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12. Januar 2009

Über allem: Die Gerechtigkeit

"Capitalism Now"-Vortrag des Soziologen Günter Dux

Da sieht sich ein Altmeister herausgefordert. Günter Dux, vor elf Jahren emeritierter Soziologie-Professor der Freiburger Universität, arbeitet seit Jahrzehnten seine historisch-genetische Theorie aus, mit der er begreifen will, wie die menschliche Gesellschaft sich aus der menschlichen Natur entwickelt hat. Ein weit in die Geschichte zurückgreifender Forschungsansatz. Vergangenes Jahr aber hat Dux sich ausdrücklich der Gegenwart gewidmet. In seinem Buch "Warum denn Gerechtigkeit" beschäftigt er sich mit den Verwerfungen unserer Marktgesellschaft. Das Theater Freiburg und die Mitveranstalter von "Capitalism Now" luden ihn jetzt ein, seine Thesen in der sonntäglichen Vortragsreihe zu präsentieren.

Dux beließ es nicht bei historisch unterfütterter Gegenwartsanalyse. Er erwies sich als Bündnisgenosse der Theater-Dramaturgen, die seit Wolfgang Englers "Capitalism-Now"-Vortrag im März 2007 (auszugsweise nachzulesen im aktuellen Magazin des Theaters) die Forderung nach einem Grundeinkommen für alle Bürger diskutieren. Der Unternehmer Götz Werner hat diese Forderung populär gemacht (BZ vom 7. Januar), Günter Dux leitet sie historisch-soziologisch her.

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Sein Begriff der Gerechtigkeit ist ein geschichtlich-anthropologischer. Mit der Neuzeit habe sich das Bewusstsein dafür herausgebildet, dass der Mensch sein Leben und seine Gesellschaft konstruiert, dass sie nicht natur- oder gottgegeben sind. Daher muss jedem Menschen die Möglichkeit gegeben werden, sich soweit wie möglich entwickeln zu können, er muss Zugang zu den Errungenschaften seiner Zeit bekommen. Gerechtigkeit beruht auf Möglichkeiten, auf Chancen.

Ein Grundeinkommen für fast alle Bürger
Die eben heute nicht jeder hat. Dux beruft sich auf zwei allseits diskutierte Defizite der deutschen Gesellschaft: Die Bildungsmisere, dass Kinder bildungsferner Eltern nur geringe Chancen haben, höhere Bildungsstufen zu erreichen, und die Armutsmisere, dass 26 Prozent der Haushalte mit einem Budget unter oder knapp über der Armutsgrenze auskommen müssen. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist einer breiten Schicht verwehrt.

Die Ursache: Das ökonomische Teilsystem der Gesellschaft. Ohne die Wirtschaft kann die Gesellschaft nicht existieren, auch hinter die Marktverfassung können wir nicht zurück, so Dux. Aber die Wirtschaft ist einzig auf Kapitalakkumulation angelegt. Ihr ist der Mensch nur etwas wert, wenn sie ihn zur Geldvermehrung einsetzen kann. Gerechtigkeit ist von ihr nicht zu erwarten. Von wem dann? Die Politik muss es richten, nur ihre Gestaltungshoheit kann die Bedrohung aus dem Innern der Gesellschaft bewältigen. Konkrete Forderungen leitet Dux aus seinem Befund ab. Ein Grundeinkommen müsse eingeführt werden – für alle, denen es an Arbeitseinkommen fehlt. Und ein zweiter Arbeitsmarkt müsse eingerichtet werden, im Dienstleistungsbereich, der nicht auf Gewinn ausgerichtet sein solle. Um die Menschen für diesen Markt vorzubereiten, bedürfe es entsprechender Ausbildung. Das Geld für das Grundeinkommen soll aus Umschichtungen kommen, dem Finanzsystem entnommen werden.

Damit war Dux mitten drin in der Diskussion um das Grundeinkommen, seine konkrete Gestaltung. Aber selbst in der Formulierung von Maßnahmen schwingt die anthropologische Dimension mit: Sich der Gerechtigkeit nicht verpflichtet fühlen, sei für ihn ein Sakrileg gegen die Menschlichkeit, so einer der Schlusssätze seines Vortrags.
– Vom 13. bis 15. Februar veranstaltet das Theater Thementage Capitalism Now mit Vorträgen, Aufführungen, Konzerten.





Autor: Thomas Steiner