Glückliches Schicksal

Europas jüngstes Frühchen geht jetzt zur Schule

dpa

Von dpa

Do, 29. November 2018 um 20:30 Uhr

Panorama

Die heute achtjährige Frieda wurde in der 21. Schwangerschaftswoche geboren. So früh Geborene leiden oft an Behinderungen – nicht so das kleine Mädchen.

FULDA (dpa). Extrem unreif geborene Babys haben geringe Chancen, zu überleben und sich normal zu entwickeln. Die kleine Frieda überstand ihre Geburt nach etwas mehr als 21 Wochen mit Bravour. Obwohl sie Europas jüngstes Frühchen war, ist sie gesund. Jetzt ist sie acht Jahre alt.

Der Mediziner schaut dem Mädchen gern beim Spielen zu. Die kleine Frieda erkundet den Körper eines Teddybären und verpasst ihm eine Spritze. Reinald Repp sitzt neben ihr in einem Spielzimmer des Klinikums Fulda sie mit stiller Freude. Immer wieder huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Etwa wenn Frieda ein Organ aus dem Medizin-Kuscheltier herauszieht. Was er bei Friedas Anblick empfindet? Der Direktor der Fuldaer Klinik für Kinder- und Jugendmedizin sagt: "Dass wir das erleben dürfen, erfüllt mein Team und mich mit tiefer Dankbarkeit. Es grenzt nach wie vor an ein Wunder, dass sie so gesund und munter ist."

Frieda kam im November 2010 zur Welt. Statistisch hatte sie eine bescheidene Überlebenschance: Normale Schwangerschaften dauern 40 Wochen. Aber Frieda wurde bereits nach 21 Wochen und fünf Tagen entbunden. Sie war 26 Zentimeter groß und wog 460 Gramm – weniger als zwei Päckchen Butter. "Bis heute gibt es in Europa laut der Forschungsliteratur kein jüngeres Frühchen als Frieda", bestätigt Repp. In den USA sei ein Kind 2014 noch einen Tag früher zur Welt gekommen.

Solche extrem unreifen Kinder sind kaum lebens- und entwicklungsfähig. Mit einem gesunden Aufwachsen rechneten selbst die kühnsten Optimisten nicht. Aber die Kleine hat den Sprung ins Leben gemeistert. "Frieda geht’s gut", sagt Mutter Yvonne. "Sie ist ein aufgewecktes und fröhliches Kind, das uns viel Freude macht." Anfang November feierte Frieda ihren achten Geburtstag. "Ich habe eine Werkbank mit richtigem Werkzeug bekommen", erzählt sie, "und Puppenkleider, eine Schultafel und noch mehr." In die Schule geht Frieda seit dem Spätsommer. "Die Schule macht Spaß. Ich liebe den Sportunterricht", sagt sie und turnt über ein Klettergerüst im Spielraum der Kinderstation des Klinikums.

Frieda fährt Inliner, im Winter Ski und flitzt auf Schlittschuhen übers Eis. Auch das Seepferdchen habe sie geschafft. "Für solch ein kleines Kind hat sie viel Kraft. Und einen starken Willen hat sie auch", sagt die Mutter. Frieda wiegt 17 Kilogramm und misst 115 Zentimeter. "Damit ist sie leicht unter der Normalgrenze", urteilt Repp. Große gesundheitliche Probleme gebe es nicht, aber Besonderheiten. In der Schule bereite es ihr Mühe, still sitzen und konzentriert zu bleiben, sagt die Mutter. Doch sprachlich, sozial und intellektuell bringe sie alles mit, ergänzt Repp. Wenn Frieda nach der Schule heimkommt, sei das Essen zuweilen mühsam, sagt die Mutter. "Sie isst wenig. Lange Zeit war Essen lästige Pflicht." Mit Deftigem könne sie ihrem Kind Freude machen. "Sie mag Bratwurst mit Rotkraut."

Ess- und Aufmerksamkeitsprobleme sind nichts im Gegensatz dazu, was extrem unreifen Frühchen sonst droht. Lunge, Darm, Gehirn und Netzhaut können geschädigt sein. Es drohen Hirnblutungen und bleibende Behinderungen. "Aber die Medizin macht immer weiter Fortschritte, so dass die Chancen für Frühchen steigen", sagt Repp. Prognosen für Frieda aufzustellen, ist allerdings schwierig. Die Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin erklärt, verlässliche Aussagen etwa über die Bedingungen für eine Schullaufbahn könnten nicht getroffen werden.

Extrem junge Frühchen kommen in Deutschland immer wieder zur Welt. Paulina Emily wurde 2011 in Greifswald in der 23. Schwangerschaftswoche mit 490 Gramm und 27 Zentimetern geboren. In Dortmund überlebte ein Baby mit einem Geburtsgewicht von nur 280 Gramm. Und das Klinikum Fulda hat derzeit einen Jungen auf der Station, der seine Entbindung nach genau 22 Wochen überlebte, mit einer nur um zwei Tage längeren Schwangerschaftsdauer als bei Frieda. Friedas Zwillingsbruder überlebte allerdings nicht. Kilian starb sechs Wochen nach der Entbindung an Herz- und Darmproblemen. Frieda schaffte es, weil sie weniger Komplikationen in der ersten, fragilen Phase des Lebens hatte, begründet Repp. Seine Beobachtung: "Nicht alles ist erklärbar. Es fehlen Langzeit-Beobachtungen in der Forschung. Daher scheint vieles schicksalhaft. Im Fall von Frieda hat es das Schicksal gut gemeint."