Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

05. Januar 2013

Angerissen

"Die kleine Hexe" ohne "Neger": Sprach-Exorzismus

Als Nächstes kommt jetzt wohl Theodor W. Adorno an die Reihe. Nicht nur dass die einstige Ikone der deutschen Linksintellektuellen als Musikologe dem Jazz wenig zugetan war; in seinen Schriften findet sich wiederholt der Terminus "Neger". Ein Fall für Klaus Willberg. Der Stuttgarter Verleger hat jetzt angekündigt, alle Titel in seinem Verlag nach diskriminierenden Begriffen wie "Neger" oder "Negerlein" zu durchforsten und diese zu streichen. Da der Thienemann Verlag ausschließlich Kinder- und Jugendbücher in seinem Programm hat, dürfte Adorno erst mal verschont bleiben. Im Gegensatz zu Otfried Preußler, dessen Klassiker wie die "Die kleine Hexe" nun "dem sprachlichen und politischen Wandel" angepasst werden, wie Willberg gegenüber der Berliner taz kundtat. Nur so blieben sie zeitlos.

Willberg ist kein Pionier. Der Hamburger Friedrich Oetinger Verlag betätigte sich schon früher in Sachen Sprach-Exorzismus und hat "die deutschen Übersetzungen der Bücher und Hörbücher von Astrid Lindgren mit Blick auf den jeweils aktuellen Sprachgebrauch überprüft und Anpassungen vorgenommen". Statt als "Negerkönig" spricht Pippi Langstrumpfs Papa nun als "Südseekönig" die "Taka-Tuka-Sprache". Und der durchschnittliche deutsche Gutmensch braucht kein schlechtes Gewissen mehr zu haben beim Vorlesen seiner Kinderbuch-Klassiker.

Werbung


Es ist schon klar: Sprache ist nicht sakrosankt, sie ist selbst ein stetiger Prozess des Bedeutungswandels. Wer heute "geil", sagt, weil er eine Sache toll findet, ist sich kaum mehr dessen bewusst, dass das Adjektiv vor wenigen Jahrzehnten noch "sexuell erregt, wollüstig" bedeutete, bis zum 15. Jahrhundert aber einfach so etwas wie "fröhlich" bedeuten konnte. Mittlerweile hat sich das Wort in seiner aktuellsten Bedeutung längst über die Jugendsprache hinaus etabliert. Ist man also besonders politisch korrekt, wenn man glaubt, solche Prozesse unbedingt lenken zu müssen? Dann steht den Sprachreinigern, zumal in der Kunst, noch einiges an Arbeit bevor. Aber vielleicht geht es ja auch nur um ein bisschen Selbstbetrug. Wer auf das Wort "Neger" verzichtet, kann womöglich trotz des täglichen Leids in Afrika – "schwarzer Kontinent" darf man nicht sagen! – ein wenig beruhigter schlafen – im Taka-Tuka-Paradies der politisch Korrekten.

Autor: Alexander Dick