Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

11. Oktober 2012

"Wir wollen nicht heucheln"

BZ-INTERVIEW: Farin Urlaub von den Ärzten über Spaß-Punk, alte Lieder und die Archäologie.

  1. Bela B., Rodrigo González und Farin Urlaub: Die Ärzte (von links) Foto: pro

Vor dreißig Jahren taten sich Die Ärzte zusammen: Farin Urlaub und Bela B. hatten zuvor bei einer Punk-Band namens Soilent Grün gespielt. Unter dem neuen Namen begaben sie sich auf den Weg zu einem Spaß-Rock, der sie zu einer der beliebtesten deutschen Bands machen sollte. Am kommenden Sonntag treten Die Ärzte in Freiburg auf. Zuvor sprach Stefan Rother mit Sänger Urlaub (47), der eigentlich Jan Vetter heißt.

BZ: "Ist das noch Punkrock?" heißt die Ende Oktober erscheinende nächste Die-Ärzte-Single. Da stellt sich natürlich die Frage: Sind Die Ärzte noch Punkrock, oder haben sie die kritische Bewegung von damals verraten?
Farin Urlaub: Für diesen Songtitel verfluchen wir uns schon manchmal, weil sich jetzt natürlich so ziemlich jedes Interview daran aufhängt... Aber tatsächlich haben wir uns ja als Gegenentwurf zum Punkrock gegründet. Daher ist das eine Die-Ärzte-typische Selbstironie, wenn wir die Frage jetzt aufgreifen, weil: Es sollte ja von Anfang an kein Punkrock sein, davon gab es schon genug.
BZ: Am Anfang hat man Ihnen das nicht unbedingt positiv gemeinte Etikett "Fun-Punk" umgehängt.

Werbung

Urlaub: Dabei haben wir zu dieser Szene nie dazugehört. Es gab einen Fun-Punk-Sampler, auf dem wir zu hören waren; da waren lauter tolle Suff-Songs drauf, und unsere Beiträge waren die Titel "Vollmilch", "Zitroneneis" und "Zum Bäcker". Wir haben uns also auch von dieser Strömung schon früh distanziert – wir wollten halt nie Teil einer Strömung sein, sondern so viele Alleinstellungsmerkmale wie möglich aufweisen.
BZ: Von der Bierdosen-Fraktion unterscheiden Sie sich ja schon dadurch, dass Sie auf Alkohol verzichten...
Urlaub: Moment, das ist ein ganz großer Trugschluss, ich verzichte nicht auf Alkohol. Das würde ja heißen, dass ich das eigentlich gerne zu mir nehmen würde, aber aus irgendwelchen bescheuerten Gründen nicht mache. Mich interessiert das einfach nicht. Mit Verzicht hat das nichts zu tun – man "verzichtet" ja auch nicht darauf, aus dem fünften Stock zu springen.
BZ: Die Toten Hosen spielen auf ihrem aktuellen Album und in Konzerten seit dem Frühjahr "Schrei nach Liebe", den Ärzte-Song gegen Rechts. Was halten Sie davon?
Urlaub: Das hat uns gefreut, denn dieses Lied kann aufgrund seines Inhalts gar nicht oft genug gecovert werden. Und wenn eine so berühmte und so sympathische Band wie die Hosen das macht, ist es natürlich toll. Das haben wir als das Kompliment empfunden, als das es auch gemeint war.
BZ: Im Gegensatz dazu gibt es aber sicher auch Lieder, die Die Ärzte selber nicht mehr hören können oder spielen wollen.
Urlaub: Davon gibt es mittlerweile eine Handvoll. Es gibt Stücke, die die Leute immer gerne hören, aber sie hängen uns nach – keine Ahnung – gefühlten 2000 Konzerten zu den Ohren heraus. Und dann gibt es halt diese Gewissensfrage: Spielst du es, weil die Leute es wollen, oder verzichtest du? Wir entscheiden uns immer für das Letztere, weil wir auf der Bühne nicht heucheln wollen. Bei knapp 400 Stücken kannst du es nicht allen recht machen.
BZ: Welche Stücke wird es in Freiburg also nicht zu hören geben?
Urlaub: Das letzte Stück, was über den Jordan gegangen ist, ist "Elke". Da haben wir einfach keine Lust mehr drauf, schockt nicht mehr. Und als wir das letzte Mal "Teenagerliebe" gespielt haben, war das auch schon etwas komisch: Ich kann mich gerade so noch erinnern, wie das war, als ich mich noch nicht täglich rasieren musste – und jetzt noch so ein Lied aus dieser Zeit über diese Zeit spielen... Das kann man vielleicht noch ironisch vortragen, weil: Wir sind Die Ärzte, Ironie ist unser zweiter Vorname. Aber so richtig Spaß macht das nicht mehr. Über "Helmut K. schlägt seine Frau" haben wir gerade erst gestern gesprochen, aber beschlossen, das auch erstmal nicht wieder zu spielen.
BZ: Ihr Pseudonym "Farin Urlaub" gibt es jetzt seit 30 Jahren – kann man das von seiner eigentlichen Identität dann noch trennen?
Urlaub: Ich habe ja meine Freunde, und die habe ich länger als den Namen Farin Urlaub – die haben mit der Kunstfigur nichts am Hut. Ich würde mir wahrscheinlich, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, einen etwas eleganteren Künstlernamen verpassen. Aber mit 19 Jahren denkt man halt nicht, dass man dann mit knapp 50 Jahren immer noch diesen Namen hat. Die Ärzte waren ja nicht als Langzeitmusikprojekt geplant, wir träumten damals von ein, zwei Jahren – aber dann kam alles ganz anders...
BZ: Der Name spielt ja auf eine Lust am Reisen an. Haben Sie deshalb vor der Band-Karriere begonnen, Archäologie zu studieren?
Urlaub: Das Studium dauerte nur einen Tag, zählt also nicht. Aber das Fach war schon sehr bewusst gewählt, das treibt mich bis heute um. Wenn ich Zeit habe und eingeladen werde, fahre ich gerne auf Ausgrabungen.

– Freiburg, Rothaus-Arena, Sonntag, 14. Oktober, 20 Uhr. Info: BZ-Kartenservice 0761/4968888.

Autor: rot