Südfrankreich

Riesige Höhle von Lascaux zum dritten Mal originalgetreu nachgebaut

Stephan Clauss, Michael Heilemann

Von Stephan Clauss & Michael Heilemann

Sa, 10. Dezember 2016 um 00:01 Uhr

Panorama

Die Höhle von Lascaux wurde 1940 entdeckt, litt aber bald unter dem Besucherandrang. Also kopierte man sie. Nun wird der bereits dritte Nachbau in Südfrankreich eröffnet.

Das Vallée de la Dordogne in Frankreichs grünem Südwesten ist nicht erst seit gestern eine begehrte Adresse: Schon vor mehr als 20 000 Jahren erkannten die Menschen die Vorteile der Flusslandschaft. Die vom Wasser in den Kalkstein gefrästen Grotten, Höhlen und Felsvorsprünge (manche in bester Südlage) boten Schutz vor Regen, Sturm und wilden Tieren. Es gab Bisons, Wildpferde, Rehe und Rentiere, auch Bären. Kein Wunder also, dass Archäologen hier, in der Provinz Périgord, viele Schätze bergen und Spuren sichern konnten – in 25 Höhlen mit Felsenbildern und an fast 150 prähistorischen Fundstätten.

An den Höhlenwänden gibt es mehr als 2000 Malereien

"Anatomisch sind die Menschen der Cro-Magnon-Zeit von uns nicht zu unterscheiden. Ginge einer von ihnen in heutiger Kleidung durch eine Fußgängerzone, er würde nicht auffallen. Es handelte sich um moderne Menschen." Guillaume Colombo, der junge Mann, der dies sagt, ist selbst kein Höhlenforscher, sondern Marketingexperte. Er will mit den auch heute noch verbreiteten Vorurteilen aufräumen, bei unseren Vorfahren habe es sich um einfältige Höhlenbewohner gehandelt. Das ist sein Job. Er ist Direktor von "Lascaux IV" – dem bis ins Detail vollständigen Nachbau der berühmten Höhle aus der jüngeren Altsteinzeit, die seit 1979 zum Weltkulturerbe gehört. Hier wurden die besterhaltenen prähistorischen Malereien Europas gefunden – mehr als 2000 Figuren und Zeichen, fast ausschließlich Tierdarstellungen. Die Höhle diente wahrscheinlich kultischen Zwecken im Zusammenhang mit der Jagd.

An diesem Samstag soll Frankreichs Staatspräsident François Hollande im Städtchen Montignac, zu dessen Gebiet "Lascaux" gehört, die Replik offiziell einweihen. Fünf Tage später können die ersten Besuchergruppen hinein, der Kartenvorverkauf lief bestens. Drei Dutzend Künstler, 150 Unternehmen und der Einsatz modernster Technik machten dieses Wunder der Baukunst möglich – für nicht einmal 60 Millionen Euro, ein Bruchteil dessen, was beispielsweise die Hamburger Elbphilharmonie gekostet hat.

1940 wurde die Höhle entdeckt

Offiziell heißt die Höhlenreplik "Centre International de l’Art Pariétal Montignac-Lascaux", etwa internationales Zentrum für Höhlenmalerei. Es versteht sich als eine Hommage an die namenlosen Künstler der Steinzeit und ihre Mysterien. Die Londoner Sunday Times sprach bereits von "Frankreichs Kultursensation des Jahres".

"Lascaux IV"? Richtig, es handelt sich um eine weitere Kopie des schon mehrfach kopierten Originals (genannt "Lascaux I"). Die 1940 entdeckte Höhle – wegen ihres unglaublichen Bestiariums in größter Fülle, Vielfalt und Vollendung auch die "Sixtinische Kapelle der Steinzeitkunst" genannt – war nur 15 Jahre lang zugänglich, von 1948 bis 1963.

Denn der Ansturm von jährlich bis 220 000 Besuchern bekam den Gemälden nicht. Das Kohlendioxid ihres Atems und ihre Ausdünstungen brachten das Mikroklima in der Höhle zum Kippen. An den Schuhsohlen schleppten sie alle möglichen Organismen ein. Allmählich setzten die Bilder Algen und Schimmel an. Daraufhin ließ der Schriftsteller und Regisseur André Malraux, damals de Gaulles Kulturminister, den Zugang sperren. Heute scheint das Schlimmste verhindert. Dennoch wird die Höhle täglich überwacht durch Experten, die mit Atemmasken anrücken.

Die erste Kopie der Originalhöhle war bald überlastet

Als Ersatz für die Millionen von Fans in aller Welt diente von 1983 an "Lascaux II". Die Mutter aller Kunsthöhlen ist lediglich 200 Meter neben dem Original in den Kalkstein gebaut. Aber auch sie ist längst an die Grenzen der Belastbarkeit gelangt und von Pilzbefall bedroht.

Bis zu zehn Millionen Besucher waren in den vergangenen 30 Jahren durch die Replik geschleust worden, in der rund 90 Prozent der Tierbilder nachgezeichnet sind. "Lascaux II" steht deshalb künftig unter Denkmalschutz und wird nur noch sporadisch für Privatführungen und Kunstschulklassen genutzt.

Bei "Lascaux III" wiederum handelt es sich um eine mobile multimediale Ausstellung, die seit 2012 um die Welt geht. In diesem Jahr besuchte sie bereits Südkorea und wird derzeit in Japan begeistert gefeiert.

Nun also "Lascaux IV". Die Replik, die dem Besucher ein bisher nie dagewesenes Gefühl der Authentizität vermitteln will, hätte eigentlich schon früher eröffnet werden sollen.

900 Quadratmeter Höhlenwände nachgebaut im Maßstab ein zu eins

Doch es gab Streit um die Finanzierung. Wegen der Finanzkrise hatte der Staat seinen Beitrag gekürzt, in die Bresche sprangen die EU und Privatsponsoren. Die Replik war eine immense Herausforderung für Künstler, Techniker und Logistiker: In knapp 36 Monaten mussten rund 900 Quadratmeter Höhlenwände und -decken im Maßstab eins zu eins exakt nachgebaut werden.

Spezialisten erstellten von den Tierbildern und Zeichen hochauflösende 3-D-Scans. Die Kopien wurden dann von Hand auf die aus Styropor, Stahl und Acrylharz gefertigten Felsenimitate gemalt und graviert.

Ein Hund stürzte in ein Loch, die Höhle war gefunden

Rückblick: Ohne Robots Jagdinstinkt wäre damals, am 12. September 1940, das sensationelle Erbe aus der Vorzeit vielleicht nie entdeckt worden. Vier Jungen streiften mit dem kleinen Hund durch einen Wald bei Montignac. Robot jagte nach Kaninchen und stürzte dabei in ein größeres Loch, das ein umgestürzter Baum aufgerissen hatte. Als Marcel Ravidat, der älteste der Freunde, den Hund aus seiner misslichen Lage befreite, rutschte er selbst in den Karsttrichter.

Die Neugier der Jungen war geweckt. Und so kletterten sie vier Tage später hinab, erreichten die Stelle, die heute "axialer Seiteneingang" genannt wird. Bald darauf fanden sie sich in einer großen Felsenhalle wieder – dem späteren "Saal der Stiere". Im Schein ihrer Lampe erblickten sie als Erste die 17 000 bis 20 000 Jahre alten Tierbilder: überlebensgroße Stiere mit langen Hörnern, galoppierende Wildpferde, jede Menge Büffel und Hirsche mit Geweihen wie Baumkronen. Es war mitten im Zweiten Weltkrieg, und Frankreich war seit Monaten von Hitlers Truppen besetzt, als die Jungen die Höhle fanden. Nur der jüngste der vier, Simon Coencas, lebt noch. Der 90-Jährige hat "Lascaux IV" im Herbst besucht.

Malereien sind wohl innerhalb von 100 Jahren entstanden

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Lascaux sehr schnell zur großen Attraktion. Schon ab 1948 strömten Millionen Besucher in die arme Provinz, um die Stiere und Pferde im Original zu bestaunen. Wissenschaftler suchten die Bilder zu enträtseln. Sie tun das auch heute noch. Künstler waren voll der Bewunderung. Als Picasso zum ersten Mal nach Lascaux kam und die Werke erblickte, soll er ausgerufen haben: "Wir haben nichts dazu gelernt!"

Die Forschung geht davon aus, dass in Lascaux eine ganze Gruppe von Männern oder Frauen am Werk war – unter Anleitung eines Meisters, ihres Michelangelo, wenn man so will. Die Homogenität der Arbeiten lässt darauf schließen, dass sie in einer kurzen Periode von etwa 100 Jahren entstanden. Die Tiere an den Höhlenwänden sind ohne jeden Kontext dargestellt. Besonders beeindruckend ist, dass das Felsrelief genutzt wurde, um eine dreidimensionale Wirkung zu erreichen. Hier folgt der Rücken eines Stieres einem natürlichen Felsabsatz, dort entspricht der Bauch eines Pferdes einer Wölbung im Gestein.

Gemalt wurde mit den Handflächen, Moosbüscheln oder mit Tierhaar

Gearbeitet wurde im Licht von Talglampen. Die Farben haben die Künstler der Vorzeit aus Erde mit natürlich vorkommenden Pigmenten zusammengemischt. Sie wurden direkt mit den Handflächen, Fingern, Moosbüscheln oder mit Pinseln aus Tierhaar aufgetragen.

Selbst eine frühe Form von Airbrushing ließ sich in Lascaux nachweisen: Die Grundstoffe, so die Annahme, wurden zunächst zu einem feinen Pulver zerrieben, in den Mund genommen und mit einem Schluck Wasser vermischt. Die dergestalt angerührte Farbmischung wurde dann an die Wand geprustet. Die mit Speichel angebundene Farbe haftet hervorragend. Diese Methode dürfte allerdings Nebenwirkungen gehabt haben. Denn in den schwarzen Flächen der Originale fand man nicht nur harmlose Kohlepartikel, sondern auch Anteile eines Minerals, Manganosit, das halluzinogen wirkt. Verschluckt man es, was sicher nicht zu vermeiden war, dürfte es wie eine Droge gewirkt haben, so der französische Höhlenforscher Michel Lorblanchet.

400 000 Besucher pro Jahr kommen wohl bald nach Montignac

Mitte September in Montignac. Ein strahlend schöner Spätsommertag geht zu Ende. Der Fluss Vézère strömt grün und gemächlich an dem schmucken Städtchen vorbei. Montignac verfügt momentan über 80 Hotelbetten.

Die Gemeinde täte gut daran, noch einige Hundert vorzuhalten. Denn bald werden pro Jahr 400 000 Besucher kommen. Vorsichtig geschätzt.

An der Baustelle von "Lascaux IV" sind wir mit Direktor Guillaume Colombo verabredet, der sich am Ende eines Zwölf-Stunden-Tages die Zeit nimmt, Journalisten durch die Anlage zu führen, obwohl die eigentlich noch nicht begehbar ist. Ein schwarzer Vollbart umrahmt sein offenes Gesicht. Wie ein Pionier wirkt er, angetrieben vom energischen Glauben an den Sinn seiner Aufgabe. Noch einmal lässt die Abendsonne die Außenwände des flachen Gebäudes weiß aufleuchten, das sich mit scharfer Zackenlinie in den Waldrand einpasst und an das Opernhaus von Oslo erinnert. "Ganz genau", bestätigt Colombo, es waren dieselben norwegischen Architekten beteiligt, das Team von Snøhetta. Ihr Markenzeichen: die optimale, individuell konzipierte Anpassung eines Bauwerks an seine natürliche Umgebung und seine Funktion.

Alles wie im Original, nur der typische Höhlengeruch fehlt

Wir betreten zunächst die lang gestreckte Südterrasse des 8000 Quadratmeter großen Ensembles. Sie gibt einen weiten Blick über die Landschaft frei. Man bekommt einen Eindruck von den geografischen und klimatischen Bedingungen. Durch einen absichtlich schmal gehaltenen Gang geht es hinein zum Faksimile der Höhle von Lascaux. Es ist ein wenig feucht und düster im Raum, die Temperatur wird demnächst auf 13 Grad abgesenkt. Alles wie im Original. Nur der typische Höhlengeruch fehle, bemerkte Simon Coencas, einer der Entdecker von damals, bei seiner ersten Stippvisite.

Kann eine Reproduktion, und sei sie noch so makellos und präzise, jemals das Vorbild ersetzen, eine vergleichbare Aura verströmen, Faszination ausüben? Ja, sie kann es! Diese Kunstwerke sind von ebenso zeitloser Schönheit wie ihre Vorbilder: Alle Farben, jeder Pinselstrich und jede Ritzung wurden in noch nie dagewesener Originaltreue kopiert. Und die raffinierte Beleuchtung erlaubt einen langen, konzentrierten Blick auf diese eiszeitliche Tierwelt in ihrer ganzen mythischen Schönheit.

3-D-Kino in der Höhle

Bis zu einer Stunde dauert die Führung durch diesen Bereich, die immer in kleinen Gruppen erfolgt. Anschließend geht es zu einem großzügigen Patio, wo die Besucher allgemeine Informationen über die Steinzeit und ihre Bewohner erhalten. Im "Theater der Steinzeitkunst" wird die Arbeit der Prähistoriker und Archäologen erläutert, die sich in den letzten 200 Jahren radikal verändert hat. "Denn bis Darwins Evolutionslehre sich in der Forschung durchgesetzt hatte, wurden Höhlenmalereien wie etwa im spanischen Altamira noch als Fälschungen abgetan", erläutert Direktor Colombo.

Zum Schluss betritt der Besucher ein 3-D-Kino. Auf zwei großen Bildschirmen vorne und oben wird die Lascaux-Originalhöhle noch einmal in virtueller Realität erlebbar, dazu kommen Filmsequenzen aus anderen berühmten Höhlen der Welt. Der letzte Saal heißt "Galerie des Imaginären" und beschäftigt sich mit dem Wesen und der Theorie der Höhlenkunst. Auf 90 Bildschirmen ist jeweils ein bedeutendes Kunstwerk zu sehen, das in Beziehung steht zu den ersten Künstlern Europas. "Wir sind kein Museum, wir können uns keinen echten Picasso leisten", sagt Colombo.

Ars longa, vita brevis, das Leben ist kurz, die Kunst ist lang. Ist das die Botschaft? "Ich würde eher sagen: Es ist ein schönes Weihnachtsgeschenk. Ein Geschenk von ihnen an uns", antwortet Colombo: "Als wollten sie sagen: Wir waren vor euch da. Das hier sind unsere Bilder, unsere Zeichen. Und jetzt kommt ihr. Macht was draus!"

Mehr zum Thema: