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06. Dezember 2008
Der Verlust ist endgültig
Jean-Marie Gustave Le Clézio besucht einen "Traumkontinent"
Ein Kontinent, eher aus Meer als aus Land, von der Tiefe emporschießende Vulkane und Korallenriffe bildeten seine Archipele, und sie waren besiedelt von Menschen, die eine der kühnsten Odysseen aller Zeiten über das Meer gemeistert hatten. Ein Kontinent, den die ersten europäischen Reisenden überquert hatten, ohne ihn zu sehen – der Traumkontinent."
Diesem "Traumkontinent" der Pazifischen Inseln, diesen Myriaden von Inseln und Inselchen, Atollen und Archipelen, den die europäischen Forschungsreisenden Melanesien, Mikronesien und Polynesien nannten, hat Jean-Marie Gustave Le Clézio, Literaturnobelpreisträger des Jahres 2008, ein hinreißendes Stück Prosa gewidmet. Im Rahmen einer unter der Schirmherrschaft der Unesco organisierten Weltumsegelung an Bord eines Dreimasters, begab sich Le Clézio in die Inselwelt der Neuen Hebriden, genauer: nach Vanuatu, ein Ländername ähnlich verheißungsvoll wie Kiribati oder Tuvalu. Der dreijährige Segeltörn galt insgesamt zwölf Expeditionen zu acht Völkern, die nur vom Wasser aus erreichbar sind. Le Clézio hat sich – bewusst und gewollt, so darf man vermuten – einer extremen Fremde ausgesetzt, in allem radikal verschieden von den Skalen und Rastern dessen, was als europäisch-westliche Erfahrung gelten darf.
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Der Reisebericht liegt jetzt unter dem Titel "Raga – Besuch auf einem unsichtbaren Kontinent" vor, allein: Was heißt bei einem Autor dieses Ranges schon Reisebericht? Seit Laurence Sternes "empfindsamen Reisen" waren womöglich alle großen literarischen Reisenden – V.S. Naipaul und Bruce Chatwin, Wolfgang Koeppen und Hubert Fichte, Joseph Conrad, Nicolas Bouvier und Cees Nooteboom – von einer fundamentalen Wahrheit inspiriert, die Le Clézio in eine bezwingend gültige Sentenz fasst: "Im Grunde sollte es für eine Reise nie eine andere Begründung geben, als an ihr das eigene Unvermögen genau zu ermessen."
Reisen als Flucht und ihr Scheitern, als Erkenntnis und ihr Dementi, als Veränderung und ihre Verfehlung. Die Geheimnisse des Fremden und der Fremden sind, zumal im Zeitalter des Massentourismus, niemals billig zu haben: Wenn der Eindruck nicht täuscht, haben sich nur wenige Klassiker des Genres dem Dilemma – "das eigene Unvermögen genau zu ermessen" – mit einer derart suggestiven Prosa gestellt, wie sie diesem Autor zu Gebote steht, eine atmende, tastende, unruhig vibrierende Sprache, kühn und treffend in ihren Bildern, zart und biegsam in ihren Phantasmagorien, von kristalliner Härte in ihrer Begrifflichkeit. Ein ganz eigener Ton, den die Freiburger Übersetzerin Beate Thill in ihrer Übertragung ins Deutsche bravourös gemeistert hat.
Doch noch einmal – was liegt hier eigentlich vor? Le Clézio, die Bibliographie im Anhang legt es nahe, hat sich tief in die Materie eingearbeitet, hat "diese Theoretiker der primitiven Gesellschaften" mehrfach mit wohlgezieltem Sarkasmus attackiert. Dennoch ist "Raga – Besuch auf einem unsichtbaren Kontinent" alles andere als eine wissenschaftliche Studie. Schon wahr, das Buch skizziert in intensiven Exkursen "die methodische Schamlosigkeit" der kolonialen Eroberer, die auf den Pazifischen Inseln das Land enteigneten, die Einwohner versklavten und Geld- und Profitwirtschaft etablierten. Der Leser wird mit dem System der kreolischen Sprachen, ihren Wortbildungen und ihrem subversivem Humor vertraut gemacht. Er wird informiert über Gartenbaukunst und die vorkoloniale Landwirtschaft, über Religion, Mythen und Märchen der Ureinwohner, über die Befreiungsbewegungen des antikolonialen Widerstandes, die Zumutungen des Tourismus, die Beständigkeit autochthoner Kulte oder die beflissene Projektion einer Ethnologie, die in der Südsee das Abbild eines verlorenen Paradieses zu erkennen glaubte.
Hinter dem Paravent einer sich wissenschaftlich gebenden Exaktheit rumort freilich die Intention, den unsichtbaren "Traumkontinent" so zu kartographieren, wie es ihm gebührt: in Traumprotokoll und Gedicht, in ungläubigem Staunen und menschlicher Anteilnahme, in Ahnung und Einfühlung. Wenn die Prosa ihre Arbeit erledigt hat und das Überprüfbare mitgeteilt ist, wird das Bemühen, ein Sensorium für die Fremde aufzubauen, an ein lyrisches Sprechen delegiert, das nicht länger Faktisches feststellt, sondern Wahrheit fixiert, Wahrheit in den Prismen eines subjektiven Ichs.
Diese Entgrenzung des literarischen Reiseberichts in ein System von "Traumpfaden" (Chatwin) liest sich bei Le Clézio so: "Doch in Vanuatu ist auch die alte Welt stets präsent. Sie ist ein Raunen, ein Gesang, der aus den Schluchten aufsteigt, die großen Bäume umgibt, sich mit dem Rieseln des Taus vermischt, der jede Nacht vor Tagesanbruch von den Rändern des Blätterdachs und der rostigen Blechplatten tropft. ... Inzwischen ist jeder Handbreit Erde bis ins Herz des Amazonasurwaldes, bis zu den Eiscanyons der Antarktis untersucht, fotografiert, vom kalten Auge des Satelliten analysiert worden. Wenn noch ein Geheimnis bleibt, dann liegt es im Innern der Seele, in der langen Folge des Begehrens, der Legenden, der Masken und Gesänge, und läuft über die Haut der Völker wie das Wogen der Felder im Sommer."
"Raga" beschwört die poetischen Restposten einer Natur, die es so schon bald nicht mehr geben wird. In einigen Partien liest sich das Buch wie ein romantisches Plädoyer für die Völker Ozeaniens im Zeitalter der Globalisierung: "Aus der Erfahrung der Gewalt haben diese Völker die Weisheit, den Zweifel und den Humor als Heilmittel gewonnen. Ihr Skeptizismus ist echt, er hat nichts zu tun mit dem Zynismus der Moderne. ... Ihre Unschuld ist nicht fehlendes Bewußtsein." Ein Nevermore, die Gewissheit des unwiederbringlich Verlorenen, grundiert dieses große kleine Buch. Dieser Verlust ist endgültig, wenn die Moderne über die Völker der Inseln verhängt, was sie den Nomaden der Wüste angetan hat – "das Gitter der Grenzen". Unsichtbar blieb dieser maritime Kontinent nur deshalb, "weil wir blind waren".
– Jean-Marie Gustave Le Clézio: Raga – Besuch auf einem unsichtbaren Kontinent. Aus dem Französischen von Beate Thill. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2008. 128 Seiten, 16,80 Euro.
Autor: Hartmut Buchholz
