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29. Juni 2012 00:03 Uhr

Ausstellung in Freiburg

Verborgene Schätze der Ethnologischen Sammlung

Die Ausstellung "In menschlicher Gestalt" schafft Korrespondenzen, setzt Kontraste, erzählt Geschichten – nicht zuletzt die Geschichte der Freiburger Ethnologischen Sammlung selbst.

Eine Ausstellung sollte es sein, die die Vielfalt der Freiburger Ethnologischen Sammlung abbildet. Eva Gerhards wählte ein Motiv zum Thema, das sich weltweit findet: die menschliche Gestalt. Und da tut sich nun in der Tat eine Welt auf – der Menschendeutungen, der Verknüpfungen und Identifikationen, der Darstellungsleistungen. Götter, Ahnen, Geistwesen sind zu sehen – neben porträtähnlichen Wiedergaben. Neben sakralen Figuren und rituellen Masken etwa auch Spielpuppen. Bildwerke nicht nur aus Holz und Metall. Ein gutes halbes Hundert in den Vitrinen im Naturmuseum.

Damit nimmt Eva Gerhards, die Ethnologin und langjährige Museumsdirektorin, nach 27 Jahren Abschied vom Amt. Es sei ihr "ein großes Anliegen, die Sammlung ins Licht zu holen", sagt sie. Dass sie aus dem Blick geraten ist, dass sie ihren Schauraum im Adelhauserkloster verlor und keinen neuen gewann – man darf da von einer Freiburger Museumstragödie sprechen. Die wird leicht vergessen, über den Erfolgen an andern Schauplätzen. Jetzt findet die Ethnologische Sammlung, mit ihren 17 500 Inventarnummern, einen Platz im neuen zentralen Museumsdepot. Im Naturmuseum lässt sich erahnen, was da im Dunklen schlummert. "Verborgene Schätze".

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Das ägyptische Modell der Muttergottes mit Kind

Die Schau ist alles andere als ein Allerlei. Sie schafft Korrespondenzen, setzt Kontraste, erzählt Geschichten – nicht zuletzt die Geschichte der Sammlung selbst. Dem Betrachter, der nicht nur staunen will, gibt sie zu den Exponaten erläuternde "Steckbriefe" in die Hand. Als Einstieg hat Eva Gerhards einen japanischen Fischhändler gewählt. Eine der illusionistischen, hyperrealistischen Genrefiguren, die in Japan um 1900 Massen von Schaulustigen anzogen. Das Gemälde der australischen Aborigine-Künstlerin Pansy Napangati spielt in der Inszenierung den Konterpart. Der Händler aus Japan steht als geheimnislose Tatsache vor Augen, als menschliche Einzelheit und ohne Zusammenhang. Das australische Bild, das Männer in der Chiffre eines U darstellt, betont dagegen gerade den Kontext: Es ist kein Porträt – vielmehr ein Weltbild, eine uralte Geschichte, in die die zwei Menschen-U eingewebt sind.

Pansy Napangatis Acrylbild entstand erst jetzt, das älteste Stück in der Ausstellung rund 3000 Jahre früher. Wir reden hier auch über den ägyptologischen Sammlungsbestand. Die Ägyptenvitrine fügt sich – wo sonst sollte sie auch? – in den Sektor Afrika ein. Zu finden ist da unter anderm eine kleinbronzene Isis mit dem Horusknaben auf dem Schoß: Diese Himmelskönigin, die ihr Kind stillt, stand niemand anders als der christlichen Muttergottes Modell.

Wenn wir von Höhepunkten afrikanischer Kunst sprechen, dann gewiss auch von den Bronzen – den Gelbgüssen aus Benin. Die Engländer, als sie (1897) die Königsstadt im heutigen Nigeria eroberten, brachten sie in großer Zahl als Beute nach Europa. Bei der ausgestellten Freiburger Reliefplatte, die zwei höfische Würdenträger mit Rasseln zeigt, handelt es sich um eine feine frühe Arbeit, vielleicht noch aus dem 16. Jahrhundert.

Hoch geschätzt war seinerzeit auch die Skulptur des Bodhisattva Kwannon, der wir nebenan im Asien-Amerika-Raum gegenüberstehen. Als Ernst Grosse, der Freiburger Ethnologe und Ostasienkenner, sie kaufte, tat er das im Glauben, ein japanisches Werk des 8. Jahrhunderts vor sich zu haben. Das Museumsinventar von 1925, das Eva Gerhards im "Steckbrief" zitiert, spricht von einem "der herrlichsten Werke japanischer Plastik", das sich in Europa befinde. Heute melden Japanologen Zweifel an: Es handelt sich wohl eher um eine späte Nachempfindung. Doch wie dem auch sei, ob mehr als tausend oder keine zweihundert Jahre alt: Eine exemplarische Menschenfigur ist und bleibt der Bodhisattva – ein idealer Mittler. Erleuchtet zwar, absentierte sich einer wie er doch nicht von dieser Welt – er blieb, um den noch Unerlösten zu helfen.

Und Mittler und Lebenshelfer finden sich hier in der Ausstellung noch vielfach. Und Verkörperungen dunkler Mächte, die das Leben durchwirken. Man wollte die fortdauernden Kräfte der Ahnen bannen und führte sie sich in plastischer Wirkmacht vor Augen. Man suchte sich Schutzgeister. So sollte ein Parierschild aus dem melanesischen Neubritannien, das uns jetzt buchstäblich anschaut, nicht nur im praktischen Sinn, sondern auch im geistigen Schutz bedeuten. Dass die Sulka, als Gestalter solcher Schilde, ganz besonderen Wert auf Ästhetik legten, erklärt Eva Gerhards: "Ihre Schönheit sollte den Erfolg im Kampf fördern."

Und so sehen wir solche Dinge, deren genaue Zusammenhänge wir oft nicht kennen, mit Recht auch als Schöne Kunst an. Kunst zu sein in unserm Sinn, ist eine Möglichkeit, die sie einschließen, – was sie tatsächlich waren, hatte allermeist aber einen andern, auch lebenspraktischen Zweck. Wie Aborigines zu Kunstproduzenten wurden, ist eine Geschichte vom Wandel und doch nicht weniger von Kontinuität. Oder die der Garnbilder der mexikanischen Huichol. Mit einem solchen grellfarbenen Tableau erinnert Eva Gerhards an die erste größere Ausstellung in ihrer Freiburger Zeit.

Nadschibullah in der Zange der Sowjets

Phänomene des kulturellen Wandels haben sie immer interessiert. Etliche der ausgestellten Sammlungsstücke dokumentieren Begegnungsgeschichte. Sie entstanden im Hinblick auf ein von außen heran getragenes Kunstinteresse, schon bei der großartigen, um 1830 geschnitzten Maske der nordwestamerikanischen Tlingit war das so. Sie wurde für den Verkauf gefertigt, nicht für den Tanz. Und das Figurenpaar aus dem Grenzland von Kamerun und Kongo mit den gefräßig aufgerissenen Mündern: Es lässt sich schlechterdings keine rituelle Begründung finden. Womöglich ist es nichts anderes als die Rückspiegelung jenes Bildes des Wilden, das die Europäer mitbrachten und auf die Afrikaner projizierten. Groteske Bestätigung eines verbreiteten Vorurteils. Ein afrikanischer Scherz?

Und dann auch dies noch. Das denkbar drastischste Bild eines kulturellen Wandels. Ein afghanischer Kriegsteppich, mit umlaufendem Patronenfries – einem ganzen, bildlich ausgebreiteten Arsenal von Tötungswerkzeugen und einem Präsidenten Nadschibullah in der "Zange der Sowjets". Ein Zeugnis aus dem afghanisch-sowjetischen Krieg aus den 1980er Jahren. Eigentlich ein schön gearbeitetes Stück traditioneller Teppichknüpfkunst. Aber auch Abbild einer heillosen Welt.

Ethnologie, die solches als ihren Gegenstand ansieht, ist alles andere als eine wissenschaftliche Randdisziplin. Und eine solche ethnologische Sammlung kein exotistisches Refugium. Das sollte klar sein. Das hat Eva Gerhards immer klarmachen wollen.
– Naturmuseum, Gerberau 32, Freiburg. Bis 24. Febr. 2013, Di bis So 10–17 Uhr.

Autor: Volker Bauermeister