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27. September 2011

Kehraus für Benedikt

26 Künstlerinnen und Künstler sagten im Freiburger Vorderhaus dem Papst "Bye-Bye".

  1. Als Nonnen verkleidet: Die A-Capella-Band „Die Giselas“ im Hof des Vorderhauses Foto: promo

Was des einen Freud, ist des anderen Leid. Und so feierten rund 240 Papstkritiker am Sonntagabend im Freiburger Vorderhaus unter dem Titel "Bye-Bye, Pope!" eine ausgelassene Abschiedsparty, während in der Stadt nach dem Mega-Event-Wochenende gerade die Polizeikolonnen abziehen und letzte Absperrgitter und Dixie-Klos verladen werden. Das Programm dieser Benefiz-Veranstaltung: Eine Art kabarettistischer Kehraus mit Satire und Musik, zu dem sich 26 Künstlerinnen und Künstler zusammenfanden und dessen Erlös dem Netzwerk b für Betroffene sexualisierter Gewalt zugute kommt.

Und so wundert es auch nicht, dass sich schon im Hof jede Menge verkleideter Nonnen, Mönche und Priester tummeln. "Nein zum Gummi, ja zum Samen – Amen!" schmettert Kabarettist Frank Sauer im Talar leidenschaftlich in die Menschenmenge, während er ein gefülltes Kondom wie einen Klingelbeutel schwenkt. Und auch die Freiburger Frauen-A-Cappella-Band "Die Giselas" hat sich in züchtigen Ordensschwester-Habit gekleidet, um beim Gospel trotz beseeltem Blick und sphärischer Kopfstimme ganz kess mal Straps, mal Bierdose aufblitzen zu lassen. Kurz – Die Stimmung ist prächtig, die Meinung einhellig: Geh mit Gott, Benedikt, aber geh! Gepredigt wird dann aber trotzdem jede Menge – wenn auch nicht von der Kanzel und ganz anders als gewohnt . . .

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"Hells Bells" dröhnt es wenig später von der Bühne im unbestuhlten Saal, wenn die Freiburger Band "Blue Babies" mit einem wilden Medley aus Rock und Pop in Ska-Manier das altersgemischte Publikum zum Wippen bringt. Überhaupt bleibt an diesem Abend die Abrechnung mit der katholischen Kirche und "Benni Ratzfatz" bei aller Kritiklust immer spaßig, schließlich sind Sexualitäts-, Frauen- und Schwulenfeindlichkeit samt Doppelmoral für die Kritiker Dauerthemen; unter Gleichgesinnten muss man da nicht mehr die Zähne fletschen.

Von der Sonntagsmesse in die Höhle des Löwen

Dafür wird mit ganz unterschiedlichen Kurzbeiträgen eine temporeiche, intelligente und teilweise hochkarätige Show geboten: So wagt sich der Breitnauer Kabarettist Martin Wangler frisch weg von der Sonntagsmesse in die "Höhle des Löwen", um allerhand Devotionalien zu verteilen und handfeste Mundartlieder zum Besten zu geben. Schauspielerin Sybille Denker verwandelt sich nach einem bitterbösen Sketch mit Schauspieler und Regisseur Peter W. Hermanns in eine säuerlich-verschämte Angela Merkel, die so manchen Kirchenmann gut verstehen kann und allzu gerne auch mal ihre knackigen FDP-Knaben vernaschen würde. Brillant auch Wortkünstler Marcus Jeroch, der als Predigtparodie einen ebenso tiefsinnigen wie aberwitzigen Sprachsalat rund um Vatikan und Freiheit produziert und dabei von seinem Kollegen Schroeder am Schlagzeug kongenial begleitet wird. Und Willy Scheuchenpflug gibt als kerniger Bayer in Lederhose noch einmal den Klassiker "Der Münchner im Himmel".

Großartig und ganz in seinem Element ist an diesem Abend aber vor allem Frank Sauer, der hier nicht nur als scharfzüngiger Advocatus Diaboli agiert, sondern auch gleich zwei umwerfende Raps rund um das Kirchenthema präsentiert. Überhaupt gibt es viel Musik: Neben den Blue Babies und den wirklich beeindruckend jubilierenden Giselas steht auch "Diese wunderbare Band" mit ihrem neuen Papstreggae und dem auf Freiburg zugeschnittenen Satiresong "Dalai Lama" auf der Bühne. – Man sieht: Wenn der Papst kommt, dann ist sogar im Vorderhaus die Hölle los.

Autor: Marion Klötzer