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09. September 2011 00:02 Uhr
Tag der deutschen Sprache
Fastfood der Sprache: Das Floskelalphabet
Sie sind das Fastfood der Sprache: Floskeln, Phrasen, Hohlformeln: Die BZ präsentiert zum Tag der deutschen Sprache ein kleines Alphabet von A wie Augenhöhe bis Z wie Zukunftsperspektive.
Keine Politikerrede ist frei davon – und leider auch keine Zeitung. Sie zu verbieten bringt nichts, manche klingen sogar ganz hübsch. Aber Achtung: So gedankenlos, wie sie dahingesagt und -geschrieben werden, so werden sie auch konsumiert. Anbei ein kleines Floskelalphabet zum Tag der deutschen Sprache am Samstag.
Wer versucht, seine Umgebung auf Augenhöhe anzuschauen, merkt, wie absurd das ist. Gemeint ist auf gleicher Augenhöhe, aber auch das sollte man streichen: Sobald sie behauptet wird, kann man sicher sein, dass sie nicht der Fall ist – die gleiche Augenhöhe zwischen Chef und Angestelltem, Lehrerin und Schülerin, großem und kleinen Koalitionspartner. Hühneraugenhöhe trifft es oft besser.
Typisches Bild, das jeder benutzt, aber keiner versteht. Oder kennt jemand noch, Hand aufs Herz, den französischen Dichter Jean de La Fontaine (1621–95), in dessen Fabel ein dummer Bär seinen schlafenden Freund, den greisen Gärtner, von einer Fliege befreien will, mit seinem Wackerstein jedoch nicht nur die Fliege erschlägt, sondern den Freund gleich mit?
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Für die alten Griechen das Gegenteil von Kosmos (Ordnung). Klingt stark, ist aber meistens – nein, immer – maßlos übertrieben. Zum Beispiel, wenn die Nachrichten eingangs ein Wetterchaos melden, welches sich am Schluss, wenn die Wetterfrau mit ihren Tief- und Hochdruckpfeilen dran ist, als meteorologisch ganz in Ordnung herausstellt (gern auch: Mehrwertsteuerchaos, Bahnchaos, Chaosministerin). Also: Canceln Sie das.
...und Studierende. Politisch korrektes Hochschuldeutsch unter dem Damoklesschwert der Gleichstellungsbeauftragten. Früher sagte man Dozenten und Studenten. Als sich Dozentinnen und Studentinnen nicht mehr mitgemeint fühlten, brauchte man neue, geschlechtsneutrale Oberbegriffe. Dabei weiß jeder, der studiert hat, dass man damals zwar immer Student war, aber zum Glück nicht immer Studierender. Dies nur als Denkzettel.
Verlegenheitsformel, verbreitet seit dem SPD-Politiker Engholm, eigentlich ein Dementi: Wenn man angesichts der eklatanten Ungerechtigkeiten dieser Welt nur ein Stück weit betroffen ist, ist man eben nicht wirklich (siehe dort) betroffen.
Politikerjargon, der sich bei der Seefahrt bedient. Der F. ist nie ein junger, sondern immer ein alter – und er ist das Resultat, wenn Journalisten bei der fieberhaften Suche nach Synonymen das Ende der Fahnenstange erreichen.
Noch ein Synonym – es folgt meist im nächsten Satz nach der Erwähnung eines Priesters, Bischofs, Missionars oder des Papstes. Da es aber so erwartbar ist, wäre man gut beraten, es geflissentlich zu vermeiden.
Häufiges Bild bei Amtsverzicht – allerdings auch ein häufiger Fehler boxsportferner Bildungsschichten: Nicht der Boxer wirft das Handtuch, wenn er nicht mehr kann, sondern das tut sein Trainer für ihn. Falls er Handlungsbedarf sieht.
Blähwort mit sieben Silben für das schöne knappe Wort Teil. Wo ein Teil dagegen derart betont wird ("Eigenverantwortung ist integraler Bestandteil des Eurorettungsschirms"), muss man sich vorsehen.
Beliebter Vorspann in Interviews mit Fußballern. Manchmal folgt dann Interessantes, manchmal aber auch nur: "Heute war hinten nichts, in der Mitte nichts und vorne nichts." (Friedel Rausch, Trainer)
Ist schon deshalb nicht schön, weil nicht jeder Richard Wagner kennt (Götterdämmerung = Untergang der Götter), sondern glauben könnte, dass seiner Kanzlerin etwas dämmert, intellektuell gesehen.
Gibt es im Hobbykeller – anders als den guten alten Fliegenfänger. Deshalb wissen viele gerade nicht, warum sie jemandem nicht auf den Leim gehen sollten.
Das kann man nicht von jeder Elefantenhochzeit behaupten. Doch auch wenn der Zusatz Mammut- (für groß) ausnahmsweise keine Mogelpackung ist, gehört er allmählich in die Mottenkiste. Journalistenlehrer Wolf Schneider wartet bis heute auf die Gelegenheit, einmal bei einem nicht so gut besuchten Paläontologentreffen titeln zu dürfen: "Kleiner Mammutkongress in Oberschleißheim".
klingt geschwollen und amerikanisch (not really), ist aber wirklich nicht sinnvoller als "nicht". Nicht?
...schallende zumal, sind unter zivilisierten Menschen nicht üblich. Man muss nicht gleich die Ordnungshüter rufen, aber Ovationen wird man damit nicht bekommen, schon gar nicht stehende.
ist wie Bärendienst oder Mottenkiste ein Paradebeispiel dafür, wie man an jungen Generationen vorbeireden kann. Wer außer den Fans von Seefahrerromanen weiß denn noch, welches Pulver im Fass ist und welches Gefährdungspotential es hat?
hat in der Quintessenz die Qualität eines Verlegenheitsfüllworts wie sozusagen. Kaum auszudenken, wie viel Zeit gewonnen, Geduldsfäden geschont und Sauerstoff gespart wären, wenn die Leute sich ein für allemal abgewöhnen könnten, quasi und sozusagen zu sagen. Um es einmal so zu sagen.
Wir wollen der Jury, die das Unwort des Jahres 2011 ermittelt, nicht vorgreifen, aber ihr dieses Wort vorschlagen. "Irland auf Ramschniveau herabgestuft." Ganz Irland? Natürlich nicht, bloß seine Staatsanleihen. Der Ire muss es unfair finden.
Möchte man, wenn 2011 herum ist, auch nicht mehr hören. Bahnhöfe, Banken, Atomkraftwerke, Bundeskanzlerinnen, alles wird heute neuerdings einem Stresstest unterzogen, bei dem selbstverständlich nicht mit Samthandschuhen getestet wird, sondern bis zur Schmerzgrenze.
Das klingt nach Kinderpopo. Aber nirgendwo steht, was es genau bedeutet und warum ein Projekt in trockene Tücher gehört – wo feuchte es doch länger frisch halten könnten, wie man in warmen südlichen Ländern weiß.
Was Unken sind, wissen nur noch freundliche Naturschützer, die sie über die Straße tragen, damit sie nicht überfahren werden. Und düster warnende Unkenrufe kennen noch weniger. Also: Auch wenn das schöne Wort fröhliche Urständ feiert, ist es überfällig, nach Ersatz zu suchen.
Folgt als Synonym so sicher auf den Hund wie der Dickhäuter auf den Elefanten. Und was folgt auf den Wal? Genau: der Meeressäuger (siehe oben Gottesmann).
Managerjargon dafür, dass die Arbeit flutscht. Flutscht sie mal nicht, werden Benchmarks und Milestones verfehlt.
Vergleich aus der Konfektionsbranche (extra extra large) für mittlerweile fast alles und jedes.
Anglizismus für jungen Mann, vor allem im Sport, doch Obacht, Verwechslungsgefahr: Nicht jeder Youngster ist ein Gangster und umgekehrt.
Behörden-, Politiker- und Managerschwulst für Zukunft. Oder Chance. Oder Hoffnung.
- Hintergrund: Konrad Duden und sein Werk
Autor: Stefan Hupka
