Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

13. März 2017

Theater

Wallgraben-Theater feiert Premiere von Ayad Akhtars Stück „Geächtet“

Das waren noch Zeiten, als es an dem Couchtisch auf der Bühne des Freiburger Wallgraben-Theaters nur um das All ging. Bei Ayad Akhtars Stück „Geächtet“ geht es um alles: die Weltreligionen, Politik, Kunst sowie Männer und Frauen.

  1. Die Darsteller Florian Kleine, Sabine Flack und Natalia Herrera Foto: Hermann Posch

Und am Ende ist dann wie bei Yasmina Rezas Komödie "Drei Mal Leben" vor einigen Jahren hier auf der Bühne die Karriere leider futsch und die bürgerliche Existenz dahin. Die Welt jedoch jenseits der sehr cleanen, in Weiß gehaltenen Wohnung von Amir und Emily ist kein bisschen besser geworden.

Ayad Akhtar hat einige Brisanz in die Paarkonstellation von Amir und Emily sowie Isaac und Anna gelegt. Amir und Anna arbeiten zusammen in einer New Yorker Anwaltskanzlei, der Kurator Isaac am Whitney Museum will die Bilder von Emily ausstellen. Amir ist wie der Autor Ayad Akhtar auch pakistanischer Herkunft, Isaac Jude, Emily, die in ihren Bildern islamische Ornamente adaptiert, ist Amerikanerin und Anna Afroamerikanerin. Im Wallgraben-Theater, das mit Ralf Burons Inszenierung konsequent an der hauseigenen Tradition eines anspruchsvollen Boulevardtheaters einer Yasmina Reza anknüpft, sind alle Darsteller von weißer Hautfarbe.

Spätestens seit Theater heute Ayad Akhtars "Geächtet" zum ausländischen Stück des Jahres gekürt hat, ist es auch auf deutschsprachigen Bühnen ziemlich präsent. In "Geächtet" spricht der ungläubige Muslim Amir mit einigem Selbsthass über den Islam. Etwa, dass dieser eine "rückständige Denk- und Lebensweise" sei und dass, wer glaubt, der Koran erlaube nicht die Züchtigung der Frauen, einen Islam wolle, der irgendwie "kuschelig und warm" sei. Der Konflikt eskaliert genremäßig bei einer Essenseinladung. Als Zuschauer ist man ständig gezwungen, im Kopf Position zu beziehen. Folgt man Emily, der Sabine Flack eine ordentliche Portion Naivität verleiht, dem Neffen Abe (Matthias Happach), der sich später für die Sache der "eigenen Leute" radikalisiert, oder eben Amir, dem Florian Kleine etwas Abgeklärtes und Zweifelndes gibt? Am Ende wird dieser selbst zum Zerrbild. Alles ist miteinander verbunden, und so beginnt das Unglück mit der Bitte Emilys an Amir, sich vor Gericht für einen Iman einzusetzen.

Werbung


Ayad Akhtars Stück spielt in einem Berufsmilieu, das eigentlich für Gerechtigkeit, das Wahre und das Schöne steht, im Allgemeinen jedoch für korrupt gehalten wird: Wirtschaftsrecht und Kunst. In den Prozessen Amirs geht es um viel Geld, und wenn Emily zu Isaac über ihre Kunst spricht, schaut er ihr auf den Hintern. "Geächtet" verschränkt Persönliches, Politisches, Identität und Religion, bei Ralf Buron, der zuletzt vor allem in der freien Szene inszeniert hat, überwiegt das Private. Isaac (blasiert schmierig: Achim Barrenstein) muss sich von seiner Frau (Natalia Herrera) anblaffen lassen und rächt sich durch eine Affäre mit Emily, und die wiederum will ihre Kunst – für die sie die Herkunft ihres Mannes kannibalisiert im Whitney Museum sehen.

Man kann die Geschichte so erzählen, schließlich ist das Persönliche auch immer politisch. Doch dadurch verflacht sie auch, nicht zuletzt, da der Regisseur zu glauben scheint, man müsste Emily jede Regung vom Gesicht ablesen können. Was sagt noch mal Amir, als sein Neffe die CIA für die Gründung von Al-Quaida verantwortlich macht: "das ist ein bisschen komplizierter". Und eben das Komplizierte macht die eineinhalbstündige Inszenierung interessant und dürfte viel Diskussionsstoff liefern.

Weitere Aufführungen: bis 16. April.

Weitere Infos unter      http://www.wallgraben-theater.com

Autor: Annette Hoffmann