Eine Herausforderung mehr

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Di, 11. September 2018

Kunst

Kunst im öffentlichen Raum – wie sie dorthin gelangt, wie man mit ihr umgeht und was sie bewirken kann.

Kunst im öffentlichen Raum war in den vergangenen Wochen am Beispiel ausgewählter Werke aus Freiburg Gegenstand einer kleinen Sommerserie und regte viele Leserinnen und Leser zu Kommentaren an. Auch über Fragen der Auswahl, der Finanzierung – und des Umgangs mit den Objekten. Abschließend einige kritische Gedanken hierzu.

Kunst im öffentlichen Raum, man muss das realistisch sehen, ist in den meisten Fällen eine flüchtige und folgenlose Begegnung. Ein Blick im Vorübergehen, ein halber Gedanke – schon ist man wieder bei den Dingen des Alltags. Dass solche Kunst einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt, gar zum Nachdenken anregt, ist am ehesten bei Werken zu erwarten, die eine Botschaft transportieren – wie politische Kunst. Auch ihr begegnet man im öffentlichen Raum in Freiburgs Straßen und Plätzen, sogar in hochkarätigen Werken.

Vor dem Eingang zum Uni-Kollegiengebäude IV an der Rempartstraße reckt Alfred Hrdlickas gemarterter "Marsyas" die Faust gen Himmel: gegen die Macht der Götter im antiken Kontext, hier aber sinnbildlich gegen Macht jedweder Art. Am Rotteckring erinnert Walter Schelenz’ expressive Bronzeskulptur an die Opfer des Nationalsozialismus (wegen Bauarbeiten lagert die Skulptur zurzeit im Depot): ein gespaltener Stamm mit verdorrter, an die Dornenkrone Christi gemahnender Baumkrone. Auch an Gunter Demnigs "Stolpersteine" wäre zu denken, die an zahlreichen Orten in Europa vor ihrer letzten Wohnstätte an Menschen erinnern, die im Dritten Reich in die Mühlen der nationalsozialistischen Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik gerieten.

Vergleichsweise einfach ist bei Demnig die Realisierung. Für das Verlegen eines Steins im öffentlichen Raum bedarf es einer Genehmigung durch den Bürgermeister oder Gemeinderat einer Kommune; die Finanzierung erfolgt über Spenden und Patenschaften. Im Normalfall ist das Prozedere für die Aufstellung eines Kunstwerks im öffentlichen Raum sehr viel aufwändiger. Bei Kunst-am-Bau-Projekten des Landes entscheidet eine elfköpfige Kunstkommission des Landesbetriebs Vermögen und Bau in Stuttgart über einen offenen oder einen Einladungswettbewerb, so die Geschäftsführerin Karola Lake. Die für Bundesprojekte in Baden-Württemberg zuständige Behörde leitet Julia Dold in Freiburg. Das Auswahlverfahren ist hier zweistufig: Ein Gremium entscheidet über die einzuladenden Künstler, ein zweites über den Siegerentwurf. Bund und Land befolgen strikt die noch aus den 1950er Jahren stammende Selbstverpflichtung, bis zu einem Prozent der Kosten eines Bauprojekts für Kunst aufzuwenden. Dagegen hat die Stadt Freiburg die Ausgaben für Kunst in Zeiten klammer Kassen drastisch zurückgefahren. Es kam sogar vor, dass man bereits bewilligte Gelder einfach verfallen ließ. In Fragen von Kunst am Bau bei städtischen Bauvorhaben wird seit 2015 eine fünfköpfige Kunstkommission tätig – in rein beratender Funktion, ohne eigene Entscheidungsbefugnis.

Viel zu entscheiden gab es in der jüngeren Vergangenheit ohnehin nicht. Die Bauprojekte der Stadt Freiburg der vergangenen zehn Jahre, bei denen die Ein-Prozent-Regel zur Anwendung kam, lassen sich nach Auskunft des Freiburger Kulturamts an den Fingern einer Hand abzählen. Christine Litz leitet seit sechs Jahren das Museum für Neue Kunst in Freiburg. Wie oft ist sie in dieser Zeit in eine Jury für ein städtisches Kunstprojekt berufen worden? "Ein einziges Mal. Dabei ging es um Kunst für das Neue Rathaus." Ist der Umstand, dass Freiburgs Straßen und Plätze mit Kunst im öffentlichen Raum im Vergleich mit anderen Städten ganz gut bestückt sind, ein Grund sich zurückzulehnen? "Jedes neue Kunstwerk", sagt Christine Litz, "ist eine Herausforderung mehr für die Menschen, die daran vorübergehen – übrigens auch für das Kunstwerk selbst, das sich im Alltag der Menschen behaupten muss. Häufig stellt es eine Störung im städtischen Gefüge dar, man stößt sich daran." Hat Kunst im öffentlichen Raum, mit anderen Worten, auch die Funktion, so etwas wie eine Reibungsfläche zu sein? "Unbedingt! So entsteht eine Auseinandersetzung. Man kommt miteinander ins Gespräch. Das ist immer eine gute Sache." Ein Aspekt von Kunst im öffentlichen Raum ist die Wartung; für sie ist das Freiburger Garten- und Tiefbauamt zuständig. Garantiert wartungsfrei ist das für Stuttgart geplante Performancekunstwerk von Tino Sehgal, bei dem ein professioneller Sänger zu wechselnden Zeiten eine Arie anstimmt. Auch solche Kunst ist also im öffentlichen Raum möglich.

Eng mit dem Thema Pflege und Wartung verbunden ist das leidige Phänomen des Vandalismus. Kunst im öffentlichen Raum ist mannigfachen Angriffen ausgesetzt – bis hin zur Zerstörung durch Brandstiftung, in Freiburg 2015 so widerfahren Reiner Maria Matysiks raumgreifender Polyester-Skulptur "Augenloses" am Zentrum für Biochemie und Molekulare Zellforschung in der Stefan-Meier-Straße. Sehr viel häufiger sind Kunstwerke dem Besprühen mit Graffiti ausgesetzt. Ein extremes Beispiel in Freiburg ist das "Holbein-Pferdchen". Immer wieder wird die Skulptur eines Fohlens von Werner Gürtner aus dem Jahr 1936 besprüht. Mehr als 120 Farbschichten wurden bei einer Bohrung vor drei Jahren gezählt.

"Das Holbein-Pferdchen ist längst freigegeben, der Hirsch im Höllental wird gerade freigegeben", erklärt dazu Angeli Janhsen, Kunstgeschichtsprofessorin in Freiburg. "Man muss akzeptieren, dass manche Dinge sich überleben. Es gibt fruchtbare Auseinandersetzungen mit Altem. Das kann ich mir auch am Siegesdenkmal vorstellen. Zuerst einmal ist aber Achtung nötig für das, was andere gemacht haben, was wir vielleicht nicht mehr ganz verstehen und nicht mehr wichtig finden." Generell sei die beste Prävention das Anschaffen und Diskutieren neuer Kunst.

"Der Farbabtrag des Pferdchens ist auf der Liste der Dinge, die zu tun sind", war jüngst aus dem Rathaus zu hören. Doch gebe es wichtigere Dinge. Ohnehin ist das Sprüh-Pferdchen zu einer Art Wahrzeichen geworden und kann in einer Edition in unterschiedlichem Design käuflich erworben werden. Auch solche "Karrieren" stehen Kunstwerken im öffentlichen Raum offen.

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