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26. Mai 2012

Die Tränen der Turandot

BZ-PORTRÄT: Die deutsch-chilenische Sopranistin Susana Schnell ist Opernstipendiatin in Freiburg.

  1. Förderin und Geförderte: Dorit Keul (links) von den Theaterfreunden und Susana Schnell Foto: Alexander Dick

Die Antwort kommt nach einem nur ganz kurzen Zögern. "Ja", sagt Susana Schnell auf die Frage, ob sie glaube dass Mozart, hätte er sie gekannt, die Partie der Papagena für sie geschrieben hätte. Und damit spielt sie den Ball mit solcher Verve an den Absender zurück, dass der nun überlegen kann: Ironie oder Überzeugung? Oder beides? Vielleicht liefert die einzig richtige Antwort Susana Schnells Bühnenpräsenz. Wer die aus Chile stammende Sängerin als Papagena im Freiburger Theater gesehen hat – in der "Zauberflöte" zum Saisonauftakt und, aktuell, in der "Kleinen Zauberflöte" –, dürfte keine Zweifel daran haben, dass die Partie wie für sie erfunden wirkt. Allerdings: Wer sie in anderen Rollen gesehen hat, könnte auf ganz ähnliche Ideen kommen...

Die Rolle, die die Sopranistin im Theater einnimmt, ist in der laufenden Spielzeit die des "Kükens" – sie ist Stipendiatin der Freiburger Theaterfreunde. Und deren Vorsitzende Dorit Keul freut sich besonders, dass die Auszeichnung gerade auf Beschluss des Vorstandes um ein weiteres Jahr verlängert wurde. Das mit 10 000 Euro dotierte Internationale Theaterstipendium entlastet den Theateretat und ermöglicht somit ein zusätzliches Engagement einer jungen Künstlerin. Susana Schnell weiß das zu schätzen. Denn natürlich sei es ungemein schwer, in Theatern ein festes Engagement zu bekommen. Wobei die Sopranistin überzeugt ist, dass Deutschland auf der Welt eine Ausnahmestellung in Sachen Theater, in Sachen Oper einnimmt. "Hier schätzt man die Kultur", sagt sie mit Optimismus und Überzeugung.

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Was keine Kritik an ihrem Heimatland Chile bedeutet – die Voraussetzungen seien eben ganz andere. Aufgewachsen in der Hauptstadt Santiago kam sie mit der Oper erst relativ spät in Verbindung, mit 19 Jahren. Nicht aber mit der Musik generell. Die spielte schon in der Schulzeit eine wichtige Rolle bei ihr. Man spürt die Begeisterung, wenn Susana Schnell davon erzählt, wie sie und ihre Mitschüler lateinamerikanische Volksmusik spielten, sie mit der Gitarre. "Für die Jugend bei uns ist es einfach cool, Musik zu machen", sagt sie. Was auch eine Konsequenz der wiedergewonnenen Freiheit nach dem Ende der Diktatur gewesen sei: Musik, auch politische, als Ausdruck der eigenen Identität. Und dann wird sie schon ein wenig melancholisch. Ja, natürlich habe sie Heimweh, auch wenn sie sich sehr, sehr wohl fühle in Deutschland.

Erst die Querflöte, dann der Gesang

Der Impuls zur Musik kam bei der Tochter eines deutschstämmigen Vaters und einer Chilenin also in erster Linie nicht aus der Familie. Auch wenn sie die Eltern, die sie früh mit dem Ballett in Berührung brachten, sofort unterstützten, als in ihr der Wunsch wuchs, Querflöte zu spielen. Mit 17 begann sie dann das Studium des Instruments in Santiago. Und dann, zwei Jahre später, kam es zu dem Erlebnis, das ihr Leben verändern sollte: ein Besuch in der Oper. Auf dem Spielplan stand Puccinis "Turandot". "Ich habe so geweint", erzählt sie. Und dass sie sich dafür ein wenig vor ihrer Nachbarin geschämt habe. Aus den Tränen wurde Gesang. Weil Susana Schnell im Vertrauen auf ihre Stimme vorsang und die Aufnahmeprüfung für ein Gesangsstudium bestand. Und dann der Wechsel nach Deutschland. Weshalb? Nun, zum einen weil sie auch die deutsche Staatsbürgerschaft hatte, und überdies ein Teil ihrer Familie – viele davon selbst Musiker – hier lebt. Zum anderen aber, weil die Qualität der Gesangsausbildung hier unbestritten ist. Und weshalb Freiburg? "Ich hatte wenig Ahnung von Deutschland", sagt sie. "Ich wollte nur unbedingt in den Süden, weil es dort doch wärmer ist..." Also machte sie die Aufnahmeprüfung in drei süddeutschen Städten – und bestand in Freiburg. Die Verbindung von Theater und Musikhochschule war es letztlich auch, die ihr zum Stipendium verhalf. Und natürlich ihre Stimme.

Diese lässt sich im Moment mit der Fachbezeichnung Soubrette charakterisieren: ein hoher, quirliger Sopran, der aber, meint Schnell mit Blick auf ihre Zukunft, eher ins lyrische Fach tendiere. Wo sie diese sieht? "Auf jeden Fall in Europa", sagt sie. Das Niveau sei sehr hoch, und es stünden so viele Türen offen. Von der alten Musik bis hinein in die Moderne. Am Freiburger Theater, das für sie ein Ort des Sammelns künstlerischer Erfahrungen ist, fühlt sie sich sehr gut aufgehoben. Auch menschlich. Dazu gehört das Engagement der Theaterfreunde für junge Künstler. Susana Schnell weiß das. Und Dorit Keul lächelt und sagt: "Wir wollen vermittelnd wirken." Was auch heißt: Helfen, dass die jungen Sänger in der Stadt bekannt werden. Und eben darüber hinaus.

Autor: Alexander Dick