Hoffnung für "Luzia"

Martina Farmbauer

Von Martina Farmbauer

Do, 06. September 2018

Kunst

In Rio de Janeiro wird spekuliert, welche Exponate womöglich das Feuer überstanden haben.

"Feuerwehrleute haben zwischen den Trümmern einen Schädel gefunden." Was zunächst nach einer makabren Mitteilung klingt, könnte im Zusammenhang mit dem abgebrannten Nationalmuseum in Rio de Janeiro doch eine gute Nachricht sein. Denn es besteht die Möglichkeit, dass es sich bei dem Schädel um "Luzia" handelt, das mit etwa 11 000 Jahren älteste in Lateinamerika gefundene Fossil. Zunächst war man davon ausgegangen, dass das Feuer "Luzia" zerstört hatte.

Ein Feuerwehrmann, der am Sonntag gegen die Flammen gekämpft hatte, erzählte dem Nachrichtenportal G1 wie er versucht hatte, "Luzia" zu retten und beim Öffnen eines Schrankes vor einem weißglühenden Eisen gestanden habe. Die hohen Temperaturen hätten seine Handschuhe zum Schmelzen gebracht. "Ich habe geweint, aber nicht vor Schmerz, sondern vor Frust", sagte Rafael Luz. Bei "Luzia" handelt es sich Archäologen zufolge um die Überreste einer der ersten Einwanderinnen Südamerikas. Eine digitale Rekonstruktion ihres Gesichts hat ergeben, dass sie nicht zu den asiatischen Einwanderern gehörte, die man für die ersten Menschen in Amerika gehalten hatte. So entstand die Hypothese einer früheren Einwanderungswelle. "Luzia" ist auch deshalb von so großer Bedeutung, weil sie als "erste Brasilianerin" gilt. Im Bundesstaat Minais Gerais in den 1970er Jahren entdeckt, bekam sie in Anlehnung an das Skelett des afrikanischen Vormenschen "Lucy" den Namen "Luzia".

Der als "Maxakalisaurus Topai" bekannte pflanzenfressende Dinosaurier aus der späten Kreidezeit, einer der ersten großen Dinos, der in Brasilien für eine Ausstellung rekonstruiert wurde, ist ebenfalls in Minas Gerais gefunden worden. Er scheint jedoch zu den Objekten zu gehören, die bei dem Brand im Nationalmuseum sicher zerstört worden sind.

Sicher ist, es ist der größte historische und wissenschaftliche Verlust in der Geschichte Brasiliens. Das Nationalmuseum verfügte über 20 Millionen Objekte – von Dinosauriern über den Thron Dom Pedros, ein Tagebuch von Brasiliens österreichischer Kaiserin Leopoldinas bis hin zu ägyptischen Mumien, griechischen Statuen und etruskischen Artefakten, was es in Bezug auf den Umfang seiner Sammlung zu einem der fünf größten Museen dieser Art der Welt gemacht hatte. Seine Sammlung ägyptischer Mumien galt als zweitgrößte der Welt. Der Tageszeitung Folha de S. Paulo zufolge sind die Bestände aus den Bereichen der Archäologie, Paläontologie, Anthropologie und Wirbellose (mit fünf Millionen Insekten) komplett verloren. Das gelte auch für Labors und Unterrichtsräume. Das Museu Nacional ist an die Universidade Federal do Rio de Janeiro angeschlossen. Die Hoffnung von Wissenschaftlern etwa aus der Archäologie, der Geologie und der Paläontologie beruht darauf, dass einige wertvolle Objekte in besonders stabilen Schränken das Feuer überstanden haben. Wie der Bendegó-Meteorit in der Eingangshalle – einer der größten Meteoriten der Welt.

Ein Teil der zoologischen Sammlung, die Zentralbibliothek, der Kräutergarten und die Abteilung der Wirbeltiere bestehen noch, weil sie teilweise in anderen Gebäuden untergebracht waren. Alexander Kellner, seit Februar Direktor des Museu Nacional, plante, das Museum selbst nurmehr für Ausstellungen zu nutzen und das Depot in anderen Gebäuden unterzubringen.

Das Nationalmuseum war schon lange in einem kritischen Zustand. Der Fernsehsender TV Globo zeigte jetzt erneut ein rund einen Monat altes Dokument, in dem ein Architekt auf die Feuergefahr hingewiesen hatte. Dazu hatte er ein Foto gelegt, auf dem ein freischwebendes Stromkabel notdürftig mit Klebeband umwickelt war.