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26. März 2016

Erbarmen und Ausrufezeichen

Die Camerata Vocale Freiburg mit dem Mozart-Requiem.

  1. Wolfgang Amadeus Mozart Foto: dpa

Bräuche können langlebig sein. So schimmert bei diesem instrumentalen Mozart’schen c-Moll-Adagio KV 546 immer noch das Modell der hart punktierten französischen Ouvertüre durch. Darauf indes ließen der Dirigent Winfried Toll und das Kammerorchester Basel jetzt dezidierte Lyrik folgen: überaus fein ausgelotete, sanfte Klänge. Wie zwei Seiten einer Medaille. Die anschließende, in ihrer Struktur sehr expressiv und transparent vermittelte Fuge, die im Freiburger Konzerthaus gleichwohl etwas basslastig daherkam, hatte die gebotene Schroffheit. Und der Finalakkord besaß da die Wirkung eines Ausrufezeichens – ergo: Achtung! Das ernste Programm am Vorabend des Karfreitags war somit eröffnet.

Erbarmen, mit Jan Dismas Zelenkas Versinnlichung des Bußpsalms "Miserere mei, Deus", sowie Tod und Ewigkeit, mit Mozarts Requiem. Zwei kirchenmusikalische Spätwerke zum Thema letzte Dinge und Erlösung in Wiedergaben, die berührten: in der Art, wie die Musik bei Zelenka den zentralen Begriffs des Erbarmens aufgreift. Tonkunst, die – nicht nur die Harmonik-Überraschungen, die sogenannten Imprévus, deuten darauf hin – weniger mit dem alten Bach als vielmehr mit dessen Filius Carl Philipp Emanuel verwandt ist. Tolls Camerata Vocale Freiburg hatte so Gelegenheit, sich gleichsam warm zu singen, auch bereits vorhandene polyphone Kompetenz vorzuführen. Nebeneffekt: Am schlanken, leuchtenden Papagena-Sopran Regula Mühlemanns konnte sich der Zuhörer erwärmen.

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Wärme – sie ist das eigentliche Stichwort für Tolls Lesart des Mozart-Requiems (der Chorchef hatte die Fassung von Franz Beyer gewählt). Klar, Tod et cetera werden, obwohl unausweichlich, von unserer Spaßgesellschaft an den Rand geschoben. Sehr wohlig und behutsam steuerte der – man konnte es der präzisen Zeichengebung entnehmen – allzeit souveräne Dirigent auf den Fokus dieser Totenmesse zu. Mit dem wohligen Entree kontrastierten bald nachdrückliche Orchesterschläge. Mitunter praktizierte Toll einen (wieder Ausrufezeichen!) angemessenen Non-legato-Stil. Bei dem Introitus, hinter dem eine Folie der Marke stile antico aufscheint. Zwei Erkenntnisse vermittelte diese fast kammermusikalische Mozart-Auslegung: dass Masse keine Massen braucht und dass Dramatik nicht identisch mit brachialem Getöse sein muss. Dem "Dies irae" und seinem infernalischen Szenario kam bis in die Blechstöße hinein kultivierte Kraft zu. Würdig die Posaunendreingabe beim "Tuba mirum".

Der ausgewogen besetzte Chor zeigte sich in Bestform. Man denke an die Koloraturengewandtheit und die Leichtigkeit beim "Kyrie". Lieblichkeit sprach aus dem "Lacrimosa", wie ein Es-Dur-Chorlied klang das "Hostias". Brillanz prägte die Fugenebene ("Quam olim Abrahae promisisti", wo deutlich wird, dass Mozart Michael Haydns c-Moll-Requiem gekannt hat). Hervorragend erneut die Zusammenarbeit mit dem exzellenten, stets werkdienlich verfahrenden Kammerorchester Basel. Ein runder, zu Tolls Chorkonzept passender Klang war das Ergebnis. Apropos Konzept: Täuschte man sich, oder war es tatsächlich so, dass zumindest bei den beiden ersten Anläufen des "Agnus Dei", die Bitte um ewige Ruhe ("dona eis requiem") etwas zögerlicher kam als zuvor? Eben eine vorsichtige Bitte, für deren Erfüllung der Mensch nicht zuständig ist. Ein gut ausgesuchtes Vokalsolistenquartett war engagiert: Zur Sopranistin (siehe oben!) gesellten sich die mezzonahe Altistin Marion Eckstein, der Tenorlyriker Georg Poplutz und der Bassist Raimund Nolte, von dem man sich im Ensemble-kontext bisweilen aber ein wenig mehr Zurückhaltung gewünscht hätte.

Mit seiner Camerata hat Winfried Toll Mozarts Requiem, diesen Schatz der Musik-Weltliteratur, auf hohem Niveau stilistisch sehr kundig ohne karajaneske Usancen geboten. Eine Interpretation im Rang der Mustergültigkeit.

Autor: Johannes Adam