Persönliche Bekenntnisse

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Mi, 11. Oktober 2017

Klassik

Das John-Sheppard-Ensemble mit "Pacem in terris".

Was vermag Gesang angesichts von Gewalt? Wer hört eine zarte menschliche Stimme im Kriegsgeschrei? Die Worte "Pacem in terris" (Friede auf Erden) standen über dem tief berührenden A-Cappella-Konzert, mit dem das John Sheppard Ensemble nach Auftritten in Hinterzarten und Freiburg das Publikum in der Martinskirche Müllheim beschenkte und zum Nachdenken brachte.

Die 14 Kompositionen vom 16. bis zum 21. Jahrhundert, entstanden in Krisen, Kriegen und nach Terroranschlägen, erzählen von Leid und Klage, aber auch von Hoffnung und Trost. Bernhard Schmidt und sein vorzüglicher, rund dreißigköpfiger Kammerchor machen aus den anspruchsvollen Chorsätzen persönliche Bekenntnisse. Die über weite Strecken gemischte Aufstellung fördert die Homogenität. Die gelassene Tiefe der fein dosierten Bässe erzeugt wie die kristallinen Höhen der Soprane einen weit gespannten Raumklang, der ein dreidimensionales Hörerlebnis schafft – und das nicht nur bei Arvo Pärts glockenklangähnlichem "Da Pacem", wo sich die Choristen im ganzen Kirchenraum verteilen. Die hohe Qualität des Chores ist schon beim feinen Unisono-Beginn des Luther-Chorals "Verleih uns Frieden gnädiglich" zu erleben, der nahtlos in Rudolf Mauersbergers 1945 direkt nach Kriegsende komponierte Trauermotette "Wie liegt die Stadt so wüst" übergeht. Schmidt lässt den Chorklang bruchlos an- und abschwellen, setzt Klangfarbe zur Textinterpretation ein und modelliert die Schlüsse. In Ravels "Trois beaux oiseaux du paradis" zeigt Dorothee Kößlers reiner Sopran die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz.

Merlin Fischers Knabensopran verleiht Jan Sandströms "Across the bridge of hope" Intimität und Nähe. Zu einem Höhepunkt wird Samuel Barbers hochexpressives "Agnus Dei" (Bearbeitung seines "Adagio for Strings"), in dem die Sehnsucht nach Frieden einem markerschütternden Flehen gleicht. Thomas Buchholz’ "Friede und gute Zeit" (2016), harmonisch-rhythmisch vertrackt und durchaus sperrig, gelingt im zweiten Anlauf beeindruckend. Die Komposition ist Pflichtstück des Deutschen Chorwettbewerbs, der im Mai 2018 erstmals in Freiburg stattfindet. Das John Sheppard Ensemble möchte sich dafür qualifizieren. Und hat auf diesem Niveau beste Chancen!