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20. Juli 2009
Ein Mädchen findet das Licht
Ein Opern-Doppelabend aus St. Petersburg in Baden-Baden
Eine Eifersuchtstragödie. Der alte Mann verliert seine junge Frau an einen jüngeren aus dem Kreis der Zigeuner, bei denen er lebt. Er töte beide und wird vertrieben. Einen Mörder duldet die Gemeinschaft nicht unter sich. Die einaktige Oper (nach Puschkin) heißt "Aleko", ihr Komponist Sergej Rachmaninow. Die Uraufführung war 1893 im Moskauer Bolschoi-Theater.
Eine Erweckungslegende. Die Prinzessin ist blind, weiß es aber nicht, und niemand darf es ihr sagen. Die Begegnung mit dem Grafen Vaudémont macht ihr das Gebrechen bewusst, lehrt sie die Liebe und den Wert des Lichtes – auch als "Offenbarung göttlicher Herrlichkeit". Der maurische Arzt heilt sie – ein übernatürliches Wunder. Die einaktige Oper (nach dem Dänen Henrik Hertz) heißt "Jolanthe", ihr Komponist Peter Tschaikowsky. Uraufführung war 1892 im St. Petersburger Mariinsky-Theater.
Von dort kommt auch der über dreistündige Doppelabend nach Baden-Baden – eine Koproduktion mit dem Festspielhaus. Die erste Oper des 19-jährigen Rachmaninow, seine Examensarbeit, und die immer etwas scheel angesehene letzte Tschaikowskys: eine sinnvolle Paarung. Trotz der zeitlichen Nähe zum krachenden italienischen Verismo birgt nur "Aleko" partielle Verwandtschaftsmerkmale – und das weniger zu Mascagnis zwei Jahre älterer "Cavalleria rusticana", wie die Wissenschaft zu betonen nicht müde wird, als vielmehr zu Puccinis "Mantel", der allerdings erst gut zweieinhalb Jahrzehnte später erschien.
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Beiden Werken ist eine durchaus "westliche" Einfärbung des russischen Idioms eigen, und Schlagkraft hin wie her, die veristische Rabiatheit kommt höchstens am Rande vor. Und beide Male durchdringen sich – Übervater Wagner reicht halt überall hin – Rezitativ, Arioso und nicht selten leidenschaftlicher Arienausbruch zu einem melodisch einprägsamen fließenden Ganzen. Vielfach hat gut wagnerisch das Orchester das Sagen, weiß es mehr als die Gestalten. In "Aleko" kommt eine orientalisch anmutende Tanzkomponente hinzu, in der Koloristik des Intermezzos auch eine merkliche Nähe zu impressionistischen Praktiken.
Der Sphäre des musikalischen Malens ist der Baden-Badener Dauergast Dirigent Valery Gergiev mit dem hochsensiblen Mariinsky-Orchester besonders zugetan: ein Nachvollzug mit dem Weichzeichner, ein bisweilen fast allzu "softer", kantenloser Klang, der allerdings bis ins zarteste Pianissimo hinein bestechende Werte erreicht. Und spätestens in Tschaikowskys Liebesduett, das irgendwo zwischen den beiden letzten Sinfonien daheim ist und zugleich eine in ihrem Schwung bewegende Hymne an das Licht, an die Schöpfung ist, nähert sich auch Gergievs Emphase hohen Temperaturen.
In diese aufregende Richtung hatte schon das Arienduell der beiden zentralen Männerstimmen gewiesen: mit Alexei Markov, einem materialstrotzenden hohen Bariton, als Jolanthes "eigentlichem", ihr indes unbekanntem Verlobten. Und statt des ursprünglich annoncierten Rolando Villazon mit dem aus Zürich in die Weltkarriere vorgerückten Piotr Beczala, einem wahrlich strahlenden, dabei aufs Feinste differenzierenden Tenor, als Jolanthes letztlich "wirklichem" Bräutigam.
Diese Jolanthe lebt ganz von Anna Netrebkos marmorkühlem und doch alle Espressivo-Erwartungen Tschaikowskys erfüllendem Sopran. Die Stimme ist deutlich gewachsen, üppiger ausladend als bisher und wohl unterwegs zu Tosca und Sieglinde, dazu das vertraute, aus Tausenden hervorleuchtende Timbre. Ein Sänger vom Format Beczalas war freilich auch nötig, um einen so bestrickenden lyrischen Tenor wie Sergey Skorokhodov als junger Zigeuner in "Aleko" zu toppen. Von überwältigendem bassbaritonalem Zuschnitt schließlich Aleko selber: der Kanadier John Relyea, der als verspotteter Grauschopf allerdings zu saftig und kräftig erscheint.
Da war der polnische Regisseur Mariusz Trelinski nicht entschieden genug. Ansonsten ist seine Arbeit und die des Bühnenbildners Boris Kudlicka präzise, erhellend, auch wo sie über die naheliegenden Aktivitäten nicht hinaus gelangt. Wo sie das aber tut, spitzt die dramatische Situation sich bündig zu, wird psychologisch einleuchtend und gelegentlich auch fesselnd und im Fall von Anna Netrebkos Jolanthe berührend agiert. Auf die beängstigende Anhäufung von steinerweichendem Edelmut nach Jolanthes finaler Heilung kann auch diese Wiedergabe nur aus ironisierender Distanz reagieren: mit einem Familienfoto fürs Album.
Die kontrastierende Maschendraht- und – freilich magisch ausgeleuchtete – Container-Umgebung, da wo in "Aleko" immerzu von der Freiheit des Zigeuners die Rede ist, der Hauswürfel im kargen, indes mondschimmernden Vogesenwald in "Jolanthe", die Video-Komposition, die das aufgewühlte Innere der genesenden Titelheldin sinnvoll verbildlicht – all das lässt obendrein darauf schließen, dass die Zeiten dicklich pinselnder Breitwandmalerei auch in St. Petersburg vorbei sind. Mächtiger Jubel.
– Weitere Aufführungen sind am 21., 24. und 27. Juli. Karten unter: Tel. 07221 / 3013101.
Autor: Heinz W. Koch
