Spielerisch Musik entdecken

Toccarion in Baden-Baden

Silke Kohlmann

Von Silke Kohlmann

Fr, 26. Januar 2018

Baden-Baden

Instrumente ausprobieren, den richtigen Rhythmus im Tanzkeller finden: Ein Besuch im Toccarion in Baden-Baden .

Mit den Füßen Klavier spielen? Mit einer Luftpumpe Töne erzeugen? Oder gar einer Blockflöte die Hand geben? Geht nicht? Geht doch! Im Toccarion in Baden-Baden. Der Musik-Mitmach-Ort für Kinder ist ans Festspielhaus angeschlossen und dementsprechend von den Musikexperten schlechthin entwickelt. Ein Ort, an dem Kinder alle klassischen Instrumente ausprobieren, aber auch mit neuester Hightech coole Rhythmen erzeugen können. Und ein Ort, an dem sie mit der eigenen Stimme experimentieren können.

Ausprobieren steht an erster Stelle, begleitet werden die Kinder – an Wochenenden dürfen auch Eltern teilnehmen – von Musiklotsen. Diese führen in die verschiedenen Themenbereiche ein, regen zum Ausprobieren an und achten darauf, dass mit den wertvollen Instrumenten und eigens angefertigten Installationen pfleglich umgegangen wird.

Gestartet wird, Kinder wie Erwachsene mit frisch gewaschenen Stoppersocken an den Füßen, im Untergeschoss. Auf einem kuscheligen Teppich liegend tauchen wir ein in die Welt der Klänge, die Beleuchtung des Raumes verändert sich von kühlem Blau zu warmen Rottönen, ebenso wechselt die Musik ihre Klangfarbe. Lotsin Stefanie Baumann fragt die Kinder nach ihren Empfindungen beim Zuhören. Traurig sei die Musik am Anfang gewesen, später immer lustiger und wilder, finden die Grundschüler, die heute das Toccarion erobern. Lauschen darf man auch im nächsten Raum, aber der eigenen Stimme. Die hört sich im Hallkristall ganz anders an: Mal brummend tief, mal piepsig wie eine Maus.

Aber was passiert eigentlich in unserem Körper, wenn wir sprechen oder singen? Klar, da sind irgendwie die Stimmbänder beteiligt. Aber wie? Und was braucht es noch? An der Stimmenmaschine lässt es sich leicht begreifen: Ein Gummiband ersetzt die Stimmbänder. Damit das in Schwingung versetzt wird, braucht es einen Luftzug. Im Körper kommt der aus der Lunge, im Modell tut’s ein Blasebalg, der kräftig bearbeitet werden darf. Aber auch das reicht noch nicht, um einen Ton erklingen zu lassen. Im Körper strömt die Luft dann in den Mundraum, im Modell stehen dafür unterschiedliche Trichter bereit. In die Maschine gesteckt, erzeugen die ganz unterschiedliche Töne. "Der Große macht so was wie ein A", findet Marie. Der Dünne dagegen lässt beinahe ein U erklingen. "Genau wie wenn ich den Mund schmal mache", hat die Siebenjährige direkt erkannt.

Nach dem Erforschen der eigenen Stimme geht es weiter. Jetzt ist Rhythmusgefühl gefragt, im Tanzkeller. In der Theorie klingt es ganz einfach: Taucht auf dem begehbaren Touchscreen ein Lichtpunkt auf, soll man einen Schritt darauf machen. Gar nicht so leicht, gleich den richtigen Rhythmus zu finden und die Schritte gut zu platzieren. Wer aber den Dreh raus hat, der schafft es, durch richtige Treffer ein ganzes Musikstück aufzubauen und Tänzer an einer Leinwand gegenüber zum Leben zu erwecken. Beschwingt und stolz wandern wir schließlich wieder ins Erdgeschoss.

Edles Parkett, getäfelte Wände und eine goldgeschmückte Decke empfangen uns im Fürstenzimmer. Dies ist ein weiteres Verdienst der Sigmund-Kiener-Stiftung: Sie hat nicht nur das Toccarion als Kinder-Musik-Welt gestiftet, sondern auch das Gebäude, in dem es beherbergt ist, saniert und teilweise in den Originalzustand zurückversetzt: den alten Baden-Badener Bahnhof. Ein Kleinod darin ist eben dieses Fürstenzimmer, ein Privatraum des Großherzogs von Baden, in dem er einst den Kaiser, aber auch weltweit bekannte Künstler empfing. Die Züge hielten einst exakt so am Bahnsteig, dass sich die Türen zum Fürstenzimmer öffneten und der Großherzog ihnen entgegentreten konnte.

Heute sind im Fürstenzimmer die Kinder die VIPs. Ringsum im Raum reihen sich die Instrumente aneinander: Geigen und Celli, Bratschen und Bässe, Oboen und Klarinetten, Posaunen und Trompeten. Und diese wertvollen Stücke dürfen tatsächlich in die Hand genommen und gespielt werden. Richtig ehrfürchtig aufgrund des Ambientes scheint manches Kind. Zögernd nimmt Marie auf dem Stuhl hinter dem imposanten Cello Platz, vorsichtig streicht sie die Saiten, aber so recht will ihre linke Hand nicht den Instrumentenhals umfassen. "Zu groß", befindet sie kurze Zeit später. Besser gefällt es ihr, die Saiten der Harfe zu zupfen. Auch der Querflöte entlockt sie erste zarte Töne. Dann aber ist es gefunden, das Instrument, das wirklich zu ihr passt: die Geige. Liegt gut in der Hand, klingt warm – perfekt.