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15. Juni 2009

Billiger schlafen mit Tattoo

Wie ein italienisches Hotel in Krisenzeiten Gäste anlockt

ROM. Um in der Wirtschaftskrise Kunden zu gewinnen, wirbt ein Vier-Sterne-Hotel im italienischen Perugia mit Übernachtungen für 99 Cent – unter bestimmten, sonderbaren Bedingungen.

Der durchschnittliche Cappuccino-Tarif in Mittel- und Norditalien liegt derzeit bei 90 Cent. Wer noch neun Cent drauflegt, kann zu diesem Preis derzeit in einigen Hotels in Perugia übernachten. Um in der Wirtschaftskrise Hotelgäste anzulocken, wirbt man hier mit solchen Billigpreisen – man bekommt sie jedoch nur, wenn man bestimmte Bedingungen erfüllt.

Elisa Corona zum Beispiel ist an diesem Tag die Glückliche, die für eine Übernachtung nur 99 Cent bezahlt. Sie wohnt in Sardinien, wollte jetzt alte Freunde in Perugia besuchen und hatte sich schon auf mehrere Nächte auf einer Luftmatratze eingerichtet. "Dann habe ich ein bisschen im Internet nach Hotels geschaut und fand das 99-Cent-Angebot", erzählt sie. "Da stand: Wer im Juni in unser Hotel kommt und ein Tattoo hat, kann eine Nacht für 99 Cent übernachten." Elisa Corona rief sofort an, denn Tattoos hat sie genug: Eines am Hals, eine Elfe an der Hüfte, eine Schlange am Unterschenkel. "An der Rezeption habe ich die Tattoos zeigen müssen, dann bekam ich die Zimmerschlüssel."

Werbung


Die Idee für die Billigübernachtungen hatte Irene Fallucchi, eine umtriebige Marketingfrau. Sie hat sich die Werbung für das Etruscan Chocohotel ausgedacht, in dem die Stockwerke Vollmilch und Zartbitter heißen, ebenso die Reklame für das Wein- und Jazz-Hotel, in dem unter der Glasfläche des Zimmerschreibtischs Weinflaschen liegen. "Erst haben wir nur überlegt, wie wir auf uns aufmerksam machen können", meint sie. Doch dann sei die Wirtschaftskrise gekommen. "Bei uns ist der Einbruch nicht so stark", sagt sie, "aber wir merken auch: Die Leute sparen lieber, anstatt zu reisen."

Das kann Emilio La Serra vom Hotelierverband Federalberghi bestätigen. "Zum einen kommen weniger Touristen", sagt er, "zum anderen versuchen auch Geschäftsleute, nur jene Reisen zu machen, die unbedingt nötig sind." Seiner Beobachtung nach machten zum Beispiel viele Unternehmen derzeit lieber Online-Konferenzen als zu den Kollegen zu reisen und dort im Hotel zu übernachten. Die 99-Cent-Idee findet er ganz nett, aber allen italienischen Hotels will er sie nicht empfehlen: "Jedes Hotel muss sehen, wie es Gäste anspricht."

Doch Irene Fallucchi will ihrer Idee ein bisschen nachhelfen und hat einen Brief an die italienische Tourismusministerin Michela Brambilla geschrieben. "Hotels wie Flugzeuge", heißt die Überschrift, und darunter steht: "Jede Nacht bleiben Tausende Hotelzimmer in ganz Italien leer – wäre es da nicht eine gute Idee, die Zimmer für 99 Cent zu vergeben, wie es die Billigflieger machen?" Von so einer Initiative ginge bestimmt eine "Botschaft des Optimismus und der Ermunterung für alle Italiener" aus. Geantwortet hat die Ministerin bisher nicht – vielleicht hofft sie, der Tourismus im Sommer würde die Hoteliers schon über die Wirtschaftskrise retten.

In den Schokoladenjazzwein-Hotels will Marketingfrau Irene Fallucchi aber weiterhin Zimmer für Billigschläfer anbieten. Im Juli bekommen Leute mit Piercing das Zimmer für 99 Cent, im August Rothaarige. Weil aber jede Nacht nur einer aus der gepiercten oder rothaarigen Gruppe den Spezialtarif bekommt, hat sich Irene Fallucchi auch einen Trosttarif überlegt: Die anderen, die kommen, zahlen nur ihre Schuhgröße in Euro, was für die meisten deutlich weniger sein dürfte als die 90 bis 120 Euro, welche die Zimmer sonst kosten.

Autor: Martin Zöller