Lasst alles beim Alten und mich in Ruhe

Heinz W. Koch

Von Heinz W. Koch

Mi, 20. Juni 2012

Klassik

Zum Schluss "Mathis der Maler": Intendant Alexander Pereira verabschiedet sich mit Hindemiths Oper aus Zürich.

Zufall? Kaum. Inszeniert? Eher. Egal. Sah man je, dass der Intendant, vom Fernsehlicht verfolgt, seine Loge betritt und von überaus herzlichem Applaus begrüßt – eigentlich: verabschiedet – wird? Alexander Pereira, 21 Jahre am Ort und seit Pfingsten bei den Salzburger Festspielen, widerfuhr (arrangierte?) das vor seiner letzten Zürcher Premiere. Der Beifall war jedenfalls echt, fast eine Demonstration. Ganz sicher aber gab’s das noch nie: dass ein Operndirektor Pfitzners "Palestrina", Wagners "Meistersinger" und nun Paul Hindemiths "Mathis der Maler" in ein und derselben Spielzeit stemmt, drei gewaltige und in mehr als einer Hinsicht inhaltlich benachbarte Künstlerdramen-Brocken des deutschen Repertoires.

Mit Daniele Gatti, von vornherein begrenzte drei Jahre am Hause, sagte auch der Chefdirigent Adieu. Sein Beitrag zum Pro und Contra der nie verstummten Hindemith-Diskussion läuft auf ein Unentschieden, ein Weder-Noch hinaus und balanciert so auf der Generallinie der, freundlich formuliert, meinungsoffenen Aufführung. Weder entspricht Gatti nämlich dem interpretatorischen Drang zur blitzblanken Auflichtung von Hindemiths brillant verschränkter Polyphonie, noch versinkt er, obwohl öfter Gefahr im Verzug ist, in seinem mächtig aufrauschenden orchestralen Dickicht. Weder arbeitet er sich an der Verdeutlichung des barocken, ja, des Renaissance-Erbguts, der blechgepanzerten Cantus-firmus-Choräle, der ins überreiche Kontrapunktwesen eingelassenen schlichten Volksmelodik ab, noch übertourt er die dramatischen Aufwallungen der Partitur.

"Geh hin

und bilde"

Dennoch nährt er den Verdacht, Hindemith packe genau dort mehr, wo er nicht vorrangig seiner formalen Kunstfertigkeit, sondern seinem direkten Ausdrucksbedürfnis, seinem dramatischen Impetus freien Lauf lässt. Und vollends heben Dirigent und Orchester hervor, dass des Komponisten Stärke in der handwerklich virtuosen Behandlung des Instrumentalen lag und dass die Stimmen sich im Netz des musikalischen Systems mitunter angestrengt, eingezwängt bewegen.

In Zürich haben sie ihre nachhaltigsten Momente, wenn sie von der in der Partitur empfohlenen Freiheit Gebrauch machen und sich in ein faszinierendes Espressivo hinein steigern. Vorneweg Thomas Hampson. Er ist der Mainzer Hofmaler Mathis, dem der Librettist Paul Hindemith Züge Matthias Grünewalds beimischte – ein Künstler, der während der Bauernkriege im 16. Jahrhundert am Sinn seines Tuns zweifelt und sich auf die Seite der Aufständischen schlägt: "Ist, dass du schaffst und bildest, genug?" Eine neue Partie, in die Hampson sich mit immer voluminöserem, immer widerstandsfähigerem Bariton stürzt – vor allem am Ende, da er sich aufs Sterben zubewegt, gleichwohl nicht ohne eindrückliche Reminiszenzen an seine lyrische (Lied-)Herkunft. Als sein kunstsinnig-toleranter Förderer Erzbischof Albrecht von Brandenburg erscheint Reinaldo Macias, dessen Tenor auf dem Weg ins Heldische ist. Ein fast schon bleckend heller Tenorheld reinsten Wassers ist Erin Caves als Bauernführer Schwalb, den das katholische Bundesheer gnadenlos niedermetzelt – einer, der nicht begreift, dass jemand malt, "wo so viele Hände gebraucht werden, die Welt zu bessern".

Hohe vokale Qualität auch weiterhin. Bei den Bässen: Andreas Hörl als fanatisch-päpstlicher Domdechant und Gregory Reinhart als reicher Lutheraner Riedinger. Und ganz gewiss bei den Damen: Emily Magee als Riedingers hochdramatisch auftrumpfende Tochter Ursula, die Mathis zugetan ist und dem Kardinal aus religionspolitischen Gründen (vergeblich) zur Heirat angedient wird, und Sandra Trattnigg mit starken Reserven als Schwalbs kindlich-lyrisches Töchterchen Regina, das Mathis mit den Engelsvisionen des seiner Malerfantasie eingegebenen Isenheimer Altars in den Schlaf singt.

"Mathis der Maler", zwischen 1932 und 1935 – zu weiten Teilen in Lenzkirch – geschrieben und erst 1938, als der "Kulturbolschewist" Hindemith hierzulande schon mundtot gemacht war, in Zürich uraufgeführt: Das Drama um die Verantwortung des Künstlers in politisch heikler Zeit – darf es so plan und vordergründig, nicht selten auch so betulich und routiniert hergezeigt werden, wie es hier geschieht? Braucht es dazu einen leibhaftigen Burgtheaterdirektor wie den Ex-Zürcher Schauspielchef Matthias Hartmann und sein offenbar knappes Zeitbudget? Einmal nur wird die von Johannes Schütz neusachlich ausstaffierte Aufführung wirklich fesselnd: beim Aufscheinen des Altars und den von Andi A. Müller per Video hinein "kopierten" singenden Widergängern aus Mathis’ Umfeld. Die Politik ist ganz weit weg, die Mainzer Bücherverbrennung lediglich ein Hintergrund-Accessoire – und das bei einem Werk aus den frühen Dreißigern des vergangenen Jahrhunderts! Die historischen Bildvorlagen stilisierend nachempfundenen Kostüme Victoria Behrs wollen mit keinerlei Vergegenwärtigung etwas zu tun haben.

Die Zürcher können sich dabei scheinbar auf Hindemith berufen, für den Kunst und Politik zwei Paar Schuhe waren ("Geh hin und bilde") und der verkannte, dass diese vermeintlich apolitische Devise nichts anderes als eminent politisch war. Der propagierte Rückzug ins Private, in die Innerlichkeit suggeriert die Losung: Lasst alles beim Alten und mich in Ruhe. Sie verbindet den Komponisten und seinen Helden mit Pfitzners Palestrina, wenngleich Hindemith nicht mit seinem politisch obskuren Kollegen zu vergleichen ist. Ein Rätsel bleibt dem heutigen Betrachter: warum die Nazis diesen "Mathis" mit seiner altmeisterlich-retrospektiven Haltung, seiner zumindest zeitweiligen "Volksnähe" nicht zu ihrer "Staats-Oper" erkoren. Für den redlichen, nach seiner anfänglichen Radikalität zum Konservativen mutierten Hindemith bedeutet das allerdings: Schwein gehabt.
– Weitere Aufführungen: 23., 26., 28. Juni, 1., 5. Juli. Tel. 0041 / 44 / 2686666.