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25. August 2010

Buchvorstellung

"Tiere essen" - ein sanftes vegetarisches Plädoyer

Jonathan Safran Foers Aufruf, kein Fleisch mehr auf den Tisch zu bringen, ist das meistdiskutierte Buch des Sommers. Glücklicherweise fordert er von uns nicht dieselbe Kompromisslosigkeit, die er an den Tag legt.

  1. Mit Engelszungen: Jonathan Safran Foer Foto: dpa

  2. Zum Verzehr bestimmt: Rinderhälften im Kühlhaus eines Schlachthofs Foto: dpa

Die Vegetarier lassen sich nicht länger an den Katzentisch der unangenehm selbstgerechten, genussfeindlichen Moralfundis verbannen. "Lasst das!", titelte kürzlich Die Zeit neben einem blutigen Steak. Karen Duve unterzieht sich gerade für ihr Buch "Anständig essen" einem Selbstversuch mit politisch korrekter Rohkost. Der bekennende Veganer Rolf Lappert bringt in seinem neuen Roman "Auf den Inseln des letzten Lichts" dressierte Menschenaffen und eine militante Tierschützerin zum Weinen. Lapperts Heilige Johanna der Schlachthöfe und Tierversuche erinnert allerdings daran, dass Vegetarier vielleicht die besseren Menschen, aber – trotz prominenter Gegenbeispiele wie Tolstoi, Shaw und Kafka – nicht unbedingt die besseren Schriftsteller sind.

Als Kafka einmal im Aquarium des Berliner Zoos seinen Frischbrüdern tief in die Augen schaute, sagte er: "Jetzt kann ich euch schon ruhig anschaun, ich esse euch nicht mehr". Die Scham angesichts des Leids der geschundenen Kreatur ist auch einem anderen jüdisch-vegetarischen Autor nicht fremd: Jonathan Safran Foer, seit seinen intelligent verspielten, leichthändig anrührenden Romanen über so schwierige Themen wie den Holocaust ("Alles ist erleuchtet") und den 11. September ("Extrem laut und unglaublich nah") als Wunderkind der US-Literatur gefeiert, hat jetzt ein brillantes Plädoyer gegen das "Tiere essen" geschrieben.

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Foer verzichtet auf lautes Pathos und missionarische Penetranz; nie käme ihn in den Sinn, eine Hühnerfarm mit Treblinka zu vergleichen. Er raucht und trinkt und liebt Großmutters "Hühnchen mit Möhren" oder Würste, wenn auch nicht so sehr, dass er sie noch essen könnte. Unser Essverhalten ist zutiefst irrational, ein Ragout aus Erinnerungen, Geschichten, kulturellen Traditionen und sozialen Tabus. Aber muss Thanksgiving mit einem Truthahn gefeiert werden, der wenig Grund hat, für sein kurzes Leben und seinen grausamen Tod dankbar zu sein?

Auch Puten, Schweine und Lachse haben ein Recht auf "ein gutes Leben und einen leichten Tod"; tatsächlich werden sie um flüchtiger Genüsse und schneller Profite willen genmanipuliert und industriell gefoltert, verstümmelt und kastriert, in Legebatterien eingepfercht, mit Abfällen, Antibiotika und Wachstumshormonen vollgestopft und am Ende oft bei lebendigem Leibe gehäutet. Fleisch aus Massentierhaltung zu essen – in den USA sind das fast 99 Prozent und in Deutschland kaum weniger –, ist für Foer weder vernünftig noch ethisch, weder ökologisch noch kulinarisch zu rechtfertigen: Es schadet nicht nur unserer Gesundheit, Umwelt und Klima, sondern betäubt auch die Geschmacksnerven. Dass Chicken Nuggets nicht mehr an Hühnchen, Fischstäbchen nicht mehr an Fische erinnern, erleichtert ihren Verzehr – und treibt die Entfremdung des Menschen von der Natur und sich selbst auf die Spitze.

Foer recherchierte drei Jahre lang für sein Buch. Er hat Schlachthäuser und Schweinemastbetriebe besucht, militante Tierschützer, Veterinäre und Kritiker der Fleischindustrie, aber auch Viehzüchter, Schlachthofarbeiter und Allesesser interviewt. Er zitiert Benjamin und Derrida, vor allem aber Zahlen und Fakten aus offiziellen Gutachten und Broschüren der Fleischlobby. Wenn er freundliche, nie beantwortete Briefe an Fleischkonzerne schreibt oder nachts illegal in eine Hühnerfarm einsteigt, macht er auch den vegetarischen Michael Moore, freilich ohne dessen fröhlichen Zynismus und gutmenschliche Arroganz.

"Tiere essen" ist kein Pamphlet, sondern eine Kreuzung aus Reportage, Essay und der Autobiografie eines bewussten Essers: Fakten und Fiktion, journalistische Undercover-Recherche und wissenschaftliche Dokumentation, Argumentieren und Erzählen gehen Hand in Hand. Menschen verändern ihre Essgewohnheiten nicht aufgrund abstrakter Daten und moralischer Appelle, sondern allenfalls dann, wenn sie nicht länger verdrängen und vergessen können, was sie Tieren und damit sich selber antun.

Deshalb will Foer uns das Leiden der Tiere (der Individuen, nicht der Arten oder "Mitgeschöpfe") extrem konkret und unglaublich nah vor Augen führen. Und ein paar einfache Fragen stellen: Warum etwa essen wir Schweine, aber nicht unsere Hunde? Beide unterscheiden sich kaum durch Intelligenz, Gefühle oder Schmerzempfindlichkeit, und "Hund nach Hochzeitsart" (das philippinische Rezept ist im Buch abgedruckt) schmeckt vermutlich nicht schlechter als ein Schnitzel aus der Tierfabrik.

Foer war lange Teilzeitvegetarier; erst seit er einen Sohn (und George, den zugelaufenen Hund) hat, verschmäht der Veganer strenger Observanz sogar Milch und Eier. Glücklicherweise fordert er von uns nicht dieselbe Kompromisslosigkeit. Natürlich will Foer überzeugen, aber nicht mit moralischer Erpressung oder dem Druck auf die Tränendrüse, sondern mit guten Gründen und literarisch sanften Engelszungen. Foer weiß nämlich aus seinen Interviews mit vegetarischen Rinderzüchtern und Schlachthausarchitekten, dass es auch beim "Vernichtungskrieg" gegen die Tiere unübersichtliche Fronten, Grauzonen und Gnadenhöfe gibt. Jede Revolution fängt mit kleinen Reformen an: Mit einer Fleischmahlzeit weniger pro Woche, mit "ethischem Fleisch" aus artgerechter Haltung, mit "fairen Deals" zwischen Vegetariern und Fleischessern wäre schon einiges gewonnen.

So wirbt er, unerbittlich in der Sache, aber geduldig und gelegentlich sogar selbstironisch in der Form, für sein Anliegen. Irgendwann, so Foers Hoffnung, wird ein Netzwerk von aufgeklärten Konsumenten, verantwortungsvollen Farmern und Tierschützern die Macht der Fleischkonzerne brechen und ihren Fraß so ächten wie heute schon das Rauchen. "Tiere essen" erfindet den Vegetarismus nicht neu und wird die Fleischeslust kaum aus der Welt schaffen. Aber auch wer sich seinen Appetit auf lebendig gekochten Hummer und Grillhähnchen im Güllemantel nicht von einem Loha-Ökobohemien rauben lassen will (oder die von ihm offen gelassenen Hintertürchen nur zu gern benutzt), kann Foers Horrorbilder und Argumente nicht so einfach vom Tisch wischen.
– Jonathan Safran Foer: Tiere essen. Aus dem amerikanischen Englisch von Isabel Bogdan, Ingo Herzke und Brigitte Jakobeit. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 400 Seiten, 19,95 Euro.

Autor: Martin Halter