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02. Dezember 2013

Wenn dem Publikum der Atem stockt

Der Sopranistin Edita Gruberova wurde im Festspielhaus Baden-Baden der Herbert-von-Karajan-Preis verliehen.

  1. Edita Gruberova mit der Baden-Badener Trophäe. Foto: Andrea Kremper

"Mezza voce", mit halber Stimme, steht als Vortragsbezeichnung über Antonín Dvoráks Liebeslied "Du einzig Treue". Pianist Alexander Schmalcz zaubert weiche Arpeggien. Dann setzt Edita Gruberova kaum hörbar mit der ruhigen, in der eingestrichenen Oktave beginnenden Melodie ein, die sie mit gedeckten Farben veredelt. Das ist einer der von Gruberova-Biograph Markus Thiel in seiner lebendigen Laudatio beschriebenen Konzertmomente, wenn dem Publikum der Atem stockt, weil es jede Nuance dieses Gesangs erleben möchte. Aber auch wenn die inzwischen 66-jährige Sopranistin mit voller Stimme singt und die Aufschwünge in Rachmaninows Lied "Vesenniye vody" (Frühlingsfluten) op. 14 Nr. 11 zu Energiespendern macht, hängt man gebannt an ihren Lippen.

45 Jahre sind vergangen, seit die Opernsängerin am 18. Februar 1968 am Nationaltheater Bratislava als Rosina in Rossinis "Barbier von Sevilla" debütierte. Es ist ein kleines Wunder, wie diese bescheidene, aber durchaus selbstbewusste Frau bis heute ihre stimmliche Qualität behalten hat. Und im Belcanto-Repertoire nach wie vor als das Nonplusultra gilt. Bellinis "Norma" und "La Straniera" (in der Rolle der Alaide) im Festspielhaus Baden-Baden in den Jahren 2004 und 2012 zeigten, dass sie auch im Spätsommer ihrer Karriere mit phänomenalen Rollendebüts aufwarten kann. Es ist neben Gruberovas künstlerischem Lebenswerk auch ihre enge Bindung an das Festspielhaus, die das Kuratorium veranlasste, den mit 50 000 Euro dotierten Herbert-von-Karajan-Preis in diesem Jahr an die Sängerin zu verleihen (das zur Nachwuchsförderung bestimmte Preisgeld erhalten zwei slowakische Musiker), bemerkte der Kulturstiftungsvorsitzende Horst Weitzmann im Festspielhaus. Aber auch zu Herbert von Karajan selbst hatte Edita Gruberova eine enge Verbindung. "Von Karajan dirigierte Opernproduktionen der Salzburger Festspiele, die im Radio übertragen wurden, waren die einzige Musik, die wir in den 60er-Jahren hinter dem Eisernen Vorhang vom Westen mitbekamen. Er war unser Gott", erzählt Gruberova am Rednerpult. 1974 durfte sie ihm dann vorsingen ("Ich fühlte mich im siebten Himmel, aber hatte zitternde Knie") – und überzeugte ihn in der Rolle der Königin der Nacht, die sie dann gleich in der Premiere seiner Salzburger "Zauberflöte" übernehmen durfte, obwohl sie eigentlich nur als Ersatz vorgesehen war.

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Mit den Liedern von Mozart im ersten Teil tat sich die Sängerin an diesem Abend im Festspielhaus noch etwas schwerer. "Abendempfindung an Laura" KV 523 fehlte ein wenig die Geschmeidigkeit. "Als Luise die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte" KV 520 war intonatorisch etwas eingetrübt. Aber das Miniaturdrama von "Das Veilchen" gestaltet Gruberova mit viel Liebe zum Detail. Konstanzes Arie "Traurigkeit ward mir zum Lose" aus der "Entführung aus dem Serail" nach der Pause berührt durch die ganz nach innen gerichtete Interpretation. Ihre "Martern aller Arten" werden von Gruberova mit blitzsauberen Koloraturen und gleißenden, scharfen Spitzentönen modelliert, ehe sie in der Arie der Elettra "D’Oreste, d’Aiace" aus "Idomeneo" mit rasenden Gefühlsausbrüchen und höhnischem Lachen musikalisch zur angsteinflößenden Furie wird.

Autor: Georg Rudiger