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02. Februar 2009

Ende der Kinderstunde

Der dritte Teil von Wagners "Ring ", inszeniert von David McVicar, dirigiert von Claus Peter Flor, an der elsässischen Rheinoper

  1. Heldentenor der Zukunft: Lance Ryan als Siegfried, mit Jeanne-Michèle Charbonnet (Brünnhilde) Foto: alain kaiser

Siegfrieds Weg vom Wald, in dem er gerade erst den Drachen erstochen hat, bis zum Fels, auf dem das "herrlichste Weib" Brünnhilde liegt, dauert gut zwölf Jahre. So lange jedenfalls brauchte es, bis sein Komponist und Textdichter Richard Wagner die Arbeit an der Partitur nach dem vollendeten zweiten Akt wieder aufnahm. Mit dem Ergebnis, dass die Musik im dritten Aufzug der dritten "Ring"-Oper eine ganz andere geworden ist. Das grimmige Scherzo, das oftmals fratzenhaft Verzerrte der Märchenhandlung ist einem anderen, viel metaphysischerem Stil gewichen, in dem sich der Mythos, das Weltendrama seinen Weg in Richtung Katastrophe bahnt.

Möglicherweise hat sich David McVicar in seiner Umsetzung der Tetralogie an der Straßburger Opéra national du Rhin von dieser Überlegung maßgeblich leiten lassen. Nach zwei Akten – sagen wir ironisch – Kasperletheater vollzieht sich auf der Bühne der Rheinoper ein gewaltiger ästhetischer Bruch: Ende der Kinderstunde à la "Hänsel und Gretel", Rückkehr in eine archaische Szenerie mit Bildern von zeitloser, klassischer Schönheit. Im ersten Aufzug dieses "Siegfried" hat Ausstatterin Rae Smith noch eine Schmiede auf die Bühne gestellt, wie sie jeder naturalistischen "Ring"-Inszenierung der 1930er Jahre schmeichelte; im zweiten ist es ein surrealistischer, böser Wald, dessen Verästelungen mehr an Dornen und Spinnenbeine erinnern als an den Topos "deutscher Wald".

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Im Mittelpunkt steht die theatralische Illusion


Und tatsächlich geben McVicar und Smith dem Affen Zucker, sprich dem Publikum einen Drachen, der gleich einer Riesenspinne für wohlige Phobien sorgt – eine durchaus gelungene, packende Umsetzung dieses schwierigen Märchenszenarios. In Akt drei merkt man dann die Klammer zu den vorausgegangenen beiden "Ring"-Abenden. Die überdimensionale, zerbrochene Maske – McVicars Metapher für den Walküren-Felsen – ist wieder da und ebenso ein charismatisch lodernder Feuerkreis, der den Zuschauer mit filmischen Mitteln einfängt.

Womit sich festhalten lässt: McVicar und Smith bewahren die szenische und ästhetische Einheit ihres "Rings", auch wenn dieser dritte Abend die Zweifel an der Tiefe der Aussagekraft dieser Produktion wachsen lässt. In deren Mittelpunkt steht die theatralische Illusion – ein Ansatz, den man rechts des Rheins schon fast vergessen hat. Doch betrachtet man diesen "Ring" einmal jenseits seiner suggestiven ästhetischen Wirkung, bleibt nicht allzu viel übrig. Richard Wagners in Umfang und Aussagekraft wohl einmaliges großes Welttheater wird zusammengeschrumpft auf ein höchst professionell gemachtes Fantasy-Spektakel mit Akteuren, die inmitten der großen Ausstattung nicht selten ein bisschen wie Statisten wirken. Oder wie Chargen und Kasper, wie im Falle des Schmieds Mime (da nimmt man’s gerne hin) und seines oberfiesen Bruders Alberich (da wird das Rumgehopse zu flach).

Die beiden sind gleichwohl – unter anderem – Garanten für die erfreulich hohe musikalische Qualität dieser "Siegfried"-Produktion. So verleiht Colin Judson dem Mime einen markanten Charaktertenor mit den Schärfen, Kanten und Ecken, die man so liebt an dieser Antihelden-Figur. Und Oleg Bryjak singt den Alberich mit einem Bass von schier hinreißender Plastizität und großer Prägnanz in der Artikulation.

Die Sprache, ja die Sprache – sie ist trotz des internationalen Ensembles dieses Mal von erfreulicher Qualität. Einzig Lance Ryan (Siegfried) sollte an seinem Akzent noch feilen. Dennoch ist seine Gestaltung dieser Kraft raubenden Partie außergewöhnlich. Selten erlebt man einen Heldentenor, der sich in jeder Phase der drei Akte so schonungslos fordert und, wenn’s drauf ankommt, mit voller Kraft präsent ist. Der Preis dafür ist, jedenfalls im Augenblick, noch hoch: Ryan versagt dem Hörer die große Linie, nicht zuletzt, weil sein Gesangsstil viel zu konsonantisch ist. Trotzdem: Bei entsprechender Pflege und Entwicklung der Stimme steckt in Ryan ein Heldentenor der Zukunft. Jeanne-Michèle Charbonnets Brünnhilde wirkt dagegen hörbar alt, mit (zu) großen Tremoli, aber überraschenderweise in der Höhe äußerst zuverlässig. Jason Howard schließt seinen Wotan mit der Wanderer-Partie respektabel ab; sein nie scharf tönender Heldenbariton wäre vielleicht in der so genannten "Wette" im ersten Aufzug noch ausdrucksstärker zur Geltung gekommen, hätte Dirigent Claus Peter Flor da auf einem spannungsreicheren Gestalten der musikalischen Bögen bestanden.

Darüber hinaus ist Flor der ruhende Pol dieses Abends, der das Philharmonische Orchester Straßburg zu manchem Höhenflug führt. Der gesamte zweite Akt und große Teile des dritten sind von herausragender Qualität, die durch instrumentale Einzelleistungen (Solohorn, Holzbläser), aber auch sehr homogene Streichergruppen geprägt ist. Für ein mittleres Opernhaus der Größe Straßburgs ist’s ein großer Abend, der einmal mehr die oft kaum noch wahrnehmbare Fallhöhe zu den Zentren der Wagner-Pflege sicht- und hörbar macht.
– Weitere Aufführungen: In Straßburg am 2., 7., 10. und 13. Februar. In Mulhouse am 27. Februar und 1. März.
http://www.operanationaldurhin.fr

Autor: Alexander Dick