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20. Januar 2010 20:41 Uhr

Kriminalität

Einbrecher arbeiten inzwischen trinational

Am Oberrhein häufen sich wieder die Einbrüche – und die Täter sind immer schwerer zu fassen. Im Visier haben die Banden ganz normale Häuser und Wohnungen. Es kann also jeden treffen.

  1. Vorsicht Langfinger Foto: © www.nicht-bei-mir.de

Diesmal kommen die Täter nicht mit dem Zug. Diesmal fahren sie im eigens gekauften Wagen vor. Französisches Nummernschild im Grenzgebiet, ein paar junge Männer mit dunkler Hautfarbe, die sich vorsichtig umsehen – für die Nachbarn Grund genug, die Polizei zu rufen. Als die Beamten eintreffen, finden sie in den Taschen der Verdächtigen einzelne Socken, einen Schraubenzieher, zugeschnittene Teile aus festem Plastik – ein Hilfsmittel, das gerne verwendet wird, um Wohnungstüren zu entriegeln – lauter Dinge also, die man bei jemand vermuten würde, der unerlaubt und unerkannt eine fremde Wohnung besuchen möchte.

SCHRAUBENZIEHER NOCH KEIN BEWEIS

Solche Szenen haben sich seit dem Sommer 2009 massenhaft abgespielt in den ruhigeren Wohnvierteln von Freiburg, Offenburg oder anderen Orten am Oberrhein. Und meist konfrontieren sie die Polizisten mit dem gleichen Problem: "Wenn sie bei jemanden einen Schraubenzieher finden, haben sie nicht automatisch einen Beweis für eine Straftat", sagt Hans Stöckel, Kriminalhauptkommissar bei der Landespolizeidirektion Freiburg. Also bleibt dem Polizist keine andere Wahl, er muss einen solchen Verdächtigen laufen lassen.

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Dabei wäre das präventive Eingreifen der Staatsmacht jetzt besonders gefragt. Momentan rollt wieder eine Einbruchswelle über die Oberrheinregion hinweg. Allein im Raum Freiburg erhielten um die Weihnachtsfeiertage mehrere Dutzend Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen unerwünschten Besuch – meist am helllichten Tag. Manchmal war das Diebesgut kaum mehr als hundert Euro wert.

Die Vorgehensweise der Täter ist fast immer dieselbe: Sie fahren in Trupps vor und arbeiten bestimmte Viertel ab. Bemerkenswert ist auch: Es sind keine besonders teuren, keine besonders auffälligen Häuser und Wohnungen. Es kann also jeden treffen. Innerhalb von Sekunden öffnen die Einbrecher die Wohnungstür, anschließend werden schnell die Wohnräume inspiziert. In der Regel verschwinden vor allem die kleineren Wertgegenstände, Uhren, Schmuck oder Bargeld. Dinge also, die leicht verkäuflich sind.

Ein weiteres Muster: Die Täter gehen meist den Weg des geringsten Widerstandes. Manchmal ist schon eine doppelt verschlossene Tür Hürde genug, um die Eindringlinge abzuhalten. Oft ziehen sie dann weiter zum nächsten, leichter bezwingbaren Objekt.

EINIGE JAHRE WAR RUHE

Vor fünf Jahren litt die Region schon einmal unter ähnlichen Attacken. Dann wurde gezielt ermittelt, ein Drahtzieher gefasst und dieser zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Danach war einige Jahre Ruhe.

Damals verübten nahezu immer Kinder die Einbrüche. Inzwischen sind die Einbrecher älter geworden, oft kommen sie sogar mit dem Auto. "Kinder unter 14 Jahren sind diesmal nur in einem von drei Fällen die Täter", sagt Ulrich Heffner, Sprecher des Landeskriminalamtes in Stuttgart. "Zumindest soweit wir jemand ertappt haben und festhalten konnten."

Welches Ausmaß das aktuelle Problem hat, dazu will sich auf den Polizeidienststellen niemand festlegen. Die Spuren seien zu uneindeutig, heißt es, und alle Zahlen schwer belegbar. Auffällig vorsichtig ist man auch, wenn es darum geht, bestimmte Bevölkerungsgruppen mit den Problemen in Verbindung zu bringen. Allerdings räumt Heffner ein: "Es handelt sich schon häufig um Angehörige reisender Familien aus Ost- und Südosteuropa."

"Diese Kinder werden gesteuert."David Weiß, Polizist
David Weiß, ein junger Beamter in modischen Jeans und Jackett, leitet seit August 2009 eine Ermittlungsgruppe mit dem Namen Venus, die vom Landeskriminalamt auf die Hintermänner der Einbrecher angesetzt wurde. Er und vier weitere Beamte agieren vom gemeinsamen deutsch-französischen Polizeizentrum in Kehl aus. Hier wurde die Ermittlungsgruppe angesiedelt, weil sie so bei den Recherchen auf ein Netzwerk grenzüberschreitender Kontakte aufbauen kann.

Vor fünf Jahren schienen die Täter vor allem von Frankreich aus zu operieren. Von dort aus starteten sie tagsüber ihre Beutezüge den Oberrhein entlang per Zug, um sich abends wieder in ihren Rückzugsraum jenseits der Grenzen zu flüchten. Die vermeintliche Sicherheit vor den deutschen Behörden in Frankreich sei aber schon damals eine Illusion gewesen, betont David Weiß. "Das ist nur Täterdenken." Heute müsse man allerdings davon ausgehen, dass die Täter auch aus Deutschland kommen.

Weiß’ Schreibtisch steht in der sanierten, Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Großherzog-Friedrich-Kaserne. Die Europabrücke und der Bahnhof liegen ganz in der Nähe. "Alle Täter, die bislang aufgegriffen wurden, verschleiern ihre Herkunft. Wenn überhaupt, geben sie einen falschen Wohnort an und sie verschweigen ihr wahres Alter", erzählt Weiß. Längst beschränken sich die Diebe nicht mehr auf den Oberrhein. Inzwischen agieren sie weit in die grenznahen Bundesländer hinein und darüber hinaus.

"Unsere Ermittlungen haben ergeben, dass einzelne Täter auch in Köln oder Hamburg Spuren hinterlassen haben", so der Experte. Abgegriffene Uhren und eine Perlenkette liegen neben seinem Computer – Diebesgut aus Wohnungseinbrüchen. Jeder Gegenstand steht akkurat auf seinem Plastiktütchen. Auch ein Notfallhammer aus rotem Plastik liegt da. Tatwerkzeug, mit dem die Diebe Fensterscheiben einschlagen.

HOCHMOBILE TÄTER

Derartige Indizien bringen die Polizisten aber oft kaum weiter. Hämmer werden weggeworfen oder getauscht, geklaute Gegenstände nach dem Einbruch gebunkert oder an Dritte übergeben. Auch deshalb steht fest: Die Täter sind hochmobil und mit einer Logistik ausgestattet, die nahe legt: "Diese Kinder und Jugendlichen werden aller Wahrscheinlichkeit nach gesteuert", so Weiß.

Basel war als erste große Stadt am Oberrhein dran. Kaum hatte die Schweizer Polizei die deutschen Kollegen im vergangenen Sommer gewarnt, schnellten hierzulande die Einbruchszahlen hoch, zuerst in Emmendingen, dann im Regierungsbezirk Freiburg, schließlich in Offenburg. "Im Sommer 2004 und 2005 baute sich die Zahl der Straftaten langsam auf", erinnert sich Hans Stöckel. Als deutscher Vertreter in der trinationalen Polizeikonferenz hat er einen guten Überblick über das, was im Grenzgebiet passiert. Heute sind auch die elsässischen Départements von hohen Einbruchszahlen betroffen.

Wenn in der Öffentlichkeit nun wieder Kinderbanden aus dem Elsass am Pranger stehen, fühlen sich vor allem in Frankreich heimische Sinti und Roma verleumdet. "Mit der reisenden Bevölkerung aus Osteuropa haben wir nichts zu tun", wehrt sich Dominique Steinberger, ein Sinti, der im Elsass aufgewachsen ist und sich für die Rechte seiner Minderheit engagiert. "Klar wird bei Festnahmen geäußert, die Kinder kämen aus Frankreich, aber wenn wir das überprüfen, stimmt das oft gar nicht", erklärt auch Weiß.

So werden Täterbeschreibungen dokumentiert, Indizien gesammelt, Wege rekonstruiert. Mehr und mehr tasten sich die Ermittler an die Hintermänner heran. Weiß streift die Plastikhandschuhe ab, nachdem er das Diebesgut auf dem Schreibtisch verpackt hat. "Das Problem ist, dass wir ganz selten verlässliche Angaben haben."

Aber es gibt auch Lichtblicke: Mitte Oktober wurde im Raum Karlsruhe ein junger Mann festgenommen, der angeblich jünger als 14 Jahre alt war. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit Frankreich ergab: Seine Altersangaben waren falsch, er war doch strafmündig.

Autor: Bärbel Nückles