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23. Mai 2017

Paris im Stühlinger

Daniel Roth (Orgel) und das John-Sheppard-Ensemble.

Über den französischen Orgel-Großmeister Charles-Marie Widor erzählte Daniel Roth, seit 1985 Titularorganist an der ob ihrer Orgel berühmten Pariser Kirche St. Sulpice, diese Anekdote: Widor, zu seiner Zeit ein ausgewiesener Bach-Experte, gestand eines Tages Albert Schweitzer, dass sich ihm die Choralbearbeitungen Bachs nicht recht erschlössen. Der jüngere Theologe Schweitzer verwies ihn auf die deutschsprachigen Choraltexte, in denen alles zu finden sei, was die Musik ausdrücke. Roth nahm im Einführungsgespräch mit BZ-Kulturredakteur Johannes Adam das vorweg, was im Konzert "Musique à St. Sulpice" wesentlich sein sollte: die klingende Orientierung am Text.

Musik für Chor und Orgel von Organisten aus St. Sulpice stand jetzt in der Herz-Jesu-Kirche im Freiburger Stühlinger auf dem (Raritäten-)Programm: Werke von Widor, Georges Schmitt, Louis James Alfred Lefébure-Wély, Jean-Jacques Grunenwald, Marcel Dupré und Daniel Roth. Sie alle prägten jeweils die Orgelmusik ihrer Zeit und wurden geprägt von den reichen Möglichkeiten, die die exzellente, 1862 von Aristide Cavaillé-Coll (um-)gebaute fünfmanualige Orgel mit 100 Registern, 21 davon im Schwellwerk, ihnen bot und im Falle von Roth bietet.

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Von Roth begleitet, sang das John-Sheppard-Ensemble unter der Leitung von Bernhard Schmidt und überzeugte durchgängig mit seiner fein austarierten, jederzeit flexiblen Interpretation. Die bewegliche Dynamik und die klare Artikulation, mit der das Ensemble dabei sowohl längere Phrasen fesselnd gestaltete als auch einzelne Worte als binnendifferenzierte Kleinode herausstellte, waren bestechend. Den Sängern gelang das Kunststück, keinen Ton platt zu bügeln, sondern ihn stets bewusst plastisch zu formen, dies interpretatorisch nah am Text. Bei Roths "Dignare me, o Jesu" ließ das Morendo, der ersterbende Klang, bei "feralis mors" fast den Atem stocken – so überzeugend war da der Ausdruck in seiner zurückgenommenen Schlichtheit.

Roth, jener international renommierte Virtuose, interagierte offen und in bestem Kontakt mit den Sängern, sodass sich zwischen Empore und Altarraum ein intensives klingendes Gespräch entwickelte. Chor und Organist wirkten wach, ließen so gemeinsam einen lebendigen, von Bescheidenheit, Können und achtsamer Aufmerksamkeit bestimmten farbigen Dialog entstehen.

Autor: Sarah Nöltner