Vom Wert der Tischwäsche mit Monogramm

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Sa, 01. September 2018

Kultur

BZ-SERIE: "ANTIQUIERTE RITUALE": Bis ins 20. Jahrhundert sammelten junge Frauen vor ihrer Heirat die Aussteuer zusammen / Heute gibt es Listen im Internet.

Ob man es gut oder schlecht finden mag – menschliche Interaktion und Kommunikation waren immer von Ritualen bestimmt. Dass diese sich im Lauf der Zeit immer wieder verändern, ist ebenfalls Grundbedingung eines sich verändernden Miteinanders. In einer kleinen Serie spüren wir in loser Folge jenen "antiquierten Ritualen" nach, die noch vor wenigen Generationen en vogue waren, aber mehr und mehr aus der Mode kommen. Oder gekommen sind.

Blütenweiße Bettlaken oder feine Tischwäsche mit Monogramm, Handtücher aus Leinen, Geschirr mit Goldrand, Besteck und Töpfe: Wenn früher geheiratet wurde, dann brachte die Braut die Grundausstattung des Haushalts mit in die Ehe. Je mehr Geld da war, umso feiner waren die Waren. Die Aussteuer mitzubringen galt noch bis ins 20. Jahrhundert als üblich. Weil der Haushalt ja die Domäne der Frau war, sorgte sie, beziehungsweise ihre Eltern, dafür, dass alles da war, was gebraucht wurde – wichtig war auch die Qualität; die Dinge sollen schließlich, ebenso wie die Ehe, ein Leben lang halten. Und: Die Aussteuer sicherte die junge Frau ab, falls der Ehemann früh sterben sollte. In aller Regel bestand ja eine wirtschaftliche Abhängigkeit der Frau von ihrem Gatten.

Die Aussteuer wurde über Jahre hinweg angesammelt, zusammengestellt – und zum Teil auch selber von den jungen Frauen hergestellt. Aufbewahrt wurde sie oft in Schränken oder Truhen – im 19. Jahrhundert waren diese häufig prächtig bemalt oder auch mit Sinnsprüchen versehen. In bayerischen Dörfern wurde in der Woche vor der Hochzeit der sogenannte Kammerwagen mit der Aussteuer beladen, die Braut setze sich darauf und die Familie fuhr sie zum Hof des Bräutigams...

Heute klingt das sehr antiquiert. Junge Frauen wie junge Männer ziehen von zu Hause aus und zusammen – unabhängig, ob sie heiraten wollen oder nicht. Sie bekommen Dinge für den Haushalt geschenkt oder vererbt, kaufen sie neu oder auf dem Flohmarkt. Sollte noch etwas fehlen, wenn man doch heiratet – der neueste Thermomix oder ein Smoothiemixer vielleicht –, so gibt es Hochzeitstische in einschlägigen Läden – oder Listen im Netz. Die Eltern der Braut sind heute nicht mehr moralisch verpflichtet, die Tochter mit einer Aussteuer oder Mitgift zu versehen, obschon bestimmt viele Eltern ihren Kindern finanziell bei einer großen Hochzeit unter die Arme greifen. Sicher gilt, dass Gegenstände des täglichen Bedarfs heute nicht mehr ein Leben lang halten (müssen: wie auch die Beziehung) und auch die handbestickte Tischdecke längst nicht mehr so wertgeschätzt wird wie ehedem.