Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

18. April 2011 12:21 Uhr

Interview

Prostitution in Pflegeheimen: "Ein Tabuthema im Tabu"

Prostitution in Pflegeeinrichtungen – das hört sich seltsam an. Marion Detlefs findet das nicht. Sie vermittelt den Kontakt zwischen Huren und Heimen für Alte und Behinderte. Ein Interview.

  1. Die Prostituierte Jana kümmert sich in einem Bordell in Hamburg um die Bedürfnisse von geistig Behinderten. Foto: dpa/Archiv

  2. Marion Detlefs Foto: privat

Die Sozialarbeiterin Marion Detlefs arbeitet seit 16 Jahren bei der Berliner Prostituiertenberatungsstelle Hydra. Sie vermittelt dort den Kontakt zwischen Prostituierten und Heimen für Alte und Behinderte. Im Gespräch mit Laetitia Obergföll erzählt die 49-Jährige von positiven Reaktionen in den Heimen, wachsender Toleranz beim Pflegepersonal und überraschenden Erfolgen bei Behinderten.

BZ: Frau Detlefs, die Beratungsstelle Hydra hat Anfang der 90er Jahre Altenheime in Berlin angeschrieben und sich als Vermittlerin zwischen Heimbewohnern und Prostituierten angeboten. Wie sind Sie darauf gekommen?

Detlefs: Wir hatten eine Anfrage einer Sexarbeiterin, die sich auf Sexualbegleitung von Menschen mit Behinderung und älteren Männern spezialisieren wollte. Sie wollte wissen, ob wir sie dabei unterstützen können. Daraufhin habe ich Träger von Behindertenheimen und Pflegeheimen angeschrieben, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Prostitution ist ja ein Tabuthema. Die Sexualität von Menschen mit Behinderungen und alten Menschen auch. Wir haben es also mit einem Tabuthema im Tabu zu tun.

Werbung


BZ: Wie waren die Reaktionen?

Detlefs: Wir haben wahnsinnig gute Resonanz bekommen. Wir wurden zum Beispiel in einen Arbeitskreis der Senatsverwaltung für Gesundheit eingeladen. Dort waren viele Betreuerinnen und Betreuer, die sich schon seit längerer Zeit zusammengeschlossen hatten, um sich über Sexualität und die Möglichkeiten ihrer Bewohner und Patienten auszutauschen. Wir haben den praktischen Aspekt mit hineingebracht. Seit dem haben wir etwa einmal wöchentlich Anfragen.

BZ: Es gab in solchen Einrichtungen also bereits ein Bewusstsein für das Thema?

Detlefs: Auf jeden Fall. Das ist in Altenheimen so, viel stärker ist es aber in Behinderteneinrichtungen. Wenn Männer keine Möglichkeit haben, ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigt zu kriegen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit aggressiven Durchbrüchen reagieren. Oder sie werden unter Umständen grenzüberschreitend dem Pflegepersonal gegenüber. Pflegende sind seit geraumer Zeit in einem Konflikt: Natürlich gibt es noch immer viele Vorurteile gegenüber Prostitution, andererseits stehen sie unter Druck, diese grenzüberschreitenden Handlungen auszuhalten. Deshalb bittet uns inzwischen oft auch das Pflegepersonal um Vermittlung.

BZ: Wie waren die Reaktionen der Prostituierten?

Detlefs: Zeitgleich zu den Gesprächen mit den Einrichtungen hat sich auch der Pool der Sexualbegleiterinnen vergrößert. Diese Sexarbeiterinnen haben den Bereich als Nische entdeckt. Zum einen, um dem wachsenden Konkurrenzdruck in der Branche auszuweichen. Viele Frauen haben aber auch eine besondere Affinität zu dem Thema oder sehen eine Begabung bei sich, Sexualität in der Dienstleistung anders zu interpretieren. Diese Frauen finden die Begegnung mit den Menschen spannender als nur die klassischen 08/15-Stellungen abzuarbeiten. Das sind Frauen, die eine ganz andere Tiefe in ihrem Arbeitsfeld entwickelt haben. Ich habe jetzt etwa zehn Ansprechpartnerinnen, die ich vermittle.

BZ: Ist die Akzeptanz in den Einrichtungen im Lauf der Zeit noch gestiegen?

Detlefs: Da wir inzwischen viel Erfahrung haben, hat sich auch bei dem Pflegepersonal, das anfangs vielleicht skeptisch war, mehr Toleranz entwickelt. Wenn Frauen vermittelt werden, die reif sind, und wenn das Pflegepersonal merkt, dass sie drei gerade Sätze sprechen können, wird in den Köpfen einiges korrigiert.

BZ: Wie sind Ihre Erfahrungen mit kirchlichen Trägern?

Detlefs: Auch in der Kirche hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass Menschen sexuelle Bedürfnisse haben. Wie heißt es in der Bibel so schön: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

BZ: Speziell zu den Altenheimen: Sind die Kunden dort Männer, die auch früher in Bordelle gegangen sind? Oder erleben sie im Altenheim ihr erstes Mal mit einer Prostituierten?

Detlefs: Oftmals sind es Männer, die das jetzt zum ersten Mal machen. Sie waren zum Beispiel verheiratet, und ihre Frau ist verstorben oder Ähnliches.

BZ: Geht es diesen Männern hauptsächlich um sexuelle Befriedigung?

Detlefs: Nein, sie suchen auch Zärtlichkeit und Nähe und einen Menschen, der Zeit für sie hat. Dies ist aber auch in der normalen Prostitution nicht anders. Bei den Freiern gibt es eine unheimliche Sehnsucht nach Liebe, Nähe, Aufmerksamkeit und narzisstischer Bestätigung.

BZ: Wenn die Frauen in ein Heim gehen, fallen sie dann nicht auf? Und ist ihnen das in diesem Rahmen nicht unangenehm?

Detlefs: Nein, das sind Frauen wie Sie und ich, die müssen nicht per se auffallen. Prostitution zieht sich durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten. Und gerade die Frauen, die ich vermittle, sind reife und optisch völlig unauffällige Frauen. Ein prominentes Beispiel ist Nina de Vries, die den Begriff Sexualassistentin geprägt hat. Sie ist eine ganz beeindruckende Frau, und wenn man sie so sieht, würde man nicht im Entferntesten an Prostitution denken. Sie hat bei Behinderten wahnsinnige Erfolge für sich verbuchen können. Bei Menschen mit ausgeprägten Persönlichkeitsstörungen, Autismus oder Trisomie 21, Patienten, die durch und durch misstrauisch sind, die eine Mauer errichtet haben, konnte Nina durch ihre kontinuierlichen Besuche eine Öffnung erreichen. Das überzeugt dann natürlich auch das Pflegepersonal als geradezu therapeutisches Angebot.

BZ: Kommen die Prostituierten immer ins Heim oder gibt es auch Heimbewohner, die lieber ins Bordell wollen?

Detlefs: Es gibt Sexarbeiterinnen, die empfangen die Männer bei sich zu Hause, eine hat ein Wohnmobil, da ist je nach Mobilität alles möglich.

BZ: Gibt es eigentlich auch Frauen, die sich Männer kommen lassen?

Detlefs: Das ist ein heikles Thema. Erstens sind die Anfragen sehr selten. Das Pflegepersonal merkt in der Regel auch nichts, weil wir Frauen in unserer unbefriedigten Sexualität nicht so auffallen. Bei den wenigen Anfragen, die wir hatten, gibt es noch ein anderes Problem: Ich habe noch keinen ernstzunehmenden Callboy kennengelernt, den ich guter Dinge vermitteln würde. Wenn Männer Callboys werden, wollen sie die hübschen, jungen Frauen bedienen. Sie wollen nicht an Grenzen gehen. Allerdings ist es auch in der normalen Prostitution noch relativ selten, dass Frauen sich einen Mann kommen lassen. In Berlin gab es mal ein Bordell von Männern für Frauen – das hat aber relativ schnell wieder dichtgemacht.

Autor: Laetitia Obergföll