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08. Dezember 2009

Salome fordert den Kopf

Kunstbuch: Joachims Nagels "Femme fatale – Faszinierende Frauen"

  1. Gefährlich schön: Edward Steichens Porträt des Filmstars Gloria Swanson war 1924 Titelbild vom Magazin Vanity Fair. Foto: belser verlag

Und immer lockt das Weib: Blondes Naturwesen, üppig-laszive Verführerin, so sitzt die Loreley auf ihrem Felsen über dem Rhein, kämmt ihr goldenes Haar "und singt ein Lied dabei". Und die Schiffer, die nur hinauf in die Höh’ schauen, fahren mit Mann und Maus ins Verderben. Um 1800, in den Texten des Dichters Clemens von Brentano, war die Loreley noch ein mit schwarzem Röcklein und weißem Schleier züchtig bekleidetes Mädchen, das sich aus Liebeskummer in den Fluss stürzt. Erst Heinrich Heine platziert sie sirenengleich auf dem Gipfel des Berges im Abendsonnenschein ("Ich weiß nicht was soll es bedeuten", 1818).

Im Laufe des 19. Jahrhunderts beginnen die Frauen allmählich das festgezurrte Rollenkorsett zu lockern. Der Mann antwortet darauf mit der Fiktion der "Femme fatale", dem Frauenbild einer Lust und Leid bringenden Verführerin. Im Zentrum seiner Fantasie agieren die bösen Blumenmädchen der "Fleurs du mal" von Charles Baudelaire, 1857 die berühmteste Gedichtsammlung der Epoche. Irgendwo in den Boudoirs, auf den Boulevards von Paris war der Begriff "Femme fatale" der Feder der Poeten entsprungen.

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1875 ist auch die Loreley in der Gemäldekunst vollends zur unheilvollen Sirene mutiert, die mit ihrer Stimme und dem makellos schönen Körper ins Verderben lockt (Wilhelm Kray). In der Belle Epoque und im Fin de Siècle machen "verhängnisvolle Frauen" wie sie in Dichtung und Kunst eine beispiellose Karriere. Der Literaturwissenschaftler und Kulturhistoriker Joachim Nagel hat ihnen einen Bildband gewidmet, in dem die prächtigsten "fatalen" Frauengestalten in opulentem Bildmaterial verewigt sind.

Die Angst vor der sexuell selbstbewussten Frau


Der Großteil der Bildnisse dieses Buchs stammt aus der Zeit zwischen 1880 und 1910. Salome, Judith, Circe, Delilah oder Cleopatra, den Urbildern faszinierender Frauen, fällt eine Hauptrolle zu. In bester positivistischer Manier beschreibt Nagel die antiken Mythen, biblischen Szenarien und ihre inflationäre Rezeption im Symbolismus und Jugendstil. Wenig erfahren wir indes über die sozialpsychologischen Gründe für die Wandlung zur "Raubtiernatur des weiblichen Eros".

Warum gerät gerade das distanzierte Rätselwesen, als das die Frau dem Symbolismus galt, in der Hochzeit des Kokotten- und Kurtisanentums unter den Generalverdacht des Fatalen? Auf der Leinwand und in den Theatern, von Bizets "Carmen" bis Wedekinds "Lulu", wird ein Geschlechterkampf geführt, in dem der "nach Höherem strebende Mann der Naturgewalt" des weiblichen Eros zum Opfer fällt. Antike Zauberinnen wie Circe werden zu Dämoninnen, wenn Tilla Durieux auf der Bühne und im Porträt von Franz von Stuck mit vergiftetem Trunk zum Gastmahl lockt. Fernand Khnopffs gepardenleibige Sphinx vereint sich mit dem Mann zum androgynen Doppelwesen, während Salome, die im Markus-Evangelium lediglich im Auftrag ihrer Mutter den Kopf des Johannes fordert, bei Lovis Corinth, Aubrey Beardsley und Gustave Moreau zur Schleiertänzerin mit erotischen Obsessionen wird. Judith, im apokryphen Text noch gottesfürchtig und keusch, wird bei Franz von Stuck in blendender Nacktheit zum Inbegriff lasterhafter Verführung.

In der künstlerischen Boheme, bei dekadenten Dichtern, Denkern und Künstlern wird um 1900 die Angst vor der sexuell selbstbewussten Frau schließlich pathologisch. In abstrusen Ideen, in finster-erotischen Visionen werden "Satans Töchter" zu Vampiren und Vamps. Der Maler-Zeichner Alfred Kubin gibt 1901 das Motiv der Frau als Teufelsbrut, der Norweger Edvard Munch malt Madonnen als Vampire (1895/1902).

Leider gibt sich auch der Autor Joachim Nagel streckenweise bei der Beschreibung des "männermordenden Monstrums" Weib allzu schwülstiger Diktion hin: "Am Ende ist sie stets die Triumphierende auf dem Scherbenhaufen der Liebe und der Asche glutvoller Lust". Erst als Greta Garbo die Fledermausärmel ihres weißen Abendkleids zur halbseidenen Männerfalle entfaltet ("Dämon Weib",1926) und sich die skandalumwitterten Diven auf der Filmleinwand noch selbstbewusster als zur Zeit der Suffragetten geben, wird Nagels Kommentar sachlicher, mitunter sogar analytisch. Und wenn sich 1989 die amerikanische Künstlerin Cindy Sherman in ihren Maskeraden schließlich ganz vom männlichen Blick mit seinen Erwartungen an den perfekten weiblichen Körper abkoppelt, dann kommt auch dies dem Text nur zugute.
– Joachim Nagel: Femme fatale – Faszinierende Frauen. Belser Verlag, Stuttgart 2009. 128 Seiten, ca. 100 Abbildungen, 24,95 Euro.

Autor: Eva Schumann-Bacia