Von der Kunst, nicht zu verbittern

Antje Hildebrandt

Von Antje Hildebrandt

Di, 05. September 2017

Kultur

Seit seinem Rauswurf als Kommissar in der ZDF-Serie "Der Alte" hat Pierre Sanoussi-Bliss nie wieder eine TV-Rolle gespielt – Begegnung mit einem, der nicht aufgibt .

Es muss an seiner Stimme liegen. Sie ist noch ein bisschen tiefer geworden, aber immer noch genauso angenehm rau wie früher. Wie oft hat man diese Stimme im Fernsehen Sätze sagen hören wie: "Wo waren Sie am vergangenen Freitag zwischen 20 und 22 Uhr?" Oder: "Ich hab’ schon mal den Tathergang rekonstruiert." 18 Jahre lang war Pierre Sanoussi-Bliss, 55, Axel Richter, der Assistent des Kommissars aus der ZDF-Krimiserie "Der Alte". Eine halbe Ewigkeit. Jetzt steht Sanoussi-Bliss in der Küche seiner Dachgeschosswohnung in Berlin-Mitte. Immer noch genauso schlaksig wie früher, aber mit einer mächtigen Hornbrille im Gesicht und einem Kinnbart, der an der Spitze schon etwas grau geworden ist. Er drückt den Knopf seiner Espressomaschine. "Trinken Sie Ihren Kaffee mit Milch?"

Axel Richter war gestern. Aus, Schluss, vorbei. Das hat er jetzt schwarz auf weiß. Das Bundesarbeitsgericht in Erfurt hat es so entschieden. 2014 hatte die Produktionsfirma des ZDF ihn und seinen Kollegen Markus Böttcher vor die Tür gesetzt. Ohne Vorwarnung. Dagegen hatten sie geklagt. Vor dem Landgericht München erlitten sie eine Schlappe. Beide gingen in Revision und zogen vor das Bundesarbeitsgericht in Erfurt.

Wieder verließen sie den Saal als Verlierer. Die Produktionsfirma habe nicht gegen das Gesetz verstoßen, als sie ihre schon seit Jahren immer wieder neu ausgestellten Kettenverträge auslaufen ließ, urteilten die Richter. Auch wenn beide seit Jahren in einer Serie mitspielten, sei das bloß ein Engagement wie jedes andere, kein fester Job.

Dass ein Rahmenvertrag mit dem ZDF Sanoussi-Bliss verpflichtete, sich an 365 Tagen im Jahr "stand by" zu halten für Dreharbeiten, dass die Rolle als Axel Richter demzufolge "zur Grundlage seiner wirtschaftlichen Lebensführung" geworden war, garantiere ihm nicht dieselben Rechte wie einem festangestellten Arbeitnehmer, entschieden die Richter. Sie beriefen sich dabei auf die Kunstfreiheit. Die müsse Filmproduzenten freie Hand lassen, ein Format fortzuentwickeln – und sei es, indem sie eine prägende Rolle wie die von Axel Richter streichen.

Sanoussi-Bliss bugsiert einen Teller mit Gebäck und Kaffeebecher auf die Dachterrasse. Enttäuscht, ja, natürlich sei er enttäuscht gewesen, sagt er. "In 18 Jahren gab es nicht einmal Zoff am Set." Er habe auch keinen einzigen Tag gefehlt. Es sei dem ZDF nur darum gegangen, sein Team zu verjüngen. Seine Nachfolgerin ist eine Frau. Stephanie Stumph. 33 Jahre alt. Ein Quotenbringer. Er lächelt gequält.

Überrascht habe ihn das Urteil aber nicht. Sanoussi-Bliss sagt, was auch seine Kollegen vom Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS) sagen: "Diese Sache ist so groß, da traut sich keiner ran." Hätten sie gewonnen, hätte ihr Sieg eine beispiellose Klagewelle ausgelöst. Schließlich betrifft das Urteil nicht nur sie, sondern auch die meisten ihrer Kollegen.

Die meisten kellnern
nebenher oder fahren Taxi

In Deutschland gibt es 5000 Schauspieler. Und sie alle fallen durch die Maschen des Arbeits- und Sozialrechts. Eigentlich sind sie Freiberufler, der Gesetzgeber behandelt sie aber wie abhängig Beschäftigte. Wer eine Filmrolle bekommt, schließt einen Vertrag mit der Produktionsfirma ab. Der ist in der Regel befristet. Zehn bis 20 Drehtage im Jahr, mehr springt für die meisten Schauspieler nicht mehr heraus. Sogar der "Tatort", das Flaggschiff der Fernsehunterhaltung, musste in den vergangenen Jahren 25 Prozent seiner Kosten einsparen. Ein Leben auf dem Roten Teppich genießen nur noch jene wenigen Glücklichen, die in der Liga der Topverdiener spielen. Darsteller wie Jan-Josef Liefers oder Maria Furtwängler. Das Leben der anderen ist ernüchternder. 55 Prozent der deutschen Darsteller verdienen weniger als 20 000 Euro im Jahr. Zu wenig, um davon zu leben.

Die meisten kellnern, putzen oder fahren Taxi. Daran muss man denken, wenn Sanoussi-Bliss jetzt auf seiner Dachterrasse sitzt, den Fernsehturm im Blick. Wenn er in eine Nussecke beißt und erzählt, warum er diesen Prozess bis zum Ende durchgefochten hat. Sein Handy piept. Eine Interviewanfrage. Sanoussi-Bliss sagt, so gehe das schon seit Tagen.

Er klingt nicht, als würde ihn das stören. Der Rauswurf war das Aus für seine Karriere als Fernsehstar – und ein Neuanfang. Er hat sein Kinderbuch über eine männliche Nixe als Hörbuch herausgegeben: "Der Nix". Er hat seinen zweiten Spielfilm gedreht: "Weiber!", finanziert mit Crowdfunding, ein paar tausend Euro aus eigener Tasche hat er auch reingesteckt. Er sagt, er zehre von seinen Ersparnissen. Theater spiele er jetzt auch wieder. Im Fernsehen aber hat man ihn nie wieder gesehen. Sanoussi-Bliss sagt es ohne Bitterkeit. "Ich habe seither keine einzige Rolle mehr angeboten bekommen."

Arbeitslosengeld könnte er nicht beantragen. Das steht Schauspielern nur zu, wenn sie in den vorangegangenen zwei Jahren mindestens 180 Tagen gearbeitet haben – allerdings unter bestimmten Bedingungen. Heinrich Schafmeister vom BFFS seufzt, wenn er die alle auflistet. Es klingt ja auch ein bisschen kafkaesk: Die Arbeitstage müssen aus verschiedenen Engagements stammen, die nicht länger als zehn Wochen gedauert haben. Und das Einkommen des letzten Jahres durfte nicht höher sein als 35 700 Euro brutto. Das erfüllt kaum einer. "Höchstens hundert Kollegen", sagt Schafmeister.

Und deshalb ist Sanoussi-Bliss vor Gericht gezogen. Er sagt, es sei ihm nicht um seinen Rausschmiss gegangen. Das Problem mit den Lücken in der Renten- und Sozialversicherung sei ja nicht neu. Er habe ein Signal setzen wollen für die anderen Schauspieler. "Irgendeiner musste es mal durchziehen."

Er kann sich das leisten. Die Rolle als ZDF-Kommissar war für ihn ein Sechser im Lotto. Er hat eine Gage bekommen, von der Schauspieler heute nur noch träumen können, am Ende 20 000 Euro pro Folge, als Pauschale. So hat es das Online-Portal eines Nachrichtenmagazins nach der Urteilsverkündigung berichtet. Seine Stimme wird lauter, als er das erzählt. Er sagt, auch nach seinem Rauswurf hätten ihm das viele vorgerechnet. Das Geld. Er verstehe nicht, was das eine mit dem anderen zu tun habe. "Darum geht es doch überhaupt nicht."

Er klingt jetzt wie ein Junge, der gerade mit ansehen musste, wie man ihm die Kerzen auf der Geburtstagstorte ausgepustet hat. Und ein bisschen so geht es ihm ja auch. Er sagt, vielleicht hätte er die Produktionsfirma nicht verklagt, wenn sie offen kommuniziert hätte, dass sie das Format verjüngen wollte. Aber man habe ihn abserviert. Eiskalt. Heute vermisse er den Axel Richter manchmal. Sein Alter Ego. Es gebe ihm einen Stich, wenn er im Fernsehen zufällig alte Folgen mit sich als Assistenten sehe. Ein Schwarzer, aber seine Hautfarbe sei nie ein Thema gewesen. Das sei das Schöne gewesen. "Ich hab den wirklich gern gespielt."

Dabei ist es eigentlich keine Rolle, von der Schauspieler träumen. Immer dieselben Sätze. Keine Abgründe. Sanoussi-Bliss, 1962 in der DDR als Sohn einer deutschen Lehrerin und eines Ökonomiestudenten aus Guinea geboren, heute mit einem Verleger verpartnert, hat sein Handwerk an der renommierten Ernst-Busch-Schule gelernt. Er kann viel mehr. Singen. Tanzen. Sprechen. Das volle Programm. Regisseurin Doris Dörrie sagt das.

Vielleicht traut ihm nach 169 Folgen als Kommissar keiner mehr den großen Wurf zu. Sanoussi-Bliss sagt, was er schon 2006 in einer Rede auf dem Integrationsgipfel der Bundeskanzlerin gesagt hat. Dass es Produzenten und Fernsehredakteuren an Mut mangele, Rollen mit schwarzen Schauspielern zu besetzen.

Er wartet nicht mehr auf Angebote. Er sagt, kreativ könne er doch auch so sein. Doris Dörrie sagt, dafür bewundere sie ihn. "Dass er nicht verbittert ist."