"Herr Direktor, wir sind eingemauert"

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 13. Februar 2017

Theater

Auf hinreißendem vokalen Niveau: Händels "Giulio Cesare in Egitto" am Theater Freiburg, inszeniert von Florentine Klepper.

28 grauweiße, in eine Art Schrankwand verpackte schmale Türen – je 14 auf der linken und rechten Bühnenseite. Eine, rechts, ist eher eine Art Postausgabeschalter, eine Art Deus-ex-machina-Maschine, aus der immer mal Pakete mit unterschiedlichen Inhalten wie Masken oder Decken kullern. Aber das sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt, denn zuvörderst fragt man sich natürlich: Was ist das eigentlich für ein Raum, in dem Bühnenbildnerin Martina Segna Florentine Kleppers Inszenierung von Händels "Giulio Cesare in Egitto" am Theater Freiburg verortet? Eine Art Wartesaal an der Grenze der beiden Machtbereiche?

Zur Erinnerung, die Handlung spielt 48 v. Chr., zurzeit von Caesars Feldzug gegen Pompeius in Ägypten. Die Überwachungskameras (denen Caesar am Anfang seinen roten EU-Ausweis entgegenhält), die große, verspiegelte Glasscheibe vor der Hinterbühne und die wenigen Resopaltische lassen trotzdem diesen Schluss zu. Der Durchgangsraum ist eines der Lieblingskinder des aktuellen Theaters, er ist Symbol für Schwebezustände, alles und gleichzeitig nichts. Und er lässt sich wunderbar zumüllen, auch ein Pflichtakt für viele Regisseure: Lassen sich die eigenen Gedanken nicht sortieren, schüttet man sie einfach auf der Bühne aus.

Barocke Affekte

vor der Kloschüssel

Auch das tut Florentine Klepper. Nach der Pause, in der Mitte des zweiten Akts, friert sie die Szene ein, die Musik schweigt. Minutenlang kriechen, schreiten, schlurfen die Dramatis personae zwischen Pizzakartons (Achtung: Zivilisationskritik!) und anderem Gerümpel über die Bühne, nur von den Lichtkegeln einiger Taschenlampen illuminiert. Vor der Glasscheibe wächst jetzt eine gigantische Monstera deliciosa, vulgo Zimmerpflanze. Denn eigentlich lässt Händels Librettist Nicola Haym diese dritte Szene in einem Lustgarten spielen.

Ja, es geht um Lustgewinn durch Macht, Gewalt und Korrumpierbarkeit in diesem Dramma per musica. Aber wie das so ist in der Barockoper, es wird keine Geschichte erzählt, es werden Affekte kumuliert. Keiner der Akteure hat ein entwickeltes Profil, Kabale und Liebe sind einfach so da, Gut und Böse werden schroff gegeneinander ausgespielt. Und der weltpolitische Rahmen der Handlung versinkt hinter dem privaten Ränkespiel.

Klepper weiß das, und so sucht sie die Tragödien der Protagonisten in dieser trostlosen Wartesaalatmosphäre, in die auch noch ein wenig Clash of Cultures verpackt wird, in dem Zivilisationsmüll zu zeigen. Mit einer Portion Zynismus. Man wird geschoben, getrieben, von der einen Tür zur anderen, abgeschoben in Zellen. Caesars tiefstes Elend, sein Kampf mit der Flut findet nach solcher Logik am besten auf dem Abort statt: Affekte vor der Kloschüssel. Das ist nah am Trash, an der Comedy, deshalb auch die vielen Türen. Und wenn beim hundertsten Mal eine Figur wieder am Abgang gehindert wird, weil die meisten verschlossen sind, dann denkt man unwillkürlich an den besoffenen Gefängnisdiener Frosch in der "Fledermaus", der die Schranktür neben der richtigen Tür öffnet und entsetzt ruft: "Herr Direktor, wir sind eingemauert."

Eingemauert hat sich auch die Regie hinter ihren unzähligen Ideengebäuden und Assoziationsketten. Dass die Ägypter als eher reptilartige Wesen mit Afromähne (Kostüme: Adriane Westerbarkey) dargestellt werden, ist wohl Kritik an unseren Vorurteilen. Dass die Akteure oft Masken tragen, zum Beispiel Krokodilsköpfe: Hommage an die Mythologie der alten Ägypter, den Krokodilsgott Sobek, Schützer und Feind in einer Person?

Das alles macht diesen (trotz Kürzungen) dreieinhalbstündigen Abend ungemein zäh. Zum Glück agieren die acht Protagonisten auf einem vokalen Niveau, das höchsten Ansprüchen genügt. Dmitry Egorov leistet Herausragendes in der Titelpartie. Der Countertenor des St. Petersburgers zeichnet sich durch einen gewaltigen, ungemein ausgeglichenen Stimmumfang aus, sein Timbre ist von lyrischer Schönheit, seine Koloraturtechnik vom Feinsten. Auch Matthew Shaw in der Rolle des ägyptischen Gegenspielers Tolomeo hat ausgewiesene Counterqualitäten und wird der hysterischen Seite der Figur überaus gerecht. Die Partie des Sesto ist, entsprechend der ersten Fassung der Oper, mit einer Sopranstimme besetzt. Sie gehört einer Frau: Sharon Carty. Die Irin reüssiert auch in ihrer vierten Rolle am Theater Freiburg, ihr Mezzosopran fokussiert die extremen Seelenzustände der jugendlichen Rächerfigur hinreißend, ihr "La giustizia ha già sull’arco" im dritten Akt ist ein Höhepunkt.

Auch Susana Schnell hat einen großen Abend, zeichnet den Wandel der Cleopatra von der kokettierenden zur liebenden Frau stimmlich (und szenisch) affektstark nach, in ihrer Arie "Se pietà di me non senti" wartet sie mit bezaubernden Piano-Legati auf. Silvia Regazzo schließlich vermag Leid und Trauer der Cornelia mit ihrem warmen, dunklen und sehr kräftigen Mezzosopran erstklassig widerzuspiegeln. Auch die übrigen Partien sind mit Franziska Gündert (Nirena, eigentlich Nireno), Alejandro Lárraga Schleske (Achilla) und dem Theaterfreunde-Stipendiaten Jongsoo Yang (Curio) vom neuen Opernstudio ausgezeichnet besetzt.

Egon Mihajlovic’ Dirigat ist wohltuend vokalbezogen. Dem slowenischen Barockspezialisten ist an einem lyrischen, kantablen Händel-Ton gelegen, schroffe Gegensätze im Al-fresco-Stil meidet er eher. Das tut dem Spiel des Philharmonischen Orchesters im weit hochgefahrenen Graben nicht immer gut. Die mit Barockbögen spielenden Streicher klingen oft etwas verwaschen, zudem könnte die Intonation der Violinen schärfer sein. Trotzdem – eine Leistung, die an hohen Maßstäben orientiert ist. Wie auch jene des von Bernhard Moncado einmal mehr vorzüglich geformten Chores. Dass dieser nach der Ouvertüre und am Ende nur aus der (bewusst verzerrten) Konserve klingen darf – Sparmaßnahme oder Regieidee? Letzteres fragt man sich auch bei der siebenstelligen Zahl hinter der Glasscheibe, die im Laufe des Abends mächtig voranschreitet: Zahl der Kriegsopfer, Flüchtlinge? Oder einfach nur registrierte Regiefehler? Für die gab’s am Premierenabend ein in seiner Heftigkeit für Freiburg ungewohntes Buhkonzert.

Termine: 9., 12., 16., 18., 24., 31. März; 19., 23. April; 5., 28. Mai. Vorverkauf beim BZ-Karten-Service (bz-ticket.de/karten oder Tel. 0761 / 496-8888) und bei allen BZ-Geschäftsstellen.