Eine Beziehung, die keine Einbahnstraße war

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Do, 02. Februar 2017

Kunst

Eine Ausstellung über Paul Klee und die Surrealisten in Bern.

In Weimar blühe eine Pflanze, die einem Hexenzahn gleiche, schrieb Louis Aragon im Mai 1922 in der Pariser Zeitschrift Littérature. Die magisch-vegetabilische Metapher bezog sich aufs Schaffen des Bauhauskünstlers Paul Klee. Den nannte Antonin Artaud einen "peintre mental". Und Robert Desnos war der Ansicht, Klee könne Blinde das Malen lehren. Eine Ausstellung mit Werken des Bildmagiers in Paris wenige Jahre später war dann nicht nur für André Masson und Joan Miró eine Offenbarung.

Mit untrüglichem Instinkt erkannten die Surrealisten in Klee einen Bruder im Geiste. Fortan war der Maler und Zeichner auf allen großen Surrealismus-Ausstellungen prominent vertreten: in London 1933 etwa oder, ein Jahr später, in Brüssel. Tout Paris strömte 1929 zu seiner dritten Einzelausstellung in die Galerie Bernheim-Jeune; Braque und Picasso waren beeindruckt, Masson neuerlich hingerissen, auch Joan Miró, der im Rückblick bekannte: "Klee war die wichtigste Begegnung in meinem Leben. Unter seinem Einfluss hat sich meine Malerei befreit." Die Ausstellung, in der zahlreiche Werke schon am Eröffnungsabend einen Käufer fanden, war Klees Durchbruch in Frankreich.

Die Beziehung von Klee und den Surrealisten war keine Einbahnstraße. Auch Klee ließ sich von den Pariser Künstlern und Literaten inspirieren. Intensiv setzte er sich mit Picassos Werken der surrealistischen Phase auseinander. Und zeigte sich am Schaffen Max Ernsts interessiert, den er bereits 1919 kennen gelernt hatte. Vereinnahmen freilich ließ er sich von der neuen Kunstrichtung nicht. Seine Zeichnung "Menu ohne Appetit" darf sogar als Ausdruck spöttischer Distanz interpretiert werden. Zwar zitiert das biomorph anmutende Ensemble amöbenartig zerfließender Wesen die Bildsprache surrealistischer Künstler wie André Masson und Yves Tanguy. Doch scheint der Titel andeuten zu wollen, dass dem Künstler über der Arbeit der Appetit, sprich: die Lust am Zeichnen, vergangen war.

Das Blatt ist eines von mehr als 250 Exponaten der Ausstellung "Paul Klee und die Surrealisten" im Berner Zentrum Paul Klee. In Kooperation mit dem Pariser Centre Pompidou, das 60 Werke beisteuerte, thematisiert das Museum erstmals umfassend die Beziehung zwischen Klee und den Surrealisten. Neben einer Vielzahl von Werken Klees aus der museumseigenen Sammlung werden Bilder und Skulpturen der Surrealisten aus bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen geboten; darunter Schlüsselwerke wie Giacomettis Bronzeskulptur "Table" von 1933 oder – ein Surrealismus avant la lettre – Giorgio de Chiricos "Porträt von Guillaume Appolinaire" von 1914. Zu Werken dieser beiden Künstler und Klees gesellen sich Bilder, Zeichnungen, Skulpturen und Fotografien von Miró und Masson, Max Ernst, Dalí und Picasso, Magritte oder Man Ray sowie Stücke aus Klees Naturaliensammlung und Handpuppen, die er für seinen Sohn schuf. Gleich die erste von acht Sektionen führt in medias res: in die surrealistischen Sphären von Nacht, Traum und Unbewusstem. Dort geht ein "Hausgeist" (1923) um oder ein "Vorhäng-Schloss nachts spazieren" (1938). Klee ist in diesen Zeichnungen schier surrealer als die Surrealisten Tanguy in dem Ölbild "Demain", Magritte in dem enigmatischen Gemälde "La sortie de l’école".

Den "Dessins automatiques" (automatischen Zeichnungen) von Max Ernst, Tanguy, Masson und Arp treten Blätter Klees wie "Psychogramm der Näherung" oder "über-beschwingte II" zur Seite, die die surrealistische Écriture automatique ins Visuelle transponieren. Am nachdrücklichsten zeigt Klees Nähe zu den Surrealisten das Kapitel "Histoire naturelle" auf. Just zur Entstehungszeit des Surrealismus und teils Jahre vor Max Ernsts Frottage-Serie "Histoire naturelle" entdeckt beziehungsweise kreiert Klee neue Spezies wie "Kreuz- und Spiralblumen" – oder eine nie gesehene "Silbermondschimmelblüte".

In enger Beziehung zueinander stehen die Kapitel "Eros und Sexualität" sowie "Surreale Mechanik und die Desintegration des menschlichen Körpers". Magrittes Ölbild "Le viol" – ein Gesicht in Form eines nackten weiblichen Körpers – findet ein Pendant in Klees "Antlitz auch des Leibes". Dessen "Analÿse verschiedener Perversitäten" wiederum ist nicht weit von Hans Bellmers sexualisierten Puppen entfernt. Man Rays Zeichnung "Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch" zitiert die Stiftungsurkunde des Surrealismus, eine Stelle bei Lautréamont, und schlägt eine Brücke zum letzten Kapitel der Schau mit Objektkunstwerken wie Man Rays mit Nägeln armiertes Bügeleisen ("Cadeau") oder Mirós "Peinture-objet". Daneben bietet die Schau einige Objets trouvés aus Klees Nachlass wie ein Stück Schlangenhaut oder eine Metallschachtel mit Muscheln.

Zentrum Paul Klee, Monument im
Fruchtland 3, Bern. Bis 12. März, Di bis So 10–17 Uhr.