Doppelausstellung in Freiburg

"Faszination Norwegen" ist eine große Augenreise

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Fr, 07. Dezember 2018 um 19:42 Uhr

Ausstellungen

Die Doppelausstellung "Faszination Norwegen" im Augustinermuseum und dem Haus der Graphischen Sammlung in Freiburg zeichnet einen herrlichen Bilderbogen.

Der Titel klingt wie die Reklame eines Reiseveranstalters: "Faszination Norwegen". Was durchaus passt, denn auch das Augustinermuseum Freiburg möchte zu einer Reise verführen. Einer Zeit- und Augenreise, mit zwei Stationen: der großen Ausstellungshalle, in der rund 50 Gemälden von Johan Christian Dahl bis Edvard Munch geboten werden – und dem Haus der Graphischen Sammlung mit rund 20 Druckgrafiken Munchs.

Eine Reise – quer durch Deutschland – haben die meisten Exponate selbst schon hinter sich. Sie kommen vom Museum Kunst der Westküste in Alkersum auf der Nordseeinsel Föhr. Im Frühjahr und Sommer war das Museum die erste Station der Schau. In der jetzigen zweiten steuert das Augustinermuseum zu dem herrlichen Bilderbogen aus den eigenen Beständen eine gute Handvoll Exponate bei. Dass Petter Ølberg, norwegischer Botschafter in Deutschland, die Schirmherrschaft für die beiden Ausstellungen übernahm, versteht man auf den ersten Blick.

Reisen, Reisen. Auch die ausgestellten Werke, die Gemälde zumal, verdanken sich dieser Tätigkeit. Denn bevor sie gemalt wurden, mussten die so einfühlsam dargestellten erhabenen oder idyllischen Landschaften erst einmal "erreist" werden. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Dahl mit den Landschaften seiner norwegischen Heimat in ganz Europa bekannt. Der in Bergen geborene Romantiker, ein Freund Caspar David Friedrichs, hatte in Kopenhagen Kunst studiert und war seit 1824 Professor in Dresden. Mit seinen spektakulären Naturansichten motivierte er zahlreiche Künstler, selbst nach Norwegen zu reisen und die majestätischen Fjordlandschaften, pittoresken Wasserfälle und Gebirgsketten zum Gegenstand stimmungsvoller Gemälde zu machen.

Unter den Norwegenfahrern befanden sich viele Deutsche, wie Friedrich Thöming und Louis Gurlitt – oder Christian Morgenstern, der Großvater des Dichters; als einer der ersten brach er 1827 von Hamburg aus zu einer Reise in den Norden auf. Aus den Erträgen dieser Norwegen-Begeisterung, die bis weit in die zweite Hälfte des Jahrhunderts anhielt, als Dahl den Moses-Stab des Norwegen-Künders längst an seinen Landsmann Hans Fredrik Gude weitergegeben hatte, speist sich die Schau. Gude hatte in Düsseldorf bei dem Landschaftsmaler Andreas Achenbach studiert, ehe er Professor wurde. 1863 trat er die Nachfolge von Johann Wilhelm Schirmer in der Fächerstadt Karlsruhe an, die bald ebenfalls ein Zentrum der Norwegen-Aficionados wurde. Am Rande nun nochmals Reisen: Die Norwegen-Begeisterung, die Dahl bei seinen Künstlerkollegen entfacht hatte, erfasste mit einer üppigen Bildproduktion bald auch das Kunstpublikum – und kurbelte den Tourismus an, der wiederum die Konjunktur der Norwegen-Malerei befeuerte. Ein Schneeballsystem.

Der hypnotische So der Gefühlswelt

Und Schnee und Eis, apropos, gibt es auch reichlich in den Gemälden. Beispielsweise in den drei farblich delikaten (Stadt-)Landschaften Frits Thaulows mit ihrem Impressionismus ganz eigener Art: in der wunderbaren "Schneeschmelze" von 1887 zumal, in deren weichkurvigen Landschaftsformen man ansatzweise bereits die Formensprache von Thaulows Vetter Munch zu erkennen glaubt, in der sich der hypnotische Sog der Gefühlswelt der Figuren ins Landschaftliche übersetzt. Oder in Jan Ekenaes’ "Eisfischern" von 1910, einer späten Schöpfung des Naturalismus. Auf nicht wenigen Bildern auch sieht man schneebedecktes Gebirge im Hintergrund von Fjordlandschaften. Letztere – Fjordlandschaften – werden von den Malern favorisiert: ihrer pittoresken Qualität wegen, aber wohl auch noch aus einem anderen Grund. Wenigstens fällt auf, dass kaum auf einem Bild der Blick von der Küste aufs weite Meer fällt. Fast immer vielmehr sieht man auf der gegenüberliegenden Küste eines Fjords steil aufragende Felsen vor gebirgiger Landschaft. Johannes Duntzes großartig-erhabene "Norwegische Landschaft" von 1882 gewährt die Aussicht auf eine veritable Gebirgsszenerie mit weißen Berggipfeln über dem Wasser des Fjords.

Ebenso gut könnte man einen Gebirgssee in den Alpen vor sich haben; so auch in den hinreißenden Fjordlandschaften Morgensterns und Friedrich Thömings – oder in Louis Apols zwischen Naturalismus und Impressionismus oszillierendem Gemälde von 1880. Was an die europäische Alpenbegeisterung des 18. Jahrhunderts denken lässt, die sich gleichermaßen an Gemälden und an Dichtungen wie Albrecht von Hallers "Alpen" entzündete. Hallers Gedicht feiert das in urtümlicher Gebirgsnatur lebende Schweizer Bergvolk als Idealbild naturgemäßer menschlicher Gesellschaft. Vergleichbares scheint ein Jahrhundert in Blickrichtung Norden zu geschehen. Norwegen, die Alpen des 19. Jahrhunderts, Inbild der Natursehnsucht der Zeit.

Es ist zumeist erhabene Natur, die sich vor den Augen des Betrachters in den Gemälden entfaltet – nicht selten in einem je spezifischen Mischungsverhältnis mit idyllischen Szenerien. In Duntzes Gemälde halten sich die majestätische Fjordlandschaft und die Idylle des Vordergrunds mit Booten auf dem Wasser und dem gemütlich rauchenden Schornstein des urigen Hauses am Ufer die Waage.

Idyllische Szenerien am Wasser bieten auch die beiden frühen Gemälde Edvard Munchs. Durchweg der reifen Schaffenszeit gehören dann die rund 20 Druckgrafiken im Haus der Graphischen Sammlung zu. Radierungen wie "Zwei Menschen. Die Einsamen" von 1894 und Lithografien wie "Anziehung I" von 1896 entfalten Landschaft als Spiegel des innerpsychischen Geschehens. Die Radierungen der Serie "Alpha und Omega" von 1908/09 oszillieren demgegenüber zwischen Humor und einer Tragik, in deren Schatten das Geschlechterverhältnis in den Werken des Norwegers fast durchweg getaucht ist.

Augustinermuseum und Haus der Graphischen Sammlung, Augustinerplatz bzw. Salzstr. 32, Freiburg. Bis 17. März,
Di bis So 10–17 Uhr.