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15. Juli 2017

Bertelsmann Studie

Fachverbände kritisieren fehlende Transparenz bei Rücken-OPs

Fachverbände kritisieren Studie der Bertelsmann Stiftung zu regionalen Unterschieden bei Operationen am Rücken.

  1. Röntgenaufnahme einer Rücken-OP Foto: stockdevil-stock.adobe.com

FREIBURG. Nach dem aktuellen "Faktencheck Gesundheit" der Bertelsmann Stiftung zu regional unterschiedlicher Häufigkeit von Rücken-Operationen melden sich nun Fachverbände zu Wort. Sie kritisieren die Methodik der Studie und gleichzeitig die mangelnde Kontrolle der Abrechnungsdokumentation von Operationen. Was derzeit noch fehlt, sei Transparenz.

Der "Faktencheck Gesundheit" der Bertelsmann-Stiftung hat nicht nur Patienten mit Rückenproblemen aufgeschreckt, sondern auch Krankenhäuser und Ärzteverbände. Eines der Ergebnisse der Studie ist, dass es stark vom Wohnort abhängt, ob ein Patient an der Wirbelsäule operiert wird oder eine konservative Therapie erhält. So landen Menschen aus Osthessen und Thüringen doppelt so häufig unter dem Messer als im Bundesdurchschnitt üblich. Dafür wurden Zahlen des Statistischen Bundesamtes zu Rückenoperationen ausgewertet, die als Basis für die Abrechnung mit den Krankenkassen verwendet werden. Manche Ärzte und Krankenhäuser zweifeln diese Zahlen an.

Fachgesellschaften wie die Deutsche Wirbelsäulengesellschaft (DWG) verweisen darauf, dass sich die Dokumentiergewohnheiten bei den Codes für Operationen (OPS-Codes, Anm. der Red.) "zwischen Ärzten, Fachabteilungen und Krankenhäusern unterscheiden können". "Einzelne OPS-Codes oder Fallmerkmale können entsprechend regional unter- oder überrepräsentiert sein", heißt es in einer Stellungnahme. Die DWG sieht darin ein Fehlerrisiko. Möglicherweise habe die Bertelsmann-Studie lediglich bundesweit große Unterschiede im Codier-Verhalten dokumentiert und nicht die Unterschiede in der Häufigkeit einer durchgeführten Operation. Die Bertelsmann-Stiftung widerspricht: "Wir gehen davon aus, dass kodierte Prozeduren auch tatsächlich durchgeführt wurden und durchgeführte Eingriffe gemäß den geltenden Regelungen auch kodiert werden", sagt Studienleiter Eckhard Volbracht.

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Über die verschiedenen Operationscodes als Abrechnungseinheit werden viele Millionen Euro im Gesundheitswesen bewegt, gleichzeitig gibt es kaum Kontrolle. Das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (IEnK) und das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) haben einen Leitfaden zur Verwendung der Codes herausgegeben, aber dessen Einhaltung wird kaum überprüft.

Daten-Journalisten der ARD haben in einer Dokumentation Experten der Krankenkassen befragt, die mit der Abrechnung von Operationen befasst sind. Diese können zwar nicht mit gesicherten Zahlen aufwarten, aber mit dem Eindruck, dass das Codier-Verhalten der Krankenhäuser nicht so unterschiedlich sei. Eine einzelne Operation kann zwar aus zehn und mehr kleinen und großen Schritten bestehen, die alle einen eigenen Code besitzen. Aber die Autoren des Faktenchecks haben sich auf den zentralen Teil des Eingriffs beschränkt – entweder auf die Versteifung der Wirbelsäule, auf die Entfernung knöcherner Anbauten am Wirbelkanal oder auf die Entfernung von Bandscheibengewebe. Hinter dem Code für die Versteifungs-OP steht ein hohes Honorar. Die beiden anderen OP-Prozeduren können zwar Bestandteile eines größeren Eingriffs sein, aber nach Ansicht der Bertelsmann Stiftung erklärt dies nicht die großen regionalen Unterschiede in der Häufigkeit der Operationen.

Eine Erklärung für das Ergebnis der Studie fehlt also immer noch. Experten vermuten, dass falsche finanzielle Anreize bei der Entscheidung eines Arztes eine Rolle spielen. Einig sind sich Ärzteverband und Bertelsmann-Studie, dass Patienten eine zweite Meinung einholen sollten, bevor sie sich unters Messer legen.

Autor: Rainer Kurlemann