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01. Juli 2015

Animationsfilm

Haus Konstruktiv in Zürich: William Kentridges "Die Nase" nach Schostakowitsch

Ruckhaftes Erzählen in Steinzeittechnik

Die animationstechnische Entwicklung ist so fortgeschritten, dass uns Filme fiktive Welten öffnen, in die wir förmlich hineintauchen können. Von Künstlern geschaffene Animationsfilme sind hingegen oft bewusst inakkurat, sie offenbaren, wie sie gemacht sind, halten dazu an, das eigene Sehen zu reflektieren. Zu den wichtigsten Vertretern zählt der 1955 geborene südafrikanische Künstler William Kentridge, dessen Werk "The Nose" derzeit im Haus Konstruktiv Zürich zu sehen ist.

Kentridge stammt aus einer wohlhabenden jüdischen Familie, die Schwarze in den Apartheidsprozessen vertrat. Nach einem Bachelor in Politikwissenschaft und Afrikanistik besuchte er Kunst-, Schauspiel- und Theaterkurse und arbeitete einige Zeit beim Film. Von Anfang an reflektierte er sein künstlerisches Tun, beobachtete, wie durch zentralperspektivische Linien Raum entsteht, eine einfache Horizontlinie Figuren verortet oder Gestalten aus schwarzem Dunkel geschält werden können.

Sein Vorgehen nennt er "steinzeitliches Filmemachen", denn er fertigt auf einem großen Papierbogen mit Kohle durch Wegnahme und Ergänzung von Details nacheinander bis zu dreißig Zeichnungen an, die er schrittweise fotografiert. Dadurch entsteht ein ruckhaftes Erzählen, in dem nicht gänzlich zu entfernende Elemente stehen bleiben und Lückenhaftes im Kopf vervollständigt werden muss. Von Anfang an nahm Kentridge zu Geschichte und Zeitgeschehen Stellung. Themen wie Arbeitslager, Misshandlung, Protestmärsche und Ungleichheit durchziehen sein Schaffen. 2006 erhielt Kentridge von der Metropolitan Opera den Auftrag, Dimitri Schostakowitschs Oper "Die Nase" (1928) zu inszenieren.

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Diese beruht auf Nikolai Gogols gleichnamiger Erzählung von einem Beamten, dessen Nase eines Morgens verschwunden war und für einige Zeit als eigenständig handelnde Entität in Uniform ihr Unwesen trieb. Bis zur ersten Aufführung 2010 entstanden vielfältige Radierungen, Bronzefiguren, Zeichnungen, Collagen und Tapisserien, in denen sich Kentridge mit dem literarischen Stoff, den historischen Hintergründen, der russischen Avantgarde und zentralen Einzelmotiven auseinandersetzte. Außerdem schuf er eine äußerst spannende Acht-Kanal-Filminstallation, die den unteren Saal des Museums einnimmt. Beim Betreten kann man kaum entscheiden, wohin man zuerst blicken soll: Auf eine große schwarze Nase mit Gesicht und Beinen, die immerzu eine Leiter hinaufklettert, um stetig wieder herunterzupurzeln oder auf eine Projektion von einem mal aus Papierfetzen und mal aus zwei Menschen mit Überwurf zusammengesetzten Pferd oder auf den Schatten eines in russischer Uniform tanzenden Mannes. Es gilt zu verweilen und den nur sechs Minuten langen Film mehrmals anzusehen, um weitere Fragmente zu entdecken: einen Fahnen schwingenden Revolutionär, Wladimir Tatlins "Monument der Dritten Internationale", einen aus losen Papierausschnitten zusammengesetzten, tanzenden Uniformierten und Sätze einer Anhörung des russischen Politikers Nikolai Bucharin vor dem Zentralkomitee von 1937.

Die verschiedenen Bildeindrücke lassen sich zu einer kaleidoskopartigen Geschichte über Revolution, Utopie, Partei, Säuberungen, gegenstandslose russische Kunst und absurde selbständige Nasen à la Don Quichotte auf klapprigem Pferd zusammenspinnen. Mit der äußerst komplexen und vielschichtigen Installation aktualisiert Kentridge Schostakowitschs versteckte Systemkritik am Terror der Hierarchie und der Entzweiung der Partei sowie die in Gogols Nase angelegte Ich-Spaltung. Dies spiegelt sich auch in der als Titel gewählten russischen Bauernweisheit: "Ich bin nicht ich, das Pferd ist nicht meines". So können alte, vermeintlich abwegige Geschichten im Kern wichtige Fragen von Identität, Schuldfähigkeit, Wahrheit und Freiheit verbergen.
– Haus Konstruktiv, Zürich, Selnaustraße 25. Bis 6. September, Di/Do bis So 11 bis 17 Uhr, Mi 11 bis 20 Uhr.

Autor: Yvonne Ziegler