Die Pollen-Profiler

Frank Christiansen

Von Frank Christiansen (dpa)

Di, 27. November 2018

Panorama

Ob Mordfall Peggy oder Ötzi – forensische Pollenanalytiker sind handverlesene Spezialisten / Ihre Arbeit ist aufwändig und wertvoll.

WIEN/KÖLN. Um die letzten Stunden von "Ötzi" vor etwa 5250 Jahren aufzuklären, brauchte es einen Palynologen. Nur anhand des Blütenpollens im Verdauungstrakt der Gletschermumie konnte der letzte Weg des berühmten Steinzeitlers in den Alpen rekonstruiert werden – der Weg, den er ging, als ihn ein Pfeil aus dem Hinterhalt traf. Auch die Jahreszeit der Attacke konnte dank des Pollens bestimmt werden: das späte Frühjahr.

Jüngst hat die forensische Pollenanalyse erneut Aufsehen erregt, indem sie Bewegung in den Mordfall Peggy gebracht hat. An der Leiche der vor 17 Jahren verschwundenen Neunjährigen aus Bayern waren mit ihrer Hilfe Torfspuren gefunden worden. Der Verdächtige hatte am Tattag mit Torf gearbeitet. Der Mann hat inzwischen zwar nicht die Tat gestanden, aber seine Beteiligung am Verschwinden der Kinderleiche, die später in einem Wald in Thüringen entdeckt worden war.

"Die forensische Pollenanalyse ist eine exzellente, beweiskräftige und wunderschöne Methode, wenn sie von Profis durchgeführt wird", sagt der Kölner Kriminalbiologe Mark Benecke. "Sie ist ein wichtiger, aber arbeitsintensiver Beitrag der Botanik zur Kriminalistik."

Professorin Martina Weber von der Uni Wien ist eine der wenigen Expertinnen, die sich auf forensische Pollenanalyse spezialisiert haben. Kriminalisten pilgern zu ihr, um sich über die Methode zu erkundigen. Sie hat nicht nur die weltgrößte Pollen-Datenbank mit aufgebaut. Sie kann an der Uni Wien im Herbarium aus dem Vollen schöpfen, wenn es darum geht, einen seltenen Blütenpollen anhand eines Vergleichsstücks zu identifizieren.

Österreich gilt als Pionierland der forensischen Pollenanalyse. 1959 wurde dort der erste Fall mit Hilfe der Palynologie aufgeklärt. Dank eines fossilen Pollens der Hickorynuss konnte das Versteck einer Leiche im Umland von Wien so eingegrenzt werden, dass der Verdächtige aufgab und die Ermittler dorthin führte.

Um so weit zu kommen, werden die wenige Hundertstel Millimeter großen Pollenkörner erst einmal ausgewaschen, konzentriert und in einer Säuremischung gekocht. "Übrig bleibt die Pollenwand, die man mit einem Lichtmikroskop gut bestimmen kann", sagt Weber. Das dann errechnete Pollenspektrum zeigt, ob der Verdächtige durch eine Blumenwiese oder einen Wald gelaufen ist. Je seltener der gefundene Pollen, desto besser: "Mit einer äußerst seltenen Mutation eines Graspollens wurde in Neuseeland ein Täter überführt. Dass die Mutation an Leiche, Täter und Tatort haftete, konnte kein Zufall sein." Textilien seien hervorragende Pollenfänger. "Auch mehrmaliges Waschen nützt nicht, um alle verräterischen Pollenkörner loszuwerden." Auch aus den Atemwegen einer Leiche, den Haaren oder ihrem Verdauungstrakt können Pollen unters Lichtmikroskop befördert werden.

Forensiker hätten sogar ein historisches Verbrechen mit Hilfe der Pollenanalyse aufgeklärt, berichtet Benecke. Anhand des Pollens aus einem 1994 in Magdeburg entdeckten Massengrab habe sich die Tötung der darin entdeckten Opfer auf die Monate Juni und Juli eingrenzen lassen. Damit seien sie beim Volksaufstand in der DDR 1953 von der sowjetischen Geheimpolizei GPU getötet worden – und nicht 1945 von der Gestapo.