Junge trifft Mädchen ...

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

Mo, 16. Januar 2017

Theater

Das Musical "The Addams Family" in der Version von Gary Joplin und Emma-Louise Jordan feierte Premiere am Freiburger Theater.

Hände strecken sich fingerschnippend durch die Vorhangbahnen im Kleinen Haus des Theater Freiburg. Dann noch ein paar mehr, die Musik setzt ein, der Vorhang hebt sich, das bleiche Ballett der lebenden Toten beginnt zu tanzen – gleich mit dem ersten Bild wird klar, das an diesem Theaterabend da, wo Musical draufsteht, auch Musical drin sein wird. Und zwar so richtig Musical, vom Broadway. Andrew Lippas Erfolgsstück "The Addams Family" hat sich das Produktionsteam um Regisseur Gary Joplin und Choreographin Emma-Louise Jordan für seine nun schon vierte Bühnenarbeit mit 21 Jugendlichen aus Freiburg und Umgebung ausgewählt.

Die Geschichte ist so einfach, wie es Musicals lieben: Junge trifft Mädchen, die Familien passen scheinbar gar nicht zusammen, alles eskaliert, und am Ende kriegen sie sich. Bei "Addams Family" steht auf der einen Seite eine schräge Gothic-Familie, die auf Folterqualen und Friedhöfe steht. Die Verdrehung der Werte gibt dankbar viel Gelegenheit, über schwarzen Humor zu lachen, etwa, wenn das Zwillingsbrüderpaar Pugsley und Pugsley Addams (Yannick Obermeier & Leon Rüttinger) sich auf dem elektrischen Stuhl mit Stromstößen liebkosen lässt.

Gleichzeitig vertreten die morbiden Familienoberhäupter Morticia und Gomez (musicalissimo gemimt von Julia-Marlen Häfner und Yalany Marschner) eine so tugendhafte Treue und Wahrheitsliebe, dass sie damit sogar ihrem verkorksten Klemmspießergegenpart das Zwangsmoralkorsett lockern können, ohne dass diese dadurch zu Wutbürgern werden. Gerahmt von glücklich obsiegender Heteroliebe in trauter Ehezweisamkeit dürfen dann sogar Fragen nach der Normalität menschlicher Gelüste gestellt werden, oder, wie es Morticia formuliert: "Was für die Spinne normal ist, ist für die Fliege eine Katastrophe."

Wie solche Fliegen fühlen sich Mel und Alice Beineke (Jacob Ruhnau, Lena Amberger), als Sohn Lucas (Joshua Knaak) sie zu einem Diner mit den Eltern seiner Auserwählten, der Obergruftine Wednesday Addams (Tanja Beutenmüller), nötigt. Wenn man möchte, darf man das Aufeinandertreffen zwischen den Obernormalos aus der Provinz und der schrillen New Yorker Bohème auch politisch lesen. Und das hübsche Nachthimmel-Coming-Out von Bohème-Onkel Fester (hinreißend intoniert von Benjamin Erhardt) fügt der LGBT-Regenbogengemeinde ein süßes M für Mond hinzu.

Allzu tief muss man Nachdenklichem aber nicht hinterhersinnen, es gibt der Gute-Laune-Revue einfach den nötigen Minimaltiefgang, damit das Vergnügliche nicht ins Platte kentert. Braucht man anfangs vielleicht noch ein bisschen, um sich in das rollenbewusste Posen von Latinlover Gomez und seiner grabescoolen Ehediva einzugewöhnen, wird man dann doch schnell vom geschickt choreographierten Bühnengeschehen mitgerissen, bis sich am Ende ein gewisses Staunen darüber einstellt, wie abgezockt knapp zwei Dutzend Jugendliche da ein super vergnügliches Musicalding auf die Bretter stemmen. Chapeau! Auch den Crouchin’ Nails, die unter Leitung von Nikolaus Reinke der beeindruckenden Stimmgewalt des jungen Ensembles den entsprechenden musikalischen Rückhalt geben. Und wenn mal nichts mehr geht, dröhnt der Lurch (Nils Dressel) aus frankensteinscher Monstertiefe.

Wer diese prima Ensembleleistung erleben möchte, dürfte sich schnell um Karten kümmern müssen.

Weitere Vorstellungen: 21., 29.1., 16.2., 19 Uhr, 22.1., 18 Uhr, Kleines Haus, Theater Freiburg.