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11. Juli 2015

Wert ist keine Zahl, Wert ist ein Gefühl

Aus dem Innenleben eines Immobilienmaklers: Lilian Lokes erstaunlicher Debütroman "Gold in den Straßen".

  1. - Foto: Sebastian  Arlt

Die Immobilienmakler haben in der Literatur einen denkbar schlechten Ruf; nur wenige, etwa Martin Walsers empfindsamer Verlierer Gottlieb Zürn oder Richard Fords Familienmensch Frank Bascombe sind mehr als verachtenswerte Pappkameraden. Thomas Meyer, Makler für Luxusimmobilien in Frankfurt, ist ein Kotzbrocken, arrogant und zynisch, aber nicht gefühlskalt. Meyer beherrscht die branchenüblichen Techniken und den Jargon der Exposés, mit dem man zögernde Kunden, dröhnende Bauunternehmer und misstrauische Investoren einwickelt: Slow Living, Zieloptimierung, Chancen generieren, Return on Emotion. Aber Meyer kennt auch den "vertrieblichen Schmerz", die Unsicherheit des Underdogs, die Freude an Kontrolle, Manipulation, Rache, kurz: die "Lust auf Performance, sich ganz hineinzulegen in den Verkauf". Er kommt aus dem "Dreck" und fühlt sich als Dreck, und das formt Willen und Charakter, wenn man so will: das Herz.

Seine Mutter brannte mit einem Staubsaugervertreter nach Offenbach durch. Sein Vater war ein Schustermeister alten Schlags, geizig und hart, aber vermachte seinem Sohn 400 000 Euro auf dem Sparbuch, einen Laden in bester Innenstadtlage, seine alten Leisten und die Gabe, Menschen nach ihrem Schuhwerk beurteilen zu können. Meyer ist die späte Sentimentalität des Alten "fucking" egal, wenn nicht peinlich, aber er hat seine Chance genutzt. Keiner kann so gnadenlos und blitzschnell wie er Häuser, Klienten und Situationen taxieren und die "Möglichkeit von Möglichkeiten" ausloten – weder sein Chef noch sein Rivale Gläsker, ein fantasieloser Zahlenmensch, der sich hinter Powerpoint-Präsentationen verschanzt. Meyer ist Verkäufer mit Haut und Haar, smart, attraktiv und hungrig, und so viel Street Credibility überwältigt auch die Banker, Fußballprofis und Chefärzte, vor denen er sein Portfolio ausbreitet: Charakterimmobilien, exklusive Penthouse-Apartments, Architektenvillen im Grünen mit Neobarock-Sekretär, Ethanolkamin und Zengarten für die Dame des Hauses, Anlageobjekte mit hochtrabenden Namen wie Maingold oder The Metropolitan.

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Der Tod seines Vaters bietet Meyer die Möglichkeit, Dreck in Gold zu verwandeln. Er muss nur noch den Vermieter Dr. Voss ("zu verklemmt, um zu protzen, belästigt einen stattdessen mit Understatement und privatem Glück"), einen Schrottkünstler und Vaters Gesellen von ihrer Win-Win-Situation überzeugen. Ein Kinderspiel, wenn man die Theologie des Bargelds versteht: "Bargeld ist Kraft, achtzehntausend in Giral ist wie Porno in schlechter Streamingqualität, Bargeld verursacht eine Angst, eine Ehrfurcht, die keine scheiß Zahl allein transportiert, so unvermittelt, so gewalttätig, weil man es dir so leicht wieder wegnehmen kann."

Natürlich ist Meyers Skrupellosigkeit nur "positives Wording"; hinter seiner kalten Fassade rumoren Schamgefühle und Schusterjungenängste. Nadja, seine Freundin, kann er sich eigentlich nicht leisten: Die Tochter aus altem Frankfurter Geldadel sucht "einen Gentleman plus eine Prise Gosse, was fürs Gemüt, was für den Pulsschlag", sie schenkt ihm eine Patek Philippe und richtet seine Wohnung ein, und diese romantischen Capricen machen Meyer noch hilfloser als die Verachtung ihres blasierten Bruders. Ein Top-Performer muss sich wie ein Fisch in der High Society bewegen, eine gewisse Nonchalance und ein wenigstens geheucheltes Interesse am Smalltalk der Vernissagen und Charity-Galas zeigen, aber sein Vater hat ihm nicht einmal das Schwimmen beigebracht. Meyer kann Herrenausstatter und Türsteher demütigen, aber auf dem Partyschiff tritt ihm der Angstschweiß auf die Stirn und im Nobelrestaurant bekommt er das Kotzen. Vom Tod des Vaters aus der Bahn geworfen, beginnt er Schwächen zu zeigen und Abschlüsse zu vermasseln; am Ende ist er wieder unten.

Der Schustersohn, der nicht bei seinen Leisten bleibt: Das klingt nach "Tod eines Handlungsreisenden" in Mainhattan. Aber "Gold auf den Straßen" ist kein moralisierendes Aufsteigermelodram, sondern das messerscharfe Psychogramm einer verlorenen Seele, die Geld zum Zahlungsmittel ihrer Ängste, Schmerzen und Niederlagen macht. Alles lässt sich auf Zahlen reduzieren: Gehalt, Kinder, PS, Quadratmeter, Body-Mass-Index. Aber "Wert ist keine Zahl, Wert ist ein Gefühl". Lilian Loke ist erst dreißig, aber ihr erster Roman zeugt von erstaunlicher Reife. Als PR-Beraterin in einer Münchner Agentur für Wohnen und Einrichten kennt sie sich in der Gefühlswelt der Luxusmakler und ihrer Kundschaft aus. Sie kann mit ein paar Strichen die Peek & Cloppenburg-Chefeinkäuferin ("überblond, überhungert, nicht mehr ganz taufrisch, aber scheckheftgepflegt") skizzieren und hat einen erbarmungslos genauen Blick für den sozialen "Dreck", den mythischen Vogelmann auf dem Opernplatz oder die Männer im Bahnhofsviertel, die Meyer Nadja beim "Aso Watching" vorführt. "Gold in den Straßen" ist kein behäbiger Gesellschaftsroman, sondern hochvirtuose Prosa aus dem Inneren unseres Wirtschaftssystems.
– Lilian Loke: Gold in den Straßen. Roman. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2015. 351 Seiten, 22 Euro.

– Lesung: Lilian Loke ist zu Gast beim Freiburger Festival für junge Literatur "Zwischen/Wege" am 17./18. Juli in Freiburg im Café Pausenraum, Burgdorfer Weg 19. http://www.zwischenwegefestival.wordpress.com

Autor: Martin Halter