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20. März 2017

"Egal, wo man in Syrien gräbt, man stößt auf historische Funde"

BZ-INTERVIEW mit dem in Deutschland lebenden Archäologen Mohamad Fakhro über das durch den anhaltenden Krieg zerstörte Kulturerbe in seiner Heimat.

Bevor Mohamad Fakhro 2014 als Gastwissenschaftler und Doktorand nach Deutschland kam, half er als Vizedirektor des Nationalmuseums von Aleppo entscheidend mit, wertvolle Kulturschätze vor Kriegsschäden zu schützen. Auf dem Weg zu einem Vortrag fand er am Freiburger Hauptbahnhof Zeit für ein Gespräch mit unserem Mitarbeiter Jürgen Reuß.

BZ: Kann man Museumsbestände vor diesem unerbittlichen Krieg schützen?
Fakhro: Ja. Zunächst haben wir den gesamten Bestand elektronisch erfasst. Dann wurden alle beweglichen Objekte in Holzkisten verpackt, in der Zentralbank von Aleppo eingelagert und von dort nach Damaskus verfrachtet. Alles übrige haben wir in Lagerräume eingemauert. Schwere, unbewegliche Statuen innerhalb des Museums wurden mit Sandsäcken gesichert. Im Freigelände mussten wir um die Statuen Holzgerüste errichten und mit Sand ausfüllen.

BZ: War das erfolgreich?
Fakhro: Meines Wissens ja. Das Gebäude hat viele Schäden, aber die Artefakte sind zu fast 100 Prozent sicher.

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BZ: Wie wichtig ist die alte Geschichte den heutigen Syrern?
Fakhro: Unsere ganze kulturelle Identität speist sich aus unserem unglaublich reichhaltigen historischen Erbe. Hier wurde das erste vollständig erhaltene Alphabet gefunden. Die ersten je entdeckten Musiknoten stammen aus Palmyra. Damaskus ist die älteste durchgehend bewohnte Stadt der Welt. Egal, wo man in Syrien gräbt, man stößt auf historische Funde.

BZ: Spielt Geschichtsbewusstsein im Bürgerkrieg eine Rolle?
Fakhro: Leider nein. Stätten des Weltkulturerbes sind Kriegsschauplätze. Die Altstadt von Aleppo – Weltkulturerbe – ist zu 70 Prozent zerstört. Die wichtigsten Artefakte von Palmyra sind zerstört. Es gibt unzählige illegale Ausgrabungen. Jede davon bedeutet unwiederbringliche Zerstörung, denn ohne sorgfältiges Notieren der Grabungsschicht verlieren die Fundstücke ihre Geschichte. Steine von historischen Gebäuden werden zu Baumaterial für Wohnhäuser zerschlagen. Der Krieg lässt den Menschen keine Wahl. Fundstücke sind ihre Hoffnung auf Geld und Wiederaufbau. Das Ausmaß ist immens. Auf Satellitenfotos erkennt man Tausende solcher illegalen Grabungen.

BZ: Können Sie denn von Deutschland aus helfen?
Fakhro: Wir bieten Ausbildungsprogramme für syrische Archäologen an, vermitteln, wie Kulturschätze bewahrt werden können. Viele Lagerräume für Exponate wurden zerstört und geplündert. Was übrig ist, muss gesichert werden.
BZ: Wie sehen das die Kriegsparteien?
Fakhro: Unser Kulturerbe steht nicht auf der Seite irgendeiner Kriegspartei. Mit den innersyrischen Kriegsparteien gab es anfangs in dieser Hinsicht wenig Probleme. Für den IS gilt das nicht. Mit denen kann man nichts diskutieren.

BZ: Wie sehen Sie die Zukunft?
Fakhro: Ich hoffe, dass der Krieg schnell endet. Nur: In den ersten Jahren war es ein syrischer Konflikt. Da gab es durchaus bisweilen ein gemeinsames Erschrecken darüber, dass wir unser eigenes Land so zerstören. Leider reichte das nicht, um die Gräben zu überwinden. Dann mischten sich die Nachbarländer ein – Türkei, Iran, die libanesische Hisbollah. Alle nutzen den Schauplatz Syrien, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Der Konflikt weitete sich aus. USA und Russland stiegen ein. Sie sagen, sie suchen nach Lösungen, aber jeden Tag sterben die Menschen vor Ort. Heute ist es keine syrische Entscheidung mehr, es ist Weltpolitik. Ich fürchte, auf der Ebene wird es keine Lösung geben. Ich hoffe es sehr, aber für die nahe Zukunft sehe ich schwarz.

BZ: Gesetzt der Krieg endet doch...
Fakhro: …dann fangen wir sofort mit dem Wiederaufbau an. Aber erst dann. Alles, was vorher an Restaurationsarbeiten passiert, wird politisch ausgenutzt. Bei der Rückeroberung von Palmyra sagte das Regime sofort: "Wir bauen wieder auf." Aber das stimmte nicht. Das war genauso Propaganda, wie das Zerstörungswerk durch den IS.

BZ: Ist ein Wiederaufbau realistisch?
Fakhro: Historisch gesehen ist Aleppo etwa acht Mal zerstört worden. Jedes Mal wurde es wieder aufgebaut. Wie lange hat Dresden gebraucht, bis die Frauenkirche wieder stand? Alles, was zerstört wird, können wir wieder aufbauen. Was wir nicht rekonstruieren können, sind die illegalen Grabungen. Dieser Verlust ist endgültig.

BZ: Wer soll aufbauen? Wer konnte, ist geflohen...
Fakhro: In den 8000 Jahren syrischer Geschichte hat es niemals eine derartige Fluchtbewegung gegeben. Wir haben immer eher Flüchtlinge aufgenommen. Wir sind eine sehr durchmischte Gesellschaft. Wir sind froh, dass Deutschland den Flüchtlingen Sicherheit und neue Lebenschancen bietet. Ich ermuntere meine Landsleute, die Bildungsangebote anzunehmen. Je besser sie ausgebildet sind, desto besser können sie beim Wiederaufbau helfen. Und das werden sie tun. Sie respektieren Deutschland und sind dankbar für die Möglichkeit zum Neuanfang. Aber wenn sie können, werden die meisten wieder zurückgehen. Davon bin ich überzeugt.

Mohamad Fakhro, geboren 1977, ist Archäologe, war Vizedirektor des Nationalmuseums in Aleppo und Grabungsleiter in Tell Halaf an der türkischen Grenze. Heute forscht er an den Unis in Tübingen und Bern und lebt mit seiner Familie in Grenzach.

Autor: jre