistische Ironiker, wenn sie mit Vorliebe ausgerechnet Kunstmuseen verhüllten. Und: Land Art-Künstler. Für "Surrounded Islands" umsäumten sie 1983 elf Inseln in der Biscayne Bay in Florida mit Kunststoffgewebe in leuchtendem Pink. Malerei für Flugreisende. Ein Monetscher Seerosenteich für die Götter.

Kunsthalle Messmer, Großherzog-Leopold-Platz 1, Riegel. Bis 18. Juni, Di bis So 10–17 Uhr.