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25. Mai 2012

Laternenstreit

Elektro- statt Gasbeleuchtung in Berlin

Die Bundeshauptstadt beleuchtet von Juni an ihre Straßen nicht mehr mit Gas / Dagegen formiert sich Protest.

  1. Das kalte Elektrolicht (vorne) ersetzt das warme Gaslicht. Foto: dpa

BERLIN. Die Hauptstadt möchte die Gasbeleuchtung in ihren Straßenlaternen durch Elektroleuchten ersetzen. Das soll Geld und Strom sparen, obwohl die Umrüstung erstmal 30 Millionen Euro kosten soll. Mehrere Initiativen wehren sich dagegen. Für sie sind die Gaslaternen Kulturgut.

Wer einmal einen Berliner Winter erlebt hat, der weiß, warum man die Gaslaternen in dieser Stadt auf keinen Fall abschaffen darf: akute Depressionsgefahr. Es sind diese zermürbenden Tage, die man nach dem Ende der Dunkelheit (so gegen neun Uhr morgens) in einem labyrinthisch-monochromen Delirium verbringt – Häuser grau, Straßen grau, Himmel in etwa vier Metern Höhe sehr grau. Aber nachmittags gegen vier kommt die Hoffnung. Da wechselt der Tag plötzlich seine Farbe und wird warm und freundlich. Flupp – mit einem leisen Ton springen in langen Reihen die Gaslaternen der Stadt an: kerzenhaft gelb, schummrig und tröstlich in den Wohnstraßen der Großstadt.

In Berliner Amtsstuben kennt man jedoch nur Worte wie Effizienz und Emission. Und diese emotionsbefreite Betrachtung führt dazu, dass von Juni an Tausende Gasleuchten in der Stadt abgeschafft werden. Das will die Senatsbauverwaltung so, sie nennt es Fortschritt. Statt des warmen Lichts der veralteten Technik soll bald die moderne Elektroleuchte mit dem Markennamen Jessica die Stadt erhellen. Jessica spart CO2 (9200 Tonnen pro Jahr) und Geld (drei Millionen Euro im Jahr), so die Überzeugung der Fachleute. Die Gasleuchten sind in Betrieb und Wartung teuer. Laut Bauverwaltung braucht das Land jährlich etwa 240 000 Glühkörper für die Gasleuchten, die allein schon 1,2 Millionen Euro kosten. Die stellt nur noch ein indischer Anbieter her. Es gebe Lieferengpässe und Qualitätsschwankungen.

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Erst einmal kostet die Umrüstung: 30 Millionen Euro muss der Senat bis 2016 aufbringen um 8000 der besonders ineffizienten Gasreihenleuchten aus der Nachkriegszeit zu ersetzen. Der umstrittene Beschluss ist schon einige Jahre alt – genau wie die liebe Not, die die Hauptstadt damit hat, ihre etwa 180 000 Straßenlaternen zu betreiben.

Dass die Abschaffung der Gaslaternen ein echtes Politikum ist, kann man daran sehen, dass ihr selbst in der Koalitionsvereinbarung ein Passus unter der Überschrift "Berlin im richtigen Licht" gewidmet wurde. Mehrere Initiativen, darunter der Verein "Gaslicht-Kultur" wollen die Umrüstung mit einer an den Regierenden Bürgermeister gerichteten Petition aufhalten. Der Verein sieht ein Kulturgut der Hauptstadt gefährdet. Die ersten der damals modernen Leuchtkörper wurden 1826 Unter den Linden aufgestellt. Inzwischen gibt es sehr unterschiedliche Leuchten im Stadtbild – dazu gehören die Schinkelleuchten, die Touristen zum Beispiel am Kreuzberger Chamissoplatz erfreuen und die aus den 20er Jahren stammenden sogenannten Aufsatzleuchten, die in vielen Wohnstraßen verbreitet sind. Es gibt schnörkelige Grunewaldleuchten und fünfarmige Kandelaber.

Ausgetauscht werden erst einmal nur die sogenannten Reihenleuchten – die peitschenartigen Masten säumen vor allem große Berliner Straßen. Berlin hat bis heute fast 44 000 Gaslaternen und damit nicht nur mehr Traditionsleuchten als jede andere Stadt der Welt, sondern überhaupt mehr als die Hälfte der Gasbeleuchtung die weltweit noch existiert. Das könnte allerdings auch ein ernster Hinweis darauf sein, wie veraltet die Technik ist. Die Großstadt von morgen leuchtet eben kühl.

Autor: Katja Bauer