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06. April 2013 00:00 Uhr

Erfindung

Instantkaffee feiert 75. Geburtstag

Vor 75 Jahren brachte das Schweizer Unternehmen Nestlé den ersten löslichen Bohnenkaffee auf den Markt – eine Erfindung, die weltweit Anklang fand.

  1. Jeder Deutsche trinkt im Durchschnitt pro Jahr 150 Liter Kaffee. Foto: Claudio Baldini / fotolia.com

Mittlerweile werden weltweit jährlich mehr als zehn Milliarden Tassen Nescafé getrunken – in Deutschland hat das Kaffeepulver allerdings nur einen Marktanteil von rund acht Prozent.

Anfang der 1930er Jahre lassen Börsencrash und Weltwirtschaftskrise den Kaffeeabsatz sinken. Doch gerade jetzt fahren die brasilianischen Kaffeebarone Rekordernten ein und die Überschüsse müssen tonnenweise ins Meer gekippt werden. Denn es besteht keine Möglichkeit, die leicht verderblichen Bohnen zu konservieren.

Auf der Suche nach einer Problemlösung wenden sich die Brasilianer an Nestlé. Die Schweizer haben sich als Schokoladen- und vor allem Milchpulverproduzent einen Namen gemacht. In den Laboratorien der Firma soll ein Kaffeekonzentrat in Würfelform entwickelt werden. Mit der Aufgabe betraut wird der Nahrungsmittelchemiker Max Morgenthaler. Sein Team müht sich vier Jahre vergeblich, bis die Versuche schließlich eingestellt werden. Heimlich experimentiert Morgenthaler zu Hause weiter – am Küchentisch. 1937 präsentiert er doch noch brauchbare Resultate, die Aromastoffe lassen sich durch den Zusatz von Kohlenhydraten konservieren. Ein Jahr später wird das Verfahren patentiert und die Produktion beginnt. Getauft wird das Getränk auf den Namen Nescafé, ein Kunstwort aus Nestlé und Café.

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Allerdings wird das neue Erzeugnis nicht in Würfelform angeboten, sondern als lösliches, braunes Pulver, um es flexibler dosieren zu können. Morgenthaler wird für seine Forschungen eine Beteiligung von einem Zehntel Promille des Umsatzes zugesichert. Ende der 1940er Jahre ändert Nestlé die Zusammensetzung des Instantkaffees, der Wissenschaftler will das nicht mitmachen und muss das Unternehmen 1955 verlassen. Für den Konzern entwickelt sich das Morgenthaler-Prinzip zum Milliarden-Geschäft. Die Umsatzbeteiligung hatte ihm das Unternehmen bereits 1952 gestrichen.

Nestlé hat den löslichen Kaffee populär gemacht, die Grundidee gab’s schon länger. Schon 1903 war von dem japanischen Apotheker Sartori Kato in Chicago ein Patent auf Instantkaffee angemeldet worden. Aber sein Gebräu aus pulverisiertem Bohnenextrakt schmeckte nur entfernt wie Kaffee und blieb ohne große Bedeutung. Erfolgreicher war der aus Belgien stammende George Constant Louis Washington. Auf seine Methode – er erzeugte Kaffeekristalle aus aufgebrühtem Kaffee – war er in Guatemala gestoßen. Im Jahr 1909 begann die Massenherstellung von "Washington’s Prepared Coffee". Obwohl der Instantkaffee eine gute Portion Koffein enthielt und im Ersten Weltkrieg unter der Bezeichnung "Cup of George" weithin Bekanntheit erlangte, konnte er seinen Siegeszug in Friedenszeiten nicht fortsetzen. Denn weder Aroma noch Geschmack reichten an frischen Bohnenkaffee heran.

Erst der 1938 vorgestellte Nescafé konnte diese Lücke schließen. Statt auf eingedampfte Kristalle setzte Nestlé auf die sogenannte Sprühtrocknungstechnik. Dabei wird der Kaffee zusammen mit warmer Luft in eine Trockenkammer gespritzt. Dort bildet er Tröpfchen, die sofort getrocknet werden. Zum Durchbruch gelangte Nescafé schließlich im Zweiten Weltkrieg, als die amerikanische Regierung Instantkaffee in großen Mengen aufkaufte. Der Jahresumsatz von Nescafé stieg zwischen 1938 und 1945 von 100 auf 225 Millionen Dollar, der Konzern zog weitere Produktionsstätten in Frankreich, Großbritannien und den USA hoch. Weil die Firma dennoch nicht genügend Kaffeepulver liefern konnte, entzogen die USA der Morgenthaler-Erfindung den Patentschutz. Konkurrenten wie General Foods mit der Tochtergesellschaft Maxwell kamen ins Geschäft. In Deutschland wurde das Pulver ab 1943 für die Wehrmacht hergestellt, Piloten erhielten extra Rationen, um wach zu bleiben. Instantkaffee wurde zur globalen Marke, in den 1950er Jahren mauserte er sich zum Lieblingsgetränk unter Jugendlichen. 1965 entwickelte Nestlé die Gefriertrocknung, dabei wird die Kaffeemasse schockgefrostet, dann gemahlen und die Flüssigkeit verdampft.

Jeder Deutsche trinkt im Durchschnitt pro Jahr 150 Liter Kaffee, knapp jede zehnte Tasse ist mit löslichem Kaffee gefüllt. Der Anteil von Nescafé liegt dabei bei rund 50 Prozent. Nestlé S.A. ist heute das weltgrößte Unternehmen für Nahrungsmittel – das hat es auch dem Pulverkaffee zu verdanken.

Autor: Michael Ossenkopp