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08. Februar 2016 00:00 Uhr

Theater

Sibylle Berg: "Und jetzt: Die Welt!" im Wallgrabentheater

Zumba, Shoppen, Chatten: Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs gibt es im Freiburger Wallgrabentehater zu sehen. Dort wird ein Stück der Schriftstellerin Sibylle Berg gezeigt.

  1. Quicklebendige böse Mädchen: Camilla Kallfaß, Katharina Rauenbusch, Elisabeth Kreßler (von links) Foto: Matthias Kolodziej /duArte

Sibylle Berg ist derzeit gut im Geschäft. Ihre giftigen Kolumnen werden viel diskutiert, ihre Theaterstücke landauf, landab gespielt, obwohl es eigentlich nur ironisch verspiegelte Textflächen à la Jelinek und René Pollesch sind, ohne Figuren, Rollen und Erzählhandlung. Letzte Woche erst schrie am Freiburger Theater in "Viel gut essen" ein Häuflein überforderter Männer seine Wut auf die Ausländer, Schwulen und Quotenfrauen mit Migrationshintergrund heraus, die anständigen deutschen Loser-Normalos Arbeit, Wohnraum, Frauen und überhaupt jede Lebensfreude klauen. Jetzt zeigt das Wallgrabentheater quasi das Gegenstück: "Und jetzt die Welt! Oder: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen" ist ein Monolog über weibliche Sehnsüchte, Ängste, Rollenbilder, "Projekte", gescheiterte Lebensentwürfe, eine Hasspredigt gegen alle Männer, Mütter und Freundinnen, die schlauer, glücklicher oder vielleicht auch nur unempfindlicher sind als die verzweifelte junge Frau auf der Bühne.

Regisseurin Sahar Amini verteilt den "Text für eine Person oder mehrere" auf drei Schauspielerinnen, die mit großer Spielfreude, Energie und Bewegungsdrang weibliche Überlebens- und Selbstoptimierungstrategien repräsentieren. Die eine hält sich mit Yoga und Zumba ("unbeholfene, aber intensiv ausgeführte Bewegungen, die mich an Prominente erinnern, die in Afrika mit Kindern tanzen") fit für Männer, die so viel Selbstdisziplin gar nicht wert sind. Die andere studiert Marketing und holt sich beim Shoppen die Lusterlebnisse, die ihr das Gefummel der Männer nicht mehr gibt. Die Dritte sperrt ihren Vater im Keller ein, um die Mutter aus den Fesseln des Patriarchats zu befreien, aber Mama kann ohne Paul nicht leben. In ihren wilden Jahren verprügelten die Frauen Männer mit Baseballschlägern; jetzt verkaufen sie ihnen Potenzmittel im Internet. Aber auch solche kleinen Triumphe und abgeklärte Einsichten wie "Liebeskummer gibt mir das Gefühl, eine außerordentlich emotionale Person zu sein" retten nicht vor Langeweile, Einsamkeit und Depression.

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Modeblogger und Hipster verhöhnen, aber jedem Trend hinterher schnüffeln, "heteronormative" Frauenbilder und den Konsumterror verachten, aber Brigitte-Diäten bis zum Ritzen und Kotzen mitmachen, Sex für groteske Zeitverschwendung halten, aber sich von doofen alten Säcke ("tragen Chucks und denken, das lenkt von ihrem Gesicht ab") anmachen lassen, von echten Beziehungen schwärmen, aber nur noch skypen, twittern, streamen und chatten: Klar ist das "ganz schön widersprüchlich". Aber was soll man machen? Kinder kriegen heißt kapitulieren, politisch werden ist albern. Besserung, eine Art "gute Ruhe" kommt von alleine mit dem Älterwerden. Und dann ist dieses elende Leben zum Glück auch schon fast vorbei.

Berg salbt ihre Hass- und Verzweiflungstiraden neuerdings gern mit zärtlicher Nachsicht und einer gelassenen, melancholischen Altersweisheit. Trotzdem kann ihr ständiges Lifestyle- und Männer-Bashing ziemlich runterziehen. Nicht so im Wallgraben: Camilla Kallfass, Elisabeth Kressler und Katharina Rauenbusch sind taffe, rotzfreche Gören, die sich Bergs romantische Bosheiten genüsslich auf der Zunge zergehen lassen. Mal im Chor, mal solo, tanzen, schimpfen und singen sie Einsamkeit und Todesangst einfach weg. Sie tragen pinkfarbene Perücken und die Droogs-Kostüme aus "Clockwork Orange", aber sie sind nicht "nachhaltig perfekte Leichen", sondern immer noch quicklebendige böse Mädchen mit grimmigem Humor.

"Und jetzt: Die Welt" wurde 2014 von Theater heute zum Stück des Jahres gewählt. Gut möglich, dass "der Beat der Gosse, remixed mit theoriegesättigter Intellektualität" (so eine hingerissene Kritikerin nach der Uraufführung im Gorki-Theater) nur in Berlin-Mitte ganz verstanden und gewürdigt werden kann. In der Provinz sagt einem der dauererregte Hauptstadt-Zynismus draußen ja eher nichts. Es ist daher, zumal für ein Privattheater, mutig, diesen Amoklauf gegen Gutmenschentum, weibliche Solidarität und politische Korrektheit in der alternativen Wohlfühlstadt Freiburg auf die Bühne zu bringen. Das Risiko hat sich gelohnt: Bergs Wutfrauen sind im Wallgraben jedenfalls konzentrierter und unterhaltsamer als die verkünstelten Maskenmänner im Kleinen Haus.

Die nächsten Termine: 10., 12. – 14., 16. – 21. Februar, 20 Uhr. Tel. 0761/25656

Autor: Martin Halter